27. Januar 2026
In den vergangenen 15 Jahren hat Syrien tiefgreifende und schmerzhafte Veränderungen durchlebt. Was als politische Unruhen begann, entwickelte sich zu einem langanhaltenden Konflikt, der die soziale, wirtschaftliche und demografische Wirklichkeit des Landes grundlegend veränderte. Viele Städte, darunter auch Aleppo, erlebten Zerstörung, Wellen der Vertreibung und massive Störungen des alltäglichen Lebens. In den darauffolgenden Jahren lasteten Veränderungen in der Regierungsführung, fortbestehende Sanktionen, wirtschaftlicher Zusammenbruch und die Folgen des Krieges weiterhin schwer auf Familien aller Herkunft.
In dieser komplexen und fragilen Situation bemühen sich die christlichen Gemeinschaften, ihren Glauben, ihre Institutionen und ihre Präsenz in dem Land zu bewahren, in dem sich das Christentum zuerst ausbreitete. Trotz Auswanderung und täglicher Entbehrungen bleiben die Kirchen geöffnet, und das Gemeindeleben geht weiter – oft still und mit großer Ausdauer.
In diesem Zusammenhang ist der Auftrag der Kirche nicht politisch, sondern seelsorglich: den Menschen nahe zu bleiben, geistliche Stärke zu schenken und Hoffnung zu bezeugen. Christian Peschken (EWTN) sprach mit Jean-Clément Jeanbart, dem emeritierten melkitischen griechisch-katholischen Erzbischof von Aleppo und Apostolischen Visitator der melkitischen Kirche in Westeuropa, der unter seinen Gläubigen lebt und wirkt, über Glauben, Gebet und die inneren Quellen, die das christliche Leben in Syrien heute tragen.
In Zeiten der Not: Welche Botschaft des Evangeliums stärkt Ihren eigenen Glauben am meisten und hilft Ihrem Volk, die Hoffnung lebendig zu halten?
Für uns Gläubige ist es letztlich das gesamte Neue Testament, das uns eine neue Welt verkündet, die mit der Auferstehung Christi nach seinem Tod beginnt. Das spricht uns tief an und legt die Hoffnung in unser Herz. Sein Sieg über die tödliche Vergänglichkeit der Welt und über die Widersprüche ihrer irdischen Machthaber gibt uns die Gewissheit, dass uns eine bessere Welt verheißen ist, die alle Opfer und Widerwärtigkeiten wert ist. Und wir wissen: Der allmächtige Herr ist treu und steht zu seinen Verheißungen.
Hier auf Erden hat Jesus uns versprochen, uns nicht als Waisen zurückzulassen, und dass kein einziges Haar von unserem Haupt fällt, ohne dass er es weiß. In diesen Zeiten der Verwirrung – welchen besseren Zufluchtsort gibt es für unsere Christen als die Kirche, das Haus Gottes? Er hat uns seine bleibende Gegenwart unter uns verheißen, und zwar schon hier auf Erden. Das hat sich im Lauf der Jahrhunderte bestätigt, wie die bewegte Geschichte der Kirche, bei uns wie auch im Westen, deutlich gezeigt hat.
„Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“, hat er uns versprochen. Und siehe: 2000 Jahre schwerer Prüfungen und Wechselfälle sind vergangen, und sie ist immer noch da, voller Leben. Manchmal ist sie ruhig und strahlend, manchmal verfolgt und leidend, aber immer lebendig und voller Hoffnung auf eine verwandelte und bessere Zukunft, im Vertrauen auf den, der sie gemäß seiner Verheißung treu führt und nicht aufhört, sie zu beschützen. Letztlich ist es in ihr, dass wir und unsere Gläubigen sowohl unser Überleben hier auf Erden als auch unser Ziel in der neuen Welt finden, die auf uns wartet.
Wie tragen Gebet und Sakramente heute das tägliche Leben der christlichen Familien in Aleppo?
Es ist klar, dass die Christen von Aleppo, wenn sie sich dem Herrn und seiner Kirche anvertrauen, dort auch die Energie und die Kraft ihres Widerstands in großen Prüfungen suchen. Die Kirche ist das Gefäß des Heiligen Geistes, Quelle von Kraft, Lebenskraft und göttlichen Gnaden. Der Erlöser hat ihr seine Sakramente anvertraut, als Elemente des christlichen Lebens und als Geheimnisse des Heils.
Wir ermutigen unsere Gläubigen zur religiösen Praxis, die für sie unverzichtbar ist, um sich in die christliche Familie einzufügen und sich im schützenden Haus Gottes zu Hause zu fühlen. Wir beten für sie und mit ihnen, denn sie brauchen das Gebet, um ihren Glauben zu beleben und die Hoffnung, die in ihnen ist, neu zu vergegenwärtigen.
Wir tun unser Bestes, um ihnen die Sakramente zu spenden, die ihre christliche Widerstandskraft gegen die Verzweiflung erneuern und in ihnen die Liebe des Herrn neu entfachen. Diese Liebe trägt sie zur Hingabe an andere und zu einer weiten und oft überraschenden christusgemäßen Großherzigkeit.
Welche Rolle spielt Vergebung bei der Heilung der Herzen und beim Wiederaufbau von Vertrauen in den Gemeinschaften nach so viel Leid?
Ob man es will oder nicht: Vergebung und Versöhnung, manchmal zu einem Preis, der bis zum Kreuz gehen kann, bleiben nicht ohne Frucht. Wie viele Familien wurden gerettet durch die Großherzigkeit und die Vergebung eines Ehepartners, trotz eigener Unschuld. Und wie viele Kriege wurden vermieden oder Streitigkeiten beendet durch eine Versöhnung, die durch das wohlwollende Entgegenkommen einer der Konfliktparteien möglich wurde.
Bei uns in Syrien waren die Christen trotz aller erlittenen Wechselfälle immer nachsichtig und Befürworter der Versöhnung mit ihren Mitbürgern. Dabei hielten sie sich an ein Sprichwort, das unseren Vorfahren lieb war und das sie oft wiederholten: „Vor Gericht ist die Herrin der Urteile immer eine angenommene Versöhnung.“ Sie ist in der Tat gut und für alle Parteien zufriedenstellend.
Ich muss anerkennen, dass es klug war, stets eine Einigung zu suchen. Das hat meist gute Ergebnisse gebracht und auf lange Sicht eine Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens, der Ruhe und des friedlichen Zusammenlebens mit unseren Nächsten im Land entstehen lassen.
Was können Katholiken weltweit vom Glauben und der Standhaftigkeit der Kirche in Syrien lernen?
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Ich denke, dass die Katholiken im Westen von niemandem Lektionen annehmen müssen. Es genügt, ihre alte wie auch ihre jüngere Geschichte zu lesen, um zu sehen, wie ihre gläubigen und tapferen Vorfahren zu kämpfen wussten, um Christus und seiner Kirche treu zu bleiben.
Dennoch möchte ich die Aufmerksamkeit unserer christlichen Brüder darauf lenken, dass unsere Standhaftigkeit trotz allem, was wir erlitten und ertragen haben, mit unserem tiefen Glauben an Gott und an seine Allmacht zusammenhängt. Unser Glaube an seine unermessliche Größe hat uns dazu geführt, das unaussprechliche Geheimnis unseres Daseins anzunehmen, das Frucht seiner grenzenlosen Liebe ist, und demütig anzuerkennen, dass – wie der Herr Jesus klar gesagt hat – niemand den Vater kennt außer dem Sohn, der ihn der Welt offenbaren kann. Und um in die Tiefe dieses Geheimnisses einzutreten, so hat er uns gelehrt, müssen wir in ihm neu geboren werden und die Spontaneität und Unbefangenheit der Kindheit wiederfinden, um es zu verstehen.
Ausgehend von diesem einfachen und tiefen Glauben können wir hinausfahren auf das weite Meer der himmlischen Lehre Christi und den Reichtum seiner grenzenlosen Barmherzigkeit für die Seinen betrachten, besonders für jene, die ihm vertrauen und ihn anrufen. So ist es letztlich unser beständiges Gebet, das uns den Beistand seiner Hilfe in unseren Nöten erlangt hat. Wenn der Herr mit uns ist, selbst wenn er manchmal zu schlafen oder unsichtbar zu sein scheint, ist unser Boot weder vom Untergang noch von den Stürmen bedroht. Wir haben uns dem Erlöser anvertraut, und er hat uns nicht enttäuscht.
Wie kann die Weltkirche die Christen im Nahen Osten durch Gebet und Solidarität am besten begleiten und geistlich unterstützen?
Seine Heiligkeit Papst Leo XIV. hat sich am 14. Mai 2025 in seiner ersten Ansprache an die Hirten der Ostkirchen und an ihre Gläubigen an die Katholiken in der ganzen Welt gewandt und die Christen weltweit mit eindringlichen und mitfühlenden Worten aufgerufen: „Die Kirche wird nicht müde zu wiederholen, dass die orientalischen und lateinischen Christen – besonders im Nahen Osten – auf ihrem Land ausharren und standhalten sollen, stärker als die Versuchung, diese Länder zu verlassen. Man muss den Christen die Möglichkeit geben, und nicht nur in Worten, auf ihrem Land zu bleiben, mit allen Rechten, die für eine sichere Existenz notwendig sind. Ich bitte euch, euch dafür einzusetzen.“
Das ist es, was wir von unseren christlichen Brüdern in der Welt erwarten. Unser geliebter Papst hat alles gesagt, und wir danken ihm von ganzem Herzen. Es ist notwendig, dass unsere Christen ausharren und dort bleiben können, wo der Herr sie hingepflanzt hat – zu ihrem eigenen Wohl und damit sie eines Tages durch ihr so sehr erwartetes Zeugnis in der Region, in der sie leben, Frucht bringen können.
Um Erleichterung zu erfahren, brauchen sie neben dem Gebet vor allem, dass ihre Brüder in der Welt dafür sorgen, dass sie in Sicherheit in ihren Häusern leben und in den Ländern, in denen sie wohnen, ihre vollen bürgerlichen Rechte genießen können. Sie brauchen auch humanitäre Hilfe, deren beste Form darin bestünde, ihnen die Möglichkeit zu geben, zu arbeiten, um würdig vom Ertrag ihrer Mühe und vom Schweiß ihrer Stirn zu leben.
Jungen Menschen zu helfen, eine Arbeit und eine Wohnung zu finden, wäre eine bedeutende Unterstützung, die es vielen von ihnen ermöglichen würde, auf die Auswanderung zu verzichten, die unsere Standhaftigkeit in Syrien bedroht. Wir unternehmen große Anstrengungen, um sie zu unterstützen, indem wir ihre kleinen Projekte fördern, die für sie zu Start-ups werden können. Eine Gruppe engagierter Gläubiger hat kürzlich die Initiative „Arbeiten, um zu bleiben“ gegründet, eine NGO, die ihnen langfristige, kostenlose und zinslose Darlehen gewährt. Ich denke, wenn unsere Brüder im Westen dieser Einrichtung helfen, sich weiterzuentwickeln, werden sie unseren weniger begünstigten Gläubigen ermöglichen, würdig zu leben und glücklich in ihrer Heimat unter den Ihren zu bleiben.
Hinweis: Interviews wie dieses spiegeln die Ansichten der jeweiligen Gesprächspartner wider, nicht notwendigerweise jene der Redaktion von CNA Deutsch.




