4015 Stunden aus der Nähe gegen 40 Sekunden aus der Ferne

Wie der römische Schleier der Veronika zurück in die Welt kam

Darstellung des heiligen Franziskus mit dem Volto Santo
Foto: (CC0)
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Das schwere Erdbeben in den Abruzzen von 1915 beschädigte auch die Michaelskirche in Manoppello der Kapuziner schwer. 1923 begannen sie mit dem Wiederaufbau, der auch das dort aufbewahrte Volto Santo wieder in jenes Licht rückte, das es im Mittelalter als Veronika schon einmal hatte. Anlässlich der 400 Jahre alten Gegenwart der Kapuziner in Manoppello und des Festes des Heiligsten Antlitzes am 6. August hat Pater Antonio Gentili OFM Cap., der neue Rektor des Heiligtums, den EWTN-Korrespondenten Paul Badde gebeten, an die letzten Stationen des Volto Santo auf seinem Weg zurück zur Weltgeltung zu erinnern. In seinem Vortrag am 4. August gliederte Badde diesen Weg in acht Schritte.

Erster Schritt: Der Umbau der Sankt Michaels-Kirche 1923 führt zu einer Nähe wie noch nie zuvor

Das neue Zentrum der universalen Weltkirche ist nicht länger Rom, wird Papst Franziskus nicht müde zu betonen, sondern die Peripherie. Und hier sind wir nun, wie schon Erzbischof Gänswein am 16. Januar 2016 betont hat, in Manoppello. Und hier war der erste und wichtigste Einschnitt in der Wiederentdeckung des Heiligen Sudariums und seiner Verehrung in der ganzen Welt das Erdbeben von Avezzano vom 5. Januar 1915 mitten im ersten Weltkrieg. Bis dahin wurde das Schweißtuch Christi in der Michaelskirche auf dem Tarigni-Hügel das ganze Jahr über in einem Tresor in der rechten Seitenkapelle aufbewahrt. Er glich einem Tabernakel und seine Tür konnte nur gemeinsam mit drei Schlüsseln geöffnet werden, die sich im Besitz des Guardians der Kapuziner, des Pfarrers von San Nicola und des Bürgermeisters von Manoppello befanden.

Daran änderte auch das Erdbeben von 1915 zunächst nichts. Denn die Katastrophe ereignete sich ja mitten im I. Weltkrieg. Deshalb dauerte es noch bis 1923, bis der Guardian Roberto da Manoppello einen Umbau des Heiligtums vornehmen ließ.

Im Verlauf dieses Umbaus ließ er das Allerheiligste Sudarium aus dem Tresor der Seitenkapelle für immer in einen neuen Schrein aus Glas und Marmor verbringen, wo wir es  jetzt noch über dem Hauptaltar noch sehen. 

Seitdem dürfen Pilger das Schweißtuch Christi über dem Tabernakel von Nahem und so frei betrachten, wie das davor in 1.890 Jahren nie möglich gewesen war, weder in Rom, noch in Konstantinopel, noch in Edessa! 

Außerdem wurde in diesem Zusammenhang durch die Elektrifizierung des Schreins und durch stedie neue Beleuchtung die Möglichkeit der Anschauung der Reliquie revolutioniert. 

Die unerhörteste Neuerung war aber die unmittelbare Nähe ganz normaler Pilger zu dem Allerheiligsten Sudarium. 

Dazu ein Beispiel. Die Kopie derselben Reliquie wird seit den Tagen Papst Urban VIII. (1623 – 1644) den Gläubigen im Vatikan jeweils nur einmal im Jahr am Passionssonntag für rund 40 Sekunden von der Loggia der Veronika-Säule in circa 20 Metern Höhe gezeigt! In Manoppello aber können Pilger das wahre Sudarium Jahr für Jahr 4.015 Stunden aus nächster Nähe betrachten.

Zweiter Schritt: Die Entdeckung der Identität des Heiligen Gesichts mit dem Sudarium Christi

Aber diese Identität des Heiligen Gesichts mit dem Hagion Soudarion wurde überhaupt erst von dem Kapuzinerpater Domenico da Cese (1905 – 1978) entdeckt und zwar seit dem Jahr 1965, als er von seinem Provinzial in den Konvent der Kapuziner von Manoppello versetzt wurde und danach ungezählte Stunden in betender Betrachtung vor dem Volto Santo verbrachte – und zwar tags und nachts. Bei dieser Betrachtung kam er zu dem Schluss: Es konnte sich bei diesem Schleier nur um jenes Tuch handeln, das der Evangelist Johannes in seinem Osterevangelium erstmals prominent erwähnte. Es war das zweite Grabtuch, von dem er sprach.  Es konnte gar nicht anders sein! 

Davor hatten die Manoppelleser vor allem für wahr gehalten, dass ein Engel das rätselhafte Gewebe im Jahr 1506 an den Fuß des Majella-Massivs gebracht hatte. 

Und eine zweite wichtige Erkenntnis verdanken wir Pater Domenico da Cese, die wesentlich wurde zur Erkenntnis dies zweiten Grabtuchs. Er sagte sich: wenn wir auf diesem Schleier das wahre Bild Christi erkennen, von dem es sonst auf der Erde nur noch ein einziges anderes authentisches Abbild gibt, und zwar auf dem Grabtuch von Turin, dann müsste – wie nach einem mathematischen Lehrsatz - auch das Antlitz auf dem Turiner Grabtuch dem Antlitz auf dem Schleier des Volto Santo entsprechen. 

Am 12. September 1978 nahm er deshalb die Pilgerreise von 835 Kilometern von Manoppello nach Turin auf sich, um das große andere Grabtuch endlich mit eigenen Augen zu betrachten, das in jenen Tagen erstmals nach 45 Jahren wieder ausgestellt wurde. Noch am gleichen Abend dieses 13. September wurde er vor seiner Herberge in Turin von einem Fiat 500 tödlich verletzt. Zeitungen, die von seinem Tod berichteten, nannten ihn damals schon „Pater Wahrsager“. 

Die Identität des abgebildeten Herrn in beiden Grabtüchern, die für Pater Domenico in seinem Leben offensichtlich, geworden war, hat er in Turin mit seinem Sterben und Tod schließlich bezeugt und besiegelt.  Es war der Herr selbst, den er in beiden Tüchern erkannt hatte, in zwei ersten Ikonen, die unmöglich von Menschenhand geschaffen sein konnten. 

Dritter Schritt: Die wunderbare erste Verbreitung dieser Nachricht.

Und es passt zu den Wundern seines Lebens, dass Renzo Allegri, ein berühmter Journalist, eben in den Tagen, als Pater Domenico in Turin im Sterben lag, das Heiligtum von Manoppello aufsuchte und sich von Guardian Luciano Antonelli alles erzählen ließ, was Pater Domenico ihm über das Volto Santo anvertraut hatte.  

Zwölf Tage nach der Beerdigung Pater Domenicos erschien deshalb am 30. September 1978 in ganz Italien erstmals ein dreiseitiger Bericht in dem Magazin GENTE, in dem fast schon alles Wesentliche stand, was wir auch heute zum Volto Santo sagen können: Dieser Schleier ist das Schweißtuch, von dem als erster der Evangelist Johannes in seinem Bericht der Auferstehung Christi berichtet hat. 

Drei Wochen später erschien derselbe Artikel in der Schweizer Zeitschrift DAS ZEICHEN MARIENS, den die Trappistin Blandina Paschalis Schlömer kurz danach zu lesen bekam, die sich seitdem mit Leib und Seele für die Verbreitung dieser frohen Nachricht in der katholischen Kirche einsetzte.

Vierter Schritt: Die Entdeckung der Identität des heiligen Schweißtuchs mit dem Schleier der Veronika in Rom

Zunächst aber setzte Schwester Blandina führende Forscher des Turiner Grabtuchs aus dem Jesuiten-Orden davon in Kenntnis, von denen sich der Kunsthistoriker Professor Pater Heinrich Pfeiffer von der Gregoriana-Universität acht Jahre später nach Manoppello aufmachte, wo ihm bei seinem ersten Besuch im Herbst 1986 gewahr wurde, dass das Volto Santo auch identisch sein musste mit dem verschollenen sogenannten Schleier der Veronika. 

Das war der ehemals kostbarste Schatz der Päpste, für den Papst Julius II. am 18. April 1506 den Grundstein für die neue Petersbasilika in Rom hatte legen lassen, unter der so genannten Veronikasäule. 

Diese Entdeckung schlug ein ganz neues Kapitel in der Geschichte des Volto Santo auf, als Pater Pfeiffer die Sensation auf einer Pressekonferenz im Jahr 1999 bekannt machte.

Fünfter Schritt: Papst Benedikt XVI beugt sein Knie vor dem Heiligen Schweißtuch

So wundert es nicht, dass Papst Benedikt XVI. den vielleicht wichtigsten Schritt seiner Amtszeit unternahm, als er am 1. September 2006 auf der ersten freigewählten Reise seines Pontifikats auf Einladung Erzbischof Bruno Fortes das Volto Santo in Manoppello besuchte. 

Den neuen Papst aus Deutschland hatten Darstellungen des Heiligen Sudariums seit Anbeginn seines Priesterlebens begleitet. sowohl auf der Frontseite der Heiligblut-Kirche in München, wo er seine erste Stelle als Kaplan innehatte, als auch in Bonn, wo er Professor war und jeden Morgen eine heilige Messe in der Johannes-Kapelle des Bonner Münsters feierte immer mit einem gotischen Fresko des Heiligen Sudariums vor Augen.

Für die neue Verehrung des Heiligen Sudariums aber war sein Besuch der wichtigste Schritt überhaupt. Es war ein unumkehrbarer „Point of no return“. 

Nach 479 Jahren war es das erste Mal, dass ein Nachfolger des Apostels Petrus wieder vor dem Schweißtuch Christi in die Knie gegangen war. Am gleichen Abend waren die Bilder von diesem Ereignis in der ganzen Welt verbreitet! 

Sechster Schritt: Verbreitung von Pfarrkirche zu Pfarrkirche. 

Auch eine gewisse Daisy Neves sah die Bilder im amerikanischen Seattle. Sie war eine fromme Witwe philippinischen Ursprungs, die von ihrem Mann ein beträchtliches Vermögen geerbt hatte, und eine begeisterte Pilgerin. Zum Osterfest 2011 buchte sie eine erste Pilgerreise nach Manoppello, wo ihre Liebe zu dem wahren Gesicht regelrecht entflammte. Hier wurde sie von dem Traum überwältigt, nicht eher zu ruhen, bis das Heilige Gesicht nicht „in jeder Pfarrkirche der katholischen Weltkirche“ eine Heimat gefunden hat. Dafür setzte sie bis zu ihrem Tod im März 2019 ihr Vermögen, Ihre Gesundheit und Krankheit und ihr Leben ein. 

Von ihr initiierte Missionsreisen mit Kopien des Heiligen Gesichts mit dem Kirchenrektor von Manoppello, P. Carmine Cuccinelli, durch die USA, Kanada und die Philippinen wurden triumphale Erfolge.

Siebter Schritt: Auf den Fußspuren Papst Innozenz III aus dem Jahre 1208. Eine Wiederentdeckung

„Doch warum“ fragte sich Pater Carmine Cucinelli nach der letzten Reise am 25. November 2015 in Rom, „soll es heute eigentlich ‚Inthronisationen’ des Heiligen Gesichts in Amerika und Asien geben, nicht aber in Rom, wo die Reliquie Jahrhunderte lang ihre Heimat hatte?“ In der Schatzkammer des Petersdoms, wo er gerade den antiken Rahmen des Volto Santo aus dem heiligen Jahr 1350 bestaunte, beschloss er dann mit Pater Vincenzo, einem Mitbruder aus der Ordensleitung, in die nahe Kirche Santo Spirito in Sassia zu gehen, um sich dort nach der Möglichkeit einer Präsentation des Heiligen Gesichts in Rom zu erkundigen. 

Der Rektor, Pater Jozef Bart, war sofort bereit, den 16. Januar 2016 für diese temporäre Inthronisation in seiner Kirche frei zu halten! Das aber war der Sonntag OMNIS TERRA und somit derselbe Tag, an dem Papst Innozenz III. im Januar 1208 das Heilige Sudarium erstmals mit einer Prozession von Sankt Peter zu demselben Gotteshaus in der Christenheit des Westens bekannt gemacht hatte. 

Es wurde ein unvergessliches Fest in Rom, mit den Erzbischöfen Georg Gänswein, dem Präfekten des Päpstlichen Hauses und Sekretär Papst Benedikts, und  mit Erzbischof Edmund Farhart aus dem Libanon, dem Chor der Basilika des Volto Santo und vielen Manoppelleser Bürgern aus der Bruderschaft des heiligen Gesichts, die mit einer Kopie des Heiligen Schleiers in einem originalen alten Prozessionsrahmen aus Manoppello in Rom feierlich  und gemeinsam unter Gesängen von Sankt Peter zu Santo Spirito in Sassia pilgerten. 

Achter Schritt: Der Segen mit dem wahren Antlitz Christi. Ein drittes Fest für das Heilige Schweißtuch: OMNIS TERRA

Und es war die Geburtsstunde der Einführung eines neuen und dritten Festes für das Heilige Sudarium in Manoppello, wo seit 2017 nun an jedem zweiten Sonntag nach dem Fest der Epiphanie Christi im Januar in Erinnerung an die erste Bekanntmachung des wahren Schweißtuchs Christi durch Papst Innozenz III. eine kleine Prozession mit dem Volto Santo auf dem Vorplatz  der Basilika mit einem feierlichen Segen stattfindet. 

Am Ende dieser Prozession haben seitdem Mons. Amerigo Ciani, danach Kardinal Antonio Tagle aus Manila, danach Kardinal Ludwig Müller mit den Erzbischöfen Bruno Forte aus Chieti und Salvatore Cordileone aus San Francisco, nach ihnen Kardinal Kurt Koch und Erzbischof Gänswein die Stadt Manoppello und die ganze Welt mit dieser allerheiligsten Reliquie der Christenheit gesegnet. 

So will die Frohe Botschaft dieses Bilddokuments nun auch für das 3. Jahrtausend weiter von den Kapuzinern von Manoppello von Jahr zu Jahr mehr in der GANZEN WELT bekannt gemacht werden. Es ist ein unfassbares Privileg. 

Und es ist eine große Herausforderung. Denn der heilige Schleier hat ja schon viele Namen gehabt: Volto Santo, Schleier der Veronica, Mandylion, Abgar-Bild, Muschelseidentuch, Seconda Sindone, Prima Sindone, und viele Namen mehr und hat seine Natur doch nie geändert. Jetzt ist es daher auch die Aufgabe der Brüder des Seraphischen Ordens, die ganze Welt davon in Kenntnis zu setzen, dass der allererste Name auch der richtige Name dieses heiligen Schleiers aus dem heiligen Grab ist: Es ist das Sudarium Christi.

Dabei kommen ihnen – wie schon Papst Benedikt am 1. September 2006 – nun die neuen Bildmedien zu Hilfe, um dieses wahre Antlitz um ganze Welt zu tragen,  in dem schon Dante Alighieri (1265 – 1321) am Höhepunkt und Schluss seiner „Göttlichen Komödie“ jenes „Gesicht der Liebe“ erkannte, das „die Sonne und alle anderen Sterne“ bewegt.

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