Am Jahrestag des "Bloody Sunday": Bischof warnt davor, Wahrheit unter den Tisch zu kehren

"Das Niederschießen von 26 unbewaffneten Zivilisten in etwas mehr als 10 Minuten - und der Tod von 14 Menschen, darunter sechs jungen Katholiken unter 18 Jahren: Das ist ein Trauma, das wir nie vergessen werden"

Ein Wandgemälde in Derry zeigt den damaligen Pfarrer Daly mit einer Gruppe, die ein Opfer am Bloody Sunday, dem 30. Januar 1972, birgt.
Foto: murielle29 via Flickr (CC BY-SA 2.0).

Das Massaker des Bloody Sunday – wörtlich Blutsonntag – vor genau fünfzig Jahren hat weit über Irland hinaus viele Reaktionen hervorgerufen: Lügen, Wut und den unangebrachten Wunsch, die Vergangenheit zu vergessen – das sagte Bischof Donal McKeown von Derry. Doch nur die Wahrheit, das Gedenken, das Mitgefühl und letztlich Vergebung können durch die Gnade Gottes das Erbe der Gräueltat und anderer Traumata in Nordirland überwinden.

"Heute Abend gedenken wir derer, die gestorben sind, und derer, die durch ihren Tod gezeichnet wurden. Aber wir erinnern uns auch an diejenigen, die alles riskierten, um den Verletzten zu helfen", sagte McKeown in seiner Predigt bei der jährlichen Messe für die Opfer des Massakers von 1972 am gestrigen Freitag.

"Einige sind heute Abend hier, andere starben an jenem Januarnachmittag. Wir erinnern uns an das Heldentum und die Charakterstärke derer, die nach der Wahrheit suchten und für sie tapfer kämpften. Und als Menschen des Glaubens erinnern wir uns daran, dass es mehr Gnade und Güte in der Welt gibt als Sünde und Böses."

Der Blutsonntag – verewigt als "Sunday, Bloody Sunday" von der irischen Band U2 – bezeichnet das Massaker von Soldaten des Fallschirmjägerregiments der britischen Armeeam 30. Januar 1972 an unbewaffneten katholische Zivilisten, die gegen die Inhaftierung hunderter mutmaßlicher Sympathisanten der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) protestierten.

Viele der IRA-Sympathisanten waren unschuldige Bürger, andere wurden von den britischen Behörden aufgrund falscher Informationen festgehalten.

Die Soldaten erschossen in Derry, einer Großstadt nahe der Grenze zur Republik Irland, 14 Menschen. Fotografen, die vor Ort waren, hielten einen Großteil des Geschehens und der Folgen fest. Ein ikonischer Film zeigt Pfarrer Edward Daly, der mit einem weißen Taschentuch wedelt, während er eine Gruppe anführt, die versucht, einen sterbenden Mann in Sicherheit zu bringen.

Während ein erster Regierungsbericht die Soldaten offiziell von dem Blutbad entlastete, wies ein Bericht aus dem Jahr 2010 die Behauptung der Soldaten zurück, sie hätten als Reaktion auf Angriffe mit Brandbomben oder Steinwürfen geschossen. Viele der Soldaten hatten gelogen, stellte der Bericht fest.

McKeown zelebrierte die Freitagabendmesse in der St. Mary's Church im Stadtteil Creggan von Derry. Die Beerdigungen der Gefallenen hatten vor fast 50 Jahren in derselben Kirche stattgefunden. Viele Familien der Opfer waren anwesend, ebenso wie Andrew Forster, der Bischof der protestantischen Irischen Kirche – die zu den örtlichen Anglikanern gehört – von Derry und Raphoe.

"Das Niederschießen von 26 unbewaffneten Zivilisten in etwas mehr als 10 Minuten - und der Tod von 14 Menschen, darunter sechs jungen Katholiken unter 18 Jahren: Das ist ein Trauma, das wir nie vergessen werden", sagte McKeown am 28. Januar.

"Heute Abend versammeln wir uns vereint im Glauben, wie es die Menschen hier jedes Jahr getan haben. In der Gegenwart des Herrn sind wir sensibel für den Ort, an dem sich jeder befindet, und für die stille Stimme Gottes, der Gnade in den Schmerz und den Verlust hinein spricht."

"Ich hoffe, dass unsere Feiern an diesem Wochenende uns allen helfen werden, eine Zukunft voller Hoffnung für unsere jungen Menschen aufzubauen und sie nicht mit bitterem Zorn zu nähren, der nur töten und zerstören kann", so der Bischof weiter. "Eine neue Gesellschaft auf der Insel braucht große Herzen. Sie wird nicht von kleinen Köpfen geschaffen werden."

Der katholische Bischof begrüßte die Anwesenheit des anglikanischen Bischofs Forster und lobte die Arbeit seiner friedensstiftenden Vorgänger und anderer protestantischer Geistlicher. Einige von ihnen hatten sich um die Familien der Opfer bemüht und wurden dafür gewürdigt.

"Sie haben einen Weg in die Zukunft aufgezeigt, lange bevor sich streitende Politiker in einem Raum treffen wollten", sagte McKeown.

In seiner Predigt ging er auch auf die Anerkennung der Fakten durch die britische Regierung ein und sagte: "Es hat 38 Jahre gedauert, bis anerkannt wurde, was die Familien schon immer wussten."

"Was könnte Jesus uns zu sagen haben, um uns zu helfen, uns an den Verlust von Leben und den Verlust von Unschuld zu erinnern, der an diesem Sonntagnachmittag geschah?" fragte McKeown.

"Jesus sagte, dass die Wahrheit euch frei machen wird", sagte er. "Wäre an diesem Tag und in den folgenden Wochen die Wahrheit gesagt worden, hätten so viele Menschenleben und so viel Schmerz erspart werden können. Der Schmerz der Familien wurde vervielfacht, weil "die Wahrheit getötet wird, um das System zu schützen".

"Es wurden eklatante Lügen erzählt. Das hat einen enormen Druck auf die psychische Gesundheit und auf Beziehungen ausgeübt", fuhr er fort. "Institutionen - ob Staat, Kirche oder nichtstaatliche Akteure - erzählen Geschichten von ihrem eigenen Heldentum. Und das macht es ihnen sehr schwer, das Vorhandensein von Sünde in ihren Reihen zuzugeben."

Der Bischof betonte weiter: "Wir müssen noch viele Wahrheiten über viele andere Todesfälle herausbekommen. Viele Menschen kennen noch Wahrheiten, die sie nur ungern preisgeben wollen."

In der als "Troubles" bekannten Zeit von den späten 1960er Jahren bis zum Karfreitagsabkommen von 1998 wurden mehr als 3.000 Menschen getötet und Zehntausende verletzt. Es kam zu sektiererischen Unruhen, gewalttätigen Angriffen, Bombenanschlägen und Vergeltungsmaßnahmen von überwiegend protestantischen "unionistischen" und überwiegend katholischen "nationalistischen" Gruppen – sowie zur Beteiligung der Royal Ulster Constabulary und des britischen Militärs.

"Einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen, kommt immer denen gelegen, die viel zu verbergen haben", warnte der Bischof. "Heute gedenken wir derer, die ihr Leben durch brutale Gewalt verloren haben - und all derer, die aufgrund der Lügen, die erzählt wurden, schrecklich gelitten haben."

Es sei "sehr schwierig", Frieden mit der Vergangenheit zu finden, so der Bischof weiter. "Unsere Gesellschaften ringen darum, wie sie sich an die unangenehmen Kapitel ihrer Geschichte erinnern. Wie gehen wir mit Sklaverei und Kolonialismus um, mit der Behandlung von Menschen, die gegen die Moral der Gesellschaft verstoßen haben, und mit der Verbannung der Armen nach Australien, weil sie Lebensmittel oder ein Taschentuch gestohlen haben?"

Er wies die Vorstellung zurück, dass die "Flammen der Wut" und das "Feuer des Zorns" die Wunden reinigen werden. Ebenso wandte er sich gegen die Haltung derjenigen, die "schlafende Hunde nicht wecken wollen und es vorziehen, sich nicht mit unbequemen Wahrheiten auseinanderzusetzen, die unseren Komfort in der Gegenwart stören könnten".

Vielmehr befürwortete der Bischof einen Weg, "der darauf abzielt, die Vergangenheit anzuerkennen, aber auch Mitgefühl und Vergebung für diejenigen zu haben, die in Systeme und Situationen verstrickt waren, die sie jetzt mit anderen Augen sehen können".

"Es ist eine Kunst der Gnade, zu vergeben und sich zu erinnern", sagte er. "Es braucht ein weises Herz, um die Trümmer dessen, was in der Vergangenheit zerbrochen wurde, zu betrachten und daraus ein Fundament für die Zukunft zu machen. Wenn alles, was wir mit der Vergangenheit tun, darin besteht, sie als einen Haufen wütender Steine zu benutzen, die wir auf andere Menschen werfen, dann können wir nichts aufbauen."

McKeown lobte die "große Würde und den Mut" der Einwohner von Derry und sagte, sie seien oft ein Beispiel für Nordirland.

"Das erduldete Leid hat die Saat der Solidarität und nicht nur der Wut getragen", sagte er. Die Würde der Menschen bedeutet, dass wir nicht wie eine Post-Konflikt-Gesellschaft aussehen. Musik und Gemeinschaft haben es der Bevölkerung ermöglicht, für ihre Gastfreundschaft und ihre großartigen Geschichten bekannt zu werden. Dies ist eine Stadt, die mit Mitgefühl auf die Vergangenheit zurückblicken kann."

St. Colmcille gilt traditionell der Gründer von Derry, und McKeown schloss seine Predigt mit einem Gebet des Heiligen: "Sei ein helles Licht vor mir, o Gott, ein Leitstern über mir. Ein ebener Weg unter mir, ein gütiger Hirte hinter mir, heute, heute Nacht und für immer."

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Übersetzt und redigiert aus dem Original der CNA Deutsch-Schwesteragentur.