"Benedikt summt": Erzbischof Gänswein im Interview

Wie Humor die beiden Päpste unterscheidet und verbindet, was ihm selbst sehr an die Nieren gegangen ist und welcher alte Aufsatz ihm heute noch hilft, der Zukunft der Kirche in Deutschland gelassen entgegenzusehen

Erzbischof Georg Gänswein ist Präfekt des Päpstlichen Hauses – und langjähriger Sekretär von Benedikt.
Foto: CNA / EWTN
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Beginnen wir mit der immer selben Frage an Sie. Wie geht es dem emeritierten Papst Benedikt? Und außerdem: Wie geht es Ihnen persönlich?

Zu der immer selben Frage gebe ich gern die immer selbe Antwort: Benedikt ist stabil in der physischen Schwäche und Gott sei Dank glasklar im Kopf. Es ist aber auch nachvollziehbar, dass die physischen Kräfte mit 94 und nach dem Tod seines Bruders, der ihm schwer zugesetzt hat, weiter abgenommen haben. Ähnlich ist es mit seiner Stimme. Die beste Medizin sind für ihn der Humor und der täglich feste Rhythmus. Mir persönlich geht es inzwischen wieder besser. Ich hatte Probleme mit den Nieren. Die Sache ist etwas kompliziert.

Was ist Ihnen an die Nieren gegangen?

Gute Frage, die ich mir auch gestellt habe. Ich sprach letztes Jahr im Krankenhaus mit dem Internisten über meinen Alltag. Und es kamen klassische psychosomatische Ursachen zum Vorschein. Bis zum Rücktritt Benedikts hatte ich immer etwas Sport getrieben, danach machte ich aber fast nichts mehr. Mein Organismus war seit klein auf Bewegung gewöhnt. Meinem Körper die Bewegung zu nehmen, die er zuvor jahrzehntelang hatte, war ein Fehler, ein Kapitalfehler. Hinzu kam die Unterschiedlichkeit zwischen dem emeritierten Papst und seinem Nachfolger. Das war schon manchmal schwierig.

Hatten Sie die psychische Belastung all die Jahre nicht gespürt?

Ja, natürlich. Aber mir war nicht bewusst, dass sich das auch organisch auswirken würde. Der Arzt erinnerte mich daran, dass ich bereits vor vier Jahren einen Hörsturz hatte. Auch da sind leider Folgen geblieben und offensichtlich greift der Körper immer wieder ein anderes Organ an, wenn ich ihm nicht gehorche und haut mir eins ins Gebälk.

Warum sind Sie Priester geworden?

Der Weg zum Priestertum war für mich wie ein Slalom, etwas kurvenreich. Letztlich habe ich gesucht, was meinem Leben Sinn gibt und meine bohrenden Fragen, die mich umtrieben, beantwortet. Zunächst suchte ich im Studium der Theologie und der Philosophie lediglich nach Antworten. Dann wurde mir aber mehr und mehr klar, es geht nicht nur um das Finden von Antworten, sondern es muss mir auch Lebensaufgabe werden. So erkannte ich nach und nach den Plan Gottes und entdeckte meine Berufung. Nach dem Ende des Studiums an der Universität war mir klar: Das Priestertum ist dein Weg und mit Gottes Hilfe packst du es. 

Das Priesterbild ist heute in der Öffentlichkeit oft mit negativen Vorurteilen besetzt. Missbrauch, Machtgier, Klerikalismus und so weiter. Glauben Sie, dass es Möglichkeiten gibt, die Ehre des Priesteramtes in der öffentlichen Wahrnehmung wieder herzustellen?

ch bin überzeugt davon. Voraussetzung ist aber, dass die, die Priester und Bischöfe sind, das Priesterbild als solches nicht in Frage stellen. Wir dürfen nicht alle anspruchsvollen persönlichen Anforderungen an das Priesteramt zur Disposition stellen. Wir müssen schon auch fordern, und indem wir fordern, fördern wir auch. Nicht überfordern, aber fordern. Die jungen Leute wollen und müssen wissen, worauf sie sich einlassen. Und dazu gehört ein klares Priesterbild. Die Missbrauchsfälle sind das Nine-Eleven der katholischen Kirche, wie ich es einmal ausgedrückt hatte. Das ist leider so. Ich will hier gar nichts verheimlichen, beschönigen oder verniedlichen. Aber das Priestertum ist keine Zufluchtsstätte von Missbrauchstätern. Bei konsequenter und entschiedener Aufarbeitung dieser Katastrophe – das zeigt insbesondere die Entwicklung in den USA – sind auch heute wieder junge Leute bereit, ihr Leben für Christus und die Kirche zu geben.

In Deutschland sind die Zahlen in den Priesterseminaren aber doch sehr gering.

Das stimmt. Aber ich denke, dass sie nicht nur wegen des Missbrauchs geringer geworden sind, sondern weil seit langem ein klares Priesterbild fehlt und zwar bis hinauf auf die Bischofsebene. Das halte ich für ein Gift, das bei manchen sofort wirkt und bei anderen schleichend.

Welche Bedeutung hat der Namenspatron, der heilige Georg, für Sie?

Ich habe ihn ja bewusst in mein Bischofswappen aufgenommen. Denn er ist für mich erstens eine Ermutigung, die mir zeigt: Es gibt im Leben nichts ohne Kampf. Im Letzten ist es ein metaphysischer Kampf zwischen Gut und Böse. Dem muss man sich stellen und sich auf eine Seite schlagen. Zweitens schenkt er mir eine tröstliche Verheißung: Wer bereit ist, für Christus zu kämpfen, und zwar mit den Waffen, die ihm gegeben sind, wird den Kampf auch gewinnen.

Was bereuen Sie am meisten in Ihrem Leben?

Schwere Fehler, die mir unterlaufen sind. Für die Sünden unter den Fehlern suche ich regelmäßig meinen Beichtvater quasi zum „Routine-check-up“ auf. Denn ohne sakramentale Lossprechung geht es einfach nicht. Ich habe Fehlentscheidungen getroffen in der Zeit meines Studiums in Freiburg, in meiner Promotionszeit in München, als ich Kaplan war und seit ich in Rom bin, auch als Sekretär von Papst Benedikt. Ich bereue vor allem, dass ich andere Menschen dadurch verletzt habe. Soweit es mir möglich war, habe ich mich bei ihnen entschuldigt und um Vergebung gebeten, auch wenn es manchmal etwas länger dauerte. Wo das nicht möglich war, muss ich es in die große Barmherzigkeit Gottes legen.

Und wofür sind Sie am meisten dankbar in Ihrem Leben?

Für den Glauben, den ich von meinen Eltern empfing und von all denen, die in meiner Kindheit Gutes gesät haben. Ich denke hier an einen Lehrer, auch an einen Priester. Ich bin meinen Eltern vor allem deshalb dankbar, weil sie den Glauben nicht nur gelehrt, sondern vorgelebt haben, ohne es eigens zu sagen. Als Heranwachsender war ich sehr kritisch und habe den Glauben für gestrig gehalten. Aber ich habe gespürt, mit welcher inneren Konsequenz sie ihren Glauben überzeugend lebten. Das hat mich mächtig beeindruckt.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des VATICAN-Magazins.

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