Exklusiv: Das Fest der Gegenwart Gottes unter uns – Pfingst-Meditation von Kardinal Koch

Exklusiv bei CNA Deutsch: Kardinal Kurt Koch erklärt, warum der "tiefere Sinn der Geistesgegenwart uns Pfingsten erschliesst."

Pfingsten im Pantheon in Rom
Foto: Paul Badde / EWTN
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Einen Menschen, der aufmerksam bei der Sache ist, pflegen wir als geistesgegenwärtigen Menschen zu bezeichnen. Geistesgegenwärtig sein ist freilich alles andere als bequem, weil dabei der ganze Mensch beansprucht wird. Wer wüsste nicht, was es bedeuten kann, einen ganzen Tag lang geistesgegenwärtig zu sein. Sind wir uns dabei aber stets dessen bewusst, was wir damit sagen? 

Den tieferen Sinn der Geistesgegenwart erschließt uns Pfingsten. Denn dieses Fest verkündet uns die Geistesgegenwart Jesu Christi bei seinen Jüngern, denen er den Heiligen Geist schenkt, indem er sie anhaucht und sagt: "Empfangt den Heiligen Geist!" (Joh 20, 22). Pfingsten ist das Fest der Geistesgegenwart Jesu Christi; und sie ist das Wunder schlechthin. Denn ein Wunder darf man es nennen, wenn der auferstandene Christus selbst in seinem Geist gegenwärtig ist mitten unter seinen Jüngern, die sich aus Furcht hinter verschlossenen Türen aufhalten und denen er seinen Frieden bringt: "Friede sei mit euch!" (Joh 20, 19). Ihnen gibt er damit Anteil an seiner Geistesgegenwart, damit auch sie geistesgegenwärtig werden können.

Wie können wir als Christen und als Kirche geistesgegenwärtig leben? Auf diese Frage gibt uns Pfingsten als Fest des Heiligen Geistes, das zugleich das Fest der Geburt der Kirche ist, eine hilfreiche Wegweisung. Das Geschehen am ersten Pfingstfest, wie es im Bericht in der Apostelgeschichte (2, 1-13) uns vor Augen geführt wird, bietet sich uns als Spiegel dar, in den zu blicken wir eingeladen sind, um unser christliches und kirchliches Leben zu überprüfen, ob es wirklich in der Geistesgegenwart Jesu Christi lebt. Dabei wissen wir aus unserer eigenen alltäglichen Erfahrung: Wenn wir in einen Spiegel schauen und darin eine Unschönheit entdecken, macht es keinen Sinn, dem Spiegel die Schuld zu geben. Es ist vielmehr angezeigt, Änderungen an sich selbst vorzunehmen. Blicken wir deshalb in den Kirchenspiegel, den uns der Pfingstbericht vorhält, betrachten wir dabei die einzelnen Sequenzen und bedenken wir dabei, wie wir eine geistesgegenwärtige Kirche werden und sein können. 

1. Wo der Geist Jesu wirkt

"Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort." So lapidar beginnt der Pfingstbericht; und doch ist darin bereits der entscheidende Kern enthalten. Denn Pfingsten ereignet sich in der Versammlung der Jünger, die "zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern" (Apg 1, 14) zum Gebet zusammengekommen sind. Der Geist Jesu Christi wirkt dort, wo Menschen sich zum Gebet versammeln und sich für Gott und seinen tröstlichen Zuspruch wie seinen herausfordernden Anspruch öffnen. Von daher ergibt sich das erste Erkennungszeichen der Kirche Jesu Christi: Wie damals so ist die Kirche Jesu Christi auch heute wesentlich eine sich versammelnde, hörende und deshalb betende Kirche. Die Kirche lebt nur dann in der Kraft des Geistes Jesu Christi, wenn sie sich immer wieder zum Gebet versammelt und Gottesdienst feiert.

2. Begeistert und Begeisternd

Mitten in der Versammlung der Jünger "kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren." Der Geist öffnet den Jüngern vor allem die Augen für Jesus Christus, und er begeistert sie für ihn und seine Herzensanliegen. Damit erschließt sich das zweite Kennzeichen der Kirche Jesu Christi: Damals wie heute ist sie eine begeisterte und deshalb begeisternde Kirche. Denn die Kirche kann nur dann glaubwürdig wirken, wenn sie sich ganz auf Jesus Christus einlässt, wenn sie sein Lebensprogramm zu ihrem Herzensanliegen macht und wenn sie sich für Jesus Christus und seine Sendung begeistern lässt. Nur so wird sie auch andere Menschen für Jesus Christus begeistern können. Nur eine Kirche, die sich ganz und gar für Jesus Christus interessiert, erweist sich als eine durch und durch interessante Kirche.

3) Versöhnung und Sprachenwunder

Das Geschenk der Geistesgegenwart Jesu Christi blieb nicht ohne Folgen: "Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab." In der Kraft des Geistes Gottes können die Jünger jene Sprachbarrieren überwinden, die die Verständigung unter den Menschen so sehr erschweren und die das Alte Testament in der Geschichte vom Turmbau zu Babel auf den Hochmut der Menschen zurückführt. Das pfingstliche Sprachenwunder wäre deshalb von Grund auf missverstanden, wenn es als Fortführung oder Wiederholung der babylonischen Sprachenverwirrung verstanden würde. Es ist vielmehr deren Beendigung und Heilung durch die Kraft des Geistes Gottes. Von daher wird das dritte Wesensmerkmal der Kirche Jesu Christi deutlich: Wie damals so präsentiert sie sich auch heute als eine Versöhnung und Verständigung wirkende, Einheit stiftende und in diesem Sinne offene Kirche. Denn wo der Geist Jesu Christi lebt und wirkt, da bleibt die Kirche offen und da beginnt sie in verschiedenen Sprachen zu sprechen. Da wird sie bereit, sich Neues zeigen, sich überraschen und sich auf neue und manchmal recht ungewohnte Wege führen zu lassen. Und da weiß sie sich verpflichtet, die Sprachhindernisse zwischen den Generationen und Geschlechtern, zwischen den Völkern und Nationen und zwischen den Konfessionen zu überwinden. Da ist sie wirklich "katholisch", also  allumfassend.

4) Ein himmelweiter Unterschied

Die beim Pfingstgeschehen anwesenden Menschen aus den Völkern hörten die Jünger  "Gottes große Taten verkünden". Damit tritt nochmals ein grundlegender Unterschied zwischen Babel und Pfingsten vor unsere Augen: Die Menschen in Babel reden in einer Sprache, aber nur von ihren eigenen Großtaten. Die Menschen an Pfingsten jedoch reden in vielen Sprachen, aber einmütig von den großen Taten Gottes. Darin besteht ein – im wörtlichen Sinn – himmelweiter Unterschied, der zeigt, dass die Kirche eine nicht sich selbst, sondern das Lob Gottes verkündende Kirche ist.

5) Eine Zeugnisgemeinschaft

Als die Menschen aus den Völkern hörten, wie die Jünger in ihren Sprachen die Großtaten Gottes verkünden, fragten sie: "Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören?" Das pfingstliche Sprachenwunder findet sein Ziel darin, dass die Jünger Jesus Christus und seine Botschaft verkünden und die Menschen aus den verschiedensten Völkern diese Botschaft als verständliche und hilfreiche Antwort auf ihre existenziellen Fragen wahrnehmen. Damit tritt das fünfte Merkmal der Kirche Jesu Christi vor Augen: Wie damals so hat sie auch heute ihre Sendung darin, die befreiende Botschaft Jesu Christi zu verkünden und deshalb eine missionarische Kirche zu sein. Denn die Kirche lebt nur dann in der Gegenwart und in der Kraft des Geistes Gottes, wenn sie Jesus Christus als Evangelium für uns Menschen verkündet. Die Kirche ist in der Kraft des Geistes Gottes wesentlich Zeugnisgemeinschaft von Jesus Christus durch ihr Wort und vor allem durch ihr Leben. Zeugen können dabei nicht überzeugt genug sein, wenn sie andere Menschen von der Wahrheit ihres Glaubens überzeugen wollen. 

6) Fragen auslösen

Die Verkündigung der Botschaft Jesu Christi hat weitere Wellen geworfen: "Alle gerieten außer sich und waren ratlos. Die einen sagten zueinander: Was hat das zu bedeuten?" Das begeisterte und begeisternde Verhalten der Jünger hat damals viele Menschen in Erstaunen versetzt und ließ sie nach dem wahren Grund des Geschehens fragen. Auch diese unscheinbare Beobachtung hat Wesentliches zu sagen und verweist auf die sechste Eigenschaft der Kirche: Damals wie heute ist die Gemeinschaft der Glaubenden berufen, eine in Erstaunen versetzende und Fragen auslösende Kirche zu sein. Denn in der heutigen säkularisierten Welt pflegt die Frage nach Gott und nach Jesus Christus entweder am glaubwürdigen Leben der Kirche und am befreienden Wirken der Christen aufzubrechen - oder sie droht auszubleiben. Dass diese Frage auch bei den heutigen Menschen wach bleibt oder allererst wieder wach wird, darin liegt die große Verantwortung, freilich auch die frohe pfingstliche Sendung der Kirche Jesu Christi.

7) Anpassen an den Zeitgeist

Der missionarischen Sendung der Kirche war freilich nicht nur Erfolg beschieden. Im Gegenteil: "Andere spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken." Die Begeisterung der Jünger an Pfingsten ist nicht von allen Menschen verstanden worden. Was die einen als Wirken des Geistes Gottes erfahren haben, das haben andere nur als berauschende Wirkung von süßem Wein gedeutet. Diese unerfreuliche Erscheinung muss zu denken geben und öffnet den Blick für das siebte Kennzeichen der Kirche Jesu Christi: Wie damals so ist sie auch heute immer auch missverstandene und deshalb leidende Kirche. Ins Leiden kommt die Kirche freilich nicht dann, wenn sie durch übermäßige Anpassungen an den heutigen Zeitgeist ihre Botschaft ermäßigt und sich gleichsam in eine "Church light" umwandelt. Ins Leiden gerät die Kirche aller geschichtlichen Erfahrung nach vielmehr dann, wenn sie Jesus Christus und sein Evangelium gelegen oder ungelegen und keineswegs nur gelegentlich verkündet und mit ihrem eigenen Leben bewährt. Dann aber, und dann in überzeugender Weise, darf die Kirche vom "Kreuz" sprechen, das auch sie in der Nachfolge Jesu Christi zu tragen hat.

So vielfältig zeigt sich die Geistesgegenwart Jesu Christi in seiner Kirche damals und heute: Sie ist eine sich versammelnde und deshalb betende, eine begeisterte und deshalb begeisternde, eine Versöhnung wirkende und deshalb offene, eine das Lob Gottes verkündende, eine missionarische, eine in Erstaunen versetzende und deshalb Fragen auslösende, eine missverstandene und deshalb leidende Kirche. 

So ist die Kirche an Pfingsten erfahren worden. Das erste Pfingsten aber ist der eigentliche Geburtstag der Kirche. Diesen feiern wir nur dann würdig und recht und vor allem glaubwürdig, wenn wir aus ihm jene Konsequenzen ziehen, die die Jünger damals als Wirkungen der Geistesgegenwart Jesu Christi erfahren haben. Das Pfingstfest will uns ermutigen, in allem in seiner Geistesgegenwart zu leben und selbst eine geistesgegenwärtigere Kirche zu werden und zu sein. 

Pfingsten ermöglicht uns nicht nur diese Ermutigung; es schenkt uns vielmehr den Geist Gottes selbst, dem der evangelische Theologe Gerhard Ebeling den sehr schönen Ehrentitel "Mut des Glaubens" gegeben hat. Wenn wir uns von ihm ermutigen lassen, uns in unserem Leben und in der Glaubensgemeinschaft der Kirche auf nichts so sehr zu verlassen wie auf die Geistesgegenwart Jesu Christi und frohen Mutes in jenen Kirchenspiegel zu schauen, den uns das Pfingstfest vor Augen hält, und zwar in unserer Bereitschaft, die notwendigen Korrekturen vorzunehmen, dann erfahren wir den Heiligen Geist als die Gegenwart Jesu Christi selbst in unserem Leben und in der Gemeinschaft der Kirche. Dann erleben wir das Pfingstfest in seiner ganzen Schönheit. 

Der Schweizer Kardinal Kurt Koch ist Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Der ehemalige Bischof von Basel hat über 60 Bücher und Schriften verfasst, darunter Mut des Glaubens (1979) und Eucharistie (2005).

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