Der Vatikan: Aus der Zeit gefallener Zwergstaat oder "Friedensmacht"?

Die Flagge des Vatikans weht am 12. März 2015
Foto: CNA/Petrik Bohumil

Wie kann es sein, dass ein winzig kleiner Staat inmitten der Großstadt Rom weltweit bekannt ist und Einfluss hat? Die Rede ist natürlich vom Vatikan, auch wenn streng genommen der Begriff Heiliger Stuhl richtiger wäre, wie der Augsburger Kirchenhistoriker Jörg Ernesti in seinem am Montag erschienenen Buch "Friedensmacht" über die vatikanische Außenpolitik seit 1870 betont.

Der Staat der Vatikanstadt ist wie jeder andere Staat ein Völkerrechtssubjekt – mit winzigem Territorium und ganz wenigen Staatsbürgern. Der Anspruch des Heiligen Stuhls als Völkerrechtssubjekt ist hingegen "historisch, moralisch und religiös begründet". Außenpolitisch agiert der Heilige Stuhl, nicht der absolutistische Zwergstaat.

Und doch ist es ein Paradox: 1870 wird der uralte Kirchenstaat, der sich auf weite Teile des heutigen Italien ausstreckte, zerstört. Der Papst betrachtet sich als Gefangener im Vatikan. "Mit dem Wegfall der weltlichen Macht des Papstes trat dessen religiöse Sendung stärker hervor. Damit bekam auch die politische Rolle des Heiligen Stuhls einen starken Schub. […] Durch den Verlust des Kirchenstaates ergaben sich neue Handlungsspielräume.

Ernesti befasst sich im Hauptteil seines Buches mit dem außenpolitischen Handeln der Päpste von Pius IX. bis hin zu Franziskus. Er beschreibt Akzentverschiebungen und betont zugleich die Grundlinien, die sich durch die vergangenen 150 Jahre ziehen.

Die Außenpolitik des Heiligen Stuhls ist zwar überparteilich, aber nicht neutral: "Der Papst steht buchstäblich supra partes, also keinem Staat näher als dem anderen. Er ist aber nicht neutral in dem Sinne, dass er sich aus den politischen Entscheidungsprozessen heraushält und Unrecht nicht beim Namen nennt."

"Friedensmacht" könne der Heilige Stuhl nur sein, so Ernesti in Anspielung auf den Buchtitel, "wenn Konfliktparteien ihm diese Rolle zustehen". Entsprechend sind Päpste immer wieder auch tragische Gestalten, ganz besonders Benedikt XV. im Ersten und Pius XII. im Zweiten Weltkrieg.

Häufig zeigten sich die Päpste fast schon prophetisch, auch wenn sie sich in ihren Friedensbemühungen nicht durchsetzen konnten. Benedikt XV. beispielsweise hatte "Sorge, dass die kleinen Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns eine leichte Beute für den expandierenden Bolschewismus werden würden (was dann nach 1945 tatsächlich eintrat)".

Ernesti ist kritisch, aber weitgehend zurückhaltend im Urteilen, wie man es von seinen anderen Büchern – darunter mehrere Papstbiografien – kennt. Gerade diese Zurückhaltung dient dazu, dass der Leser selbst bewerten kann, ob etwa die vatikanische Ostpolitik unter Johannes XXIII. und Paul VI. oder das Abkommen zwischen China und dem Vatikan unter Papst Franziskus erfolgreich waren.

Ernesti, Jörg, "Friedensmacht. Die vatikanische Außenpolitik seit 1870" ist im Verlag Herder erschienen und hat 368 Seiten.

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