"Die Kirche hat Mist gebaut, Menschen im Stich gelassen": Kardinal Pell

Australischer Kurienkardinal mit deutlichem Auftakt zur Anhörung in der Untersuchungskommission sexuellen Missbrauchs – "Ich bin nicht hier, um das Unverteidigbare zu verteidigen"

Kardinal George Pell spricht bei einer Presse-Konferenz im Vatikan am 9. Juli 2014.
Foto: CNA/Daniel Ibanez
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"Ich bin nicht hier, um das Unverteidigbare zu verteidigen", sagte Kardinal George Pell zum Auftakt der zermürbenden, vierstündigen Anhörung vor der Royal Commission, dem australischen Untersuchungsausschuss in den Umgang von Institutionen wie der Kirche mit Fällen von Kindesmissbrauch.

Es war die erste Anhörung von insgesamt vier in den kommenden Tagen, die per Video-Schaltung aus dem Hotel Quirinale in Rom gemacht werden. Die Royal Commission hatte den dortigen Verdi-Saal als Ort der Anhörung bestimmt, nachdem der herzkranke 74-jährige Pell aus Gesundheitsgründen die lange Reise nach Australien abgesagt hatte.

Vorwurf der Vertuschung und Arbeit der Kommission

Der von Papst Franziskus zum Leiter der Finanzen des Vatikans ernannte Australier ist unter anderem ehemaliger Erzbischof von Sydney. Im Rahmen der Kommission wird ihm bis dato nicht vorgeworfen, Missbrauch verübt zu haben; vielmehr geht es um das Verhalten der Kirche: Ihren Umgang in mehreren Dutzen Fällen schwerster Vergehen an Kindern in den vergangenen Jahrzehnten. Dem heutigen Kardinal wird vorgeworfen, sich an der Vertuschung von Missbrauchsfällen beteiligt zu haben. Pell weist dies entschieden zurück.

In der ersten Anhörung vergangene Nacht ging es vor allem um die Jahre, in denen George Pell Priester in seiner Heimatstadt Ballarat im Staat Victoria war.

In seiner deutlichen Aussage stellte Pell nüchtern fest, dass die Kirche "enorme Fehler gemacht" habe und daran arbeite, diese richtig zu stellen und zu lösen. "Die Kirche hat in vielen Ländern, sicherlich in Australien, Mist gebaut, Menschen im Stich gelassen", sagte Pell wörtlich.

Selbstkritik an eigenem Verhalten

Dabei schloss sich der Kardinal in seine Kritik mit ein; er gab auch zu, dass er selber früher oft eher Priestern Glauben schenkte als Opfern, die sich an die Kirche gewendet hatten. "Ich muss sagen, damals, wenn ein Priester eine solche Aktivität bestritten hat, war ich sehr stark geneigt, dessen Leugnung zu akzeptieren."

Eine Gruppe von etwa 15 Opfern und Angehörigen von Opfern sexuellen Missbrauchs ist mit Hilfe einer Spendenkampagne von Australien nach Rom gereist, um die Aussagen von Kardinal Pell vor Ort mitzuverfolgen. Sie sassen ihm im Hotel gegenüber, während der Geistliche Rede und Antwort stand. 

Opfer und Angehörige in Rom anwesend

Unter den Angereisten sind Anthony und Chrissie Foster. Zwei ihrer drei Töchter wurden von einem Priester missbraucht; eine nahm sich später das Leben. "Wenn wir nicht Demut sehen, in dem Moment, in dem er hereinkommt, dann glaube ich werden wir nicht die Wahrheit bekommen", sagte Anthony Foster gegenüber englischsprachigen Medien vor der Anhörung. "Wir erwarten Demut, wir erwarten die Wahrheit, und wir erwarten Taten." Pell solle die Kirche in Australien ändern, forderte der Vater der Opfer.

Die Anhörung wird am heutigen Dienstag Abend fortgesetzt. Die 2013 eingerichtete Kommission untersucht nicht nur die Kirche, sondern auch weltliche Institutionen. Ein Abschluss ihrer Arbeit wird für kommendes Jahr erwartet.

Berichte über angebliche Missbrauchs-Ermittlungen

Bereits mehrere Tage vor der ersten Anhörung hatten australische Medien berichtet, gegen den ehemaligen Erzbischof von Melbourne und Sydney werde angeblich ermittelt wegen des Verdachtes, selber Kinder missbraucht zu haben. Die Berichte waren unter anderem vom jetzigen Erzbischof Melbournes, Denis Hart schnell und deutlich verurteilt worden als "Versuch, größtmöglichen Schaden an Kardinal Pell zu verursachen und die Arbeit der Royal Commission zu untergraben".

Weitere Kommentatoren bezeichneten die Vorwürfe als "neue Hexenjagd" gegen Kardinal Pell. Die hoch emotionale Berichterstattung und Kommentierung der Person Pells in australischen Medien war in den vergangenen Wochen selber Gegenstand hitziger Debatten und scharfer Kritik geworden. Auch am vergangenen Abend kam es in Rom zu Rangeleien zwischen australischen Journalisten und Sicherheitspersonal.  

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