Eine "radikale" Reform: So weist Franziskus Universitäten an, den Glauben zu verkündigen

Veritatis Gaudium
Foto: CNA / Vatikan
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Am heutigen Montag hat Papst Franziskus eine neue Apostolische Konstitution, die eine "radikale" Reform der Natur und des Lehrplans der kirchlichen Universitäten und Institutionen fordert. Sie sollen wieder das Evangelium verkünden. Dabei widmet der Pontifex auch einige Passagen dem Niveau und Auftrag theologischer Bildung.

"Das wichtigste Bedürfnis heute ist, dass das ganze Volk Gottes bereit ist, eine neue Stufe der geistgefüllten Evangelisierung zu beginnen", schreibt der Papst in dem Dokument Veritatis Gaudium ("Freude der Wahrheit").

Diese neue Phase der Evangelisierung "erfordert einen entschlossenen Prozess der Unterscheidung, Läuterung und Reform. In diesem Prozess spielt eine angemessene Erneuerung des kirchlichen Studiensystems eine strategische Rolle."

Das am 8. Dezember 2017 unterzeichnete und am 29. Januar 2018 veröffentlichte Dokument umfasst 87 Seiten.

Veritatis Gaudium befasst sich speziell mit kirchlichen Universitäten und Fakultäten, die im Gegensatz zu regulären katholischen Universitäten vom Vatikan anerkannte Abschlüsse anbieten: Solche also, die etwa für den Unterricht in Seminaren oder an päpstlichen Universitäten erforderlich sind.

Aufhebung früherer Konstitution

Das Dokument knüpft nich an Regelwerke an, sondern hebt diese auf, darunter die Apostolischen Konstitution Sapientia Christiana des heiligen Papstes Johannes Paul II des Jahres 1979, die nach einer sorgfältigen Prüfung des Dekrets Optatam Totius des Zweiten Vatikanischen Konzils über kirchliche Studien herausgegeben wurde.

(Die Apostolische Konstitution Ex corde Ecclesiae von Johannes Paul II. des Jahres 1990 ist jedoch nicht betroffen, da sie sich eher auf katholische Hochschulen und Universitäten als auf kirchliche akademische Einrichtungen bezieht.)

Im Vorwort zu seiner neuen Konstitution sagte Papst Franziskus, dass Sapientia Christiana "dringend auf den neuesten Stand gebracht werden muss".

"Während die Konstitution in ihrer prophetischen Vision und ihrer klaren Ausdrucksweise voll gültig bleibt, sollte sie die seit ihrer Verkündung erlassenen Regeln und Bestimmungen enthalten und Entwicklungen auf dem Gebiet der akademischen Studien in den vergangenen Jahrzehnten berücksichtigen".

"Es ist auch notwendig, den veränderten sozio-kulturellen Kontext weltweit anzuerkennen und Initiativen auf internationaler Ebene umzusetzen, an die sich der Heilige Stuhl gehalten hat."

Franziskus bemerkte, dass die Welt gegenwärtig nicht nur eine Zeit des Wandels erlebt, sondern auch "einen wahren epochalen Wandel erfährt, der durch eine weitreichende anthropologische und ökologische Krise gekennzeichnet ist".

Eine "Kulturrevolution" – für die Tradition

Aus diesem Grund sei sowohl auf der kulturellen Ebene als auch auf der Ebene der akademischen Ausbildung und des wissenschaftlichen Studiums "ein radikaler Paradigmenwechsel" und eine "kühne Kulturrevolution" erforderlich. Ein weltweites Netzwerk kirchlicher Universitäten und Fakultäten soll sich in Zukunft für das Evangelium und die Tradition der Kirche einsetzen, aber auch stets "offen für neue Situationen und Ideen" sein, so Franziskus.

"Philosophie und Theologie erlauben es, die Überzeugungen zu erlangen, die die Intelligenz strukturieren und stärken und den Willen erhellen", fährt der Papst fort, warnt aber, dass dies "nur dann fruchtbar ist, wenn es mit offenem Geist und auf den Knien geschieht".

"Der Theologe, der mit seinem vollständigen und schlüssigen Denken zufrieden ist, ist mittelmäßig", so Franziskus wörtlich. Der "gute Theologe und Philosoph" dagegen habe "einen offenen, das heißt einen unvollständigen Gedanken, immer offen für den maius [das 'Mehr', Anm. d. R.] Gottes und der Wahrheit, immer in Entwicklung".

Vier  neue Kriterien für kirchliche Studien

Papst Franziskus beschreibt dann vier Kriterien für kirchliche Studien, die seiner Meinung nach in der Lehre des II. Vatikanischen Konzils wurzeln:

  1. Kontemplation und Innerlichkeit für eine "Spiritualität globaler Solidarität"
  2. Eine "Kultur der Begegnung": Dialog auf allen Gebieten, und zwar als Wahrheitssuche
  3. Inter- und Transdisziplinarität: Eine "Pluralität an Wissensgebieten"
  4. "Synergien" fördern: Weltweite Kooperation zwischen Einrichtungen

Franziskus fordert die zuständigen Behörden auf, der wissenschaftlichen Forschung an kirchlichen Universitäten und Fakultäten einen "neuen Impuls" zu geben, da der Bedarf an neuen und qualifizierten Forschungszentren "unverzichtbar" sei.

Diese Zentren, sagt der Papst, sollten Wissenschaftler von verschiedenen religiösen Universitäten und aus verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen einschließen, die mit "verantwortlicher Freiheit und wechselseitiger Transparenz" interagieren können.

Der eigentliche Zweck: Den Glauben verkünden

In den neuen Normen skizziert Franziskus die Rolle, die Natur und den Zweck der kirchlichen Universitäten und Fakultäten: Sie sollen evangelisieren und durch wissenschaftliche Forschung die Glaubenswahrheiten besser aussprechen und "in einer den verschiedenen Kulturen angepassten Weise" darstellen.

Die Bischofskonferenzen werden beauftragt, das Leben und den Fortschritt der Universitäten zu überwachen. Sie sollen von einem Kanzler geleitet werden, der aber als Vermittler des Heiligen Stuhls fungiert. Alle kirchlichen Universitäten und Institutionen werden von der Kongregation für das Katholische Bildungswesen geleitet, die von Kardinal Giuseppe Versaldi geleitet wird.

In Bezug auf die Rolle der Lehrer sagte der Papst, dass es an jeder Fakultät mehrere Lehrer verschiedener Ränge geben müsse, einschließlich permanenter Professoren.

Zu den Kriterien, die für die Ernennung zu solchen Fakultäten in Betracht gezogen werden müssen, gehört die Notwendigkeit, "sich durch einen Reichtum an Wissen, ein Zeugnis des christlichen und des kirchlichen Lebens und Verantwortungsbewusstsein" auszeichnen.

Lehrkräfte, sagt Franziskus, müssen auch einen Doktortitel oder einen ähnlichen gleichwertigen Titel oder wissenschaftliche Leistung vorweisen; sie müssen einen "dokumentarischen Nachweis" ihrer Eignung für wissenschaftliche Forschung, vorzugsweise eine veröffentlichte Dissertation, erbringen und ausreichende Lehrfähigkeiten vorlegen.

Er betont auch, dass alle Dozenten, unabhängig von ihrem Rang, "durch ein aufrechtes Leben, Integrität der Lehre und Hingabe an die Pflicht gekennzeichnet sein müssen, damit sie wirksam zu den eigentlichen Zielen einer kirchlichen akademischen Institution beitragen können".

Dies gilt sowohl für Katholiken als auch für Nicht-Katholiken, da das Dokument es nichtkatholischen Professoren ermöglicht, spezialisierte Kurse an kirchlichen Universitäten und Institutionen in ihren Fachgebieten zu unterrichten.

Wer nicht mehr mit der katholischen Lehre übereinstimmt, verliert seinen Posten, so Franziskus.

"Sie müssen sich ihrer Pflicht bewusst sein, ihre Arbeit in voller Gemeinschaft mit dem authentischen Lehramt der Kirche zu vollziehen, vor allem mit dem des römischen Pontifex", betont der Papst.

Über die Rolle der Studenten, die die kirchlichen Universitäten und Institutionen besuchen, sagt der Papst, dass diese Einrichtungen für alle offen sein müssen, die ein moralisches Leben führen und die früheren Studien abgeschlossen haben, die für die Aufnahme in die Fakultät vorausgesetzt werden.

Was den Studienplan betrifft, muss sich dieser auf kirchliche Texte konzentrieren – mit besonderem Schwerpunkt auf Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils, wobei auch wissenschaftliche Fortschritte berücksichtigt werden sollen.

Der Papst sagte auch, dass es Freiheit und Flexibilität in Bezug auf die Forschung geben müsse, betonte jedoch, dass er "auf festem Bekenntnis zu Gottes Wort und Ehrerbietung gegenüber dem kirchlichen Lehramt beruhen muss, dessen Aufgabe es ist, das Wort Gottes authentisch zu interpretieren".

"Deshalb muss man in solch einer gewichtigen Angelegenheit mit Vertrauen und ohne Argwohn vorgehen, aber gleichzeitig mit Vorsicht und ohne Übermut, besonders im Unterricht; außerdem muss man die Erfordernisse der Wissenschaft sorgfältig mit den pastoralen Bedürfnissen des Volkes Gottes in Einklang bringen."

Ökumenische Fragen müssen "sorgfältig behandelt" werden, ebenso wie Fragen bezüglich der Beziehungen zu nichtchristlichen Religionen. Darüber hinaus sagte Franziskus, dass Probleme, die sich aus dem Atheismus und anderen Strömungen der zeitgenössischen Kultur ergeben, auch "gewissenhaft studiert" werden müssen.

Neue Statuten und neuer Studienaufbau

"Beim Studium und bei der Lehre der katholischen Lehre ist immer die Treue zum Lehramt der Kirche hervorzuheben. Bei der Ausführung von Lehrverpflichtungen, besonders im Grundzyklus, sollen vor allem jene Dinge vermittelt werden, die zum erhaltenen Erbe der Kirche gehören ", unterstreicht der Papst in seiner Konstitution. Persönliche Meinungen "sollen als solche bescheiden präsentiert werden".

Fakultäten des kanonischen Rechts, ob im lateinischen Ritus oder in östlichen Riten, müssen die juristischen Disziplinen im Lichte des Evangeliums pflegen und fördern, sagt er.

Franziskus betont weiter, dass diese Fakultäten:

  • einen ersten zweijährigen Studienzeitraum einführen müssen für diejenigen, die keine vorherige Ausbildung in Philosophie und Theologie haben, sowie für diejenigen, die einen Abschluss in Zivilrecht haben. Dabei sollten die Studenten die grundlegenden Konzepte des kanonischen Rechts, der Philosophie und der Theologie studieren.
  • Im zweiten Studienzeitraum, der drei Jahre dauern sollte, müssen sich die Studierenden mit dem kanonischen Recht "in all seinen Ausdrucksformen" vertraut machen, einschließlich der normativen, jurisprudenziellen, lehrmäßigen, praktischen und den Codes sowohl der lateinischen als auch der östlichen Kirchen "In Tiefe" mit Lehr- und Disziplinarquellen.
  • Wie bei der Theologie sollte der dritte Zeitraum aus einem geeigneten Rahmen bestehen, in dem die Studenten ihre Ausbildung mit wissenschaftlicher Forschung zur Vorbereitung einer Dissertation abschließen.

Philosophische Fakultäten hätten das Ziel, "philosophische Probleme nach wissenschaftlicher Methodik zu untersuchen, wobei sie sich auf das Erbe der ewig gültigen Philosophie stützen", schreibt der Papst weiter.

Das philosophische Studium müsse, so Franziskus, nach Lösungen im Lichte der "natürlichen Vernunft" suchen und müsse auch "Übereinstimmung mit der christlichen Sichtweise der Welt, des Menschen und Gottes zeigen und das Verhältnis von Philosophie und Theologie in ein angemessenes Licht stellen."

  • Der erste Studienzeitraum sollte drei Jahre dauern und aus einer "organischen Darstellung" der verschiedenen Aspekte der Philosophie bestehen – einschließlich Welt, Mensch und Gott – sowie einen Blick auf die Geschichte der Philosophie werfen, sowie eine Einführung in die Methodik der wissenschaftlichen Forschung.
  • Im zweiten Studienzeitraum, der zwei Jahre dauern sollte, sagt Franziskus, dass Spezialisierungen durch spezielle Disziplinen und Seminare beginnen sollten.
  • Der dritte Abschnitt soll drei Jahre dauern, und in eine Dissertation als Nachweis "philosophischer Reife" münden.

Das Dokument enthält auch neue Regeln und Statuten für andere Arten von Fakultäten, thematisiert Abschlüsse, Finanzmanagement, strategische Planung und Zusammenarbeit für kirchliche Universitäten wie Institutionen.

In Kraft tritt das neue Regelwerk am ersten Tag des akademischen Jahres 2018-2019, oder des akademischen Jahres 2019, je nach dem Kalenderjahr der verschiedenen akademischen Einrichtungen.

Jede Fakultät oder Universität muss dem Vatikan ihre revidierten Statuten und Studienpläne noch vor dem 8. Dezember 2019 vorlegen.

Danach werden die neuen Studien und Studienpläne für drei Jahre ad experimentum genehmigt. 

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