Heiliger Schein. Eine Medjugorje-Reportage

Erkennen Sie die Gottesmutter? Eine "Marienerscheinung" im Cenacolo in Medjugorje
Foto: Paul Badde
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Papst Franziskus hat vor wenigen Tagen offizielle Wallfahrten nach Medjugorje erlaubt. Der Vatikanist und Autor Paul Badde, Romkorrespondent des katholischen Fernsehsenders EWTN, hat den Ort im Jahr 2001 besucht. Eine Reportage - nicht nur für Pilger.

Von Sarajevo, der Schicksalsstadt Europas, bis zur Jakobskirche von Medjugorje sind es knapp 150 Kilometer. Von diesem Dorf in der Herzegowina wird in Rom gern folgender Witz erzählt. Die Muttergottes hat im Himmel Geburtstag. Da überlegen die Engel, wie sie ihr eine Freude machen können. Raphael schlägt eine kleine Reise vor. Vielleicht nach Nazareth? Maria winkt ab. Da hat man ihren Sohn so schlecht behandelt. Oder Jerusalem? Um Himmels willen, da war ja alles noch viel schlimmer. Dann vielleicht Lourdes? Schon besser, meint die Jungfrau, aber da war sie schon so oft. Wie wäre es denn mit Fatima? Nicht schlecht, aber da war sie erst im letzten Jahr mit dem Papst. Und Medjugorje? "Fein", ruft da die Unbefleckte, "da war ich noch nie."

Darüber würden die meisten Ureinwohner Medjugorjes freilich nicht lachen, sondern nur lächeln, und auch die über 25 Millionen Pilger, die diesen Ort aus aller Welt schon aufgesucht haben und zum großen Teil immer wieder kommen, durch zwei Zeitalter hindurch, im Kommunismus ebenso wie im Kapitalismus, im Krieg wie im Frieden. 1981 sei hier die "Königin des Friedens" selbst erschienen, erzählen sie, und nicht nur das: Die "Gospa", wie sie sie nennen, erscheine hier regelmäßig bis auf den heutigen Tag. Gleiches ist bisher noch nirgendwo sonst behauptet worden. Für den Vatikan, der die Ereignisse bis jetzt nur beobachtet, aber nicht beurteilt, beweist das freilich nichts. Ihre Geschichte lässt sich kurz so erzählen: Am Johannistag des Jahres 1981, mitten in der kommunistischen Eiszeit, erblickten Kinder in dem damals noch jugoslawischen Dorf eine schwebende junge Frau über einem Hügel, die auf ein Neugeborenes wies, das sie in ihrem Arm trug. Aus Angst liefen sie weg. Am nächsten Tag, dem 25. Juni, erschien die Frau jedoch wieder an der gleichen Stelle, diesmal allein, und diesmal liefen die Kinder ihr wie von Adlern getragen durch die Büsche entgegen und begannen mit ihr ein Gespräch, das bis heute, wie sie sagen, nicht geendet hat. Sie trug ein hellgraues Kleid mit einem weißen Schleier, erzählten sie, habe blaue Augen und sei von einem Kranz von zwölf Sternen umgeben. Wieder einen Tag später erschien die Dame ein Stück weiter einem der Mädchen noch einmal allein mit den Worten: "Mir, Mir, Mir - Frieden, Frieden, Frieden . . ."

Dies ist bis heute der Kern all ihrer Botschaften geblieben, die damals allerdings noch mit Panzern unterbunden werden sollten. Der Berg wurde abgesperrt, die Kirche vernagelt, Kafka hätte das Drehbuch dazu schreiben können. Exakt zehn Jahre später, am 26. Juni 1991, brach dann in Jugoslawien der Krieg aus, dessen letzte Ausläufer heute Mazedonien versengen. Als der Krieg jedoch nacheinander alle Länder Jugoslawiens erfasste und verwüstete, blieb dieser Flecken auf merkwürdige Weise von allen Gräuel verschont. Hier fiel kein einziger Schuss. Inzwischen gehen die Berichte über all diese Merkwürdigkeiten in die Tausende. Natürlich gibt es längst auch eine Website in allen Sprachen Europas dazu. In Deutschland hat Gabriele Kuby, die Tochter Erich Kubys, eines der prominentesten Freigeister der alten Bundesrepublik, schon vor Jahren einen Bestseller darüber geschrieben. Es ließen sich Lexika mit Zitaten zu dem Ort füllen, etwa von Urs von Balthasar, dem großen Theologen des vergangenen Jahrhunderts, der lapidar sagte: "Bei Medjugorje besteht nur eine Gefahr: dass man daran vorbeigeht." Die Pilgerströme sind ein Massenphänomen. Und dennoch: Es ist, als wären sie unsichtbar. Dietrich von Stockhausen, der dort zwei Jahre lang Seelsorger der deutschen Pilger war, wurde im März 1997 Zeuge, wie Franjo Tudjman dem Bischof von Mostar den Wunsch des Papstes überbrachte, nach Medjugorje eingeladen zu werden. Doch Exzellenz Ratko Peric, der Bischof, dachte nicht daran. Im Gegenteil. Er blieb die Jahre hindurch der schärfste Kritiker der Kinder und bis zu seinem Tod im letzten Jahr der leidenschaftlichste Gegenspieler Pater Slavkos, eines Franziskaners, der unermüdlich für die Verbreitung und den Ruhm der Nachrichten aus Medjugorje sorgte. Der Papst hingegen macht seit einiger Zeit kein Geheimnis mehr daraus, wie die Bfürworter des Medjugorje-Phänomens, dass ihm der Ort auch aus der Ferne eine wesentliche Quelle der Inspiration geworden ist. "Ich verneige mich vor der Freiheit", hat die Jungfrau die Kinder im November 1987 wissen lassen. Es ist die gleiche Verneigung, mit der Johannes Paul II. schon die Herrscher des Ostblocks bis in den Herzensgrund erschreckt hat. Den Weltjugendtag in Rom eröffnete er schließlich mit der regelmäßigen Schlussformel der Gospa: "Danke, dass ihr meinem Ruf gefolgt seid." Wäre er nicht gerade Papst, wäre er am liebsten Beichtvater in Medjugorje, heißt es hier - wo in diesen Tagen in einem Umkreis von 20 Kilometern kein Bett mehr zu haben ist.

Es ist brennend heiß. Am 20. Jahrestag der ersten Erscheinung herrscht auf der Hauptstraße des Dorfes ein Verkehr wie auf den Champs-Elysée. Am Montag kamen allein aus Polen noch einmal 100 Busse. Die wahren Hauptstraßen Medjugorjes sind jedoch nicht asphaltiert, sondern zwei lange Wege, die nichts als der Schweiß der Pilger herausgespült hat aus dem salbeiduftenden Gestrüpp und den Dornen der beiden Berge, die Medjugorje im Osten und Süden überblicken. Auf den flacheren Erscheinungs- und den höheren Kreuzberg fließen diese Ströme jedoch zuerst hinauf, bevor sie sich in Kaskaden über die verkarsteten Pfade wieder herabgießen. Es sind Rinnsale, Bäche und Flüsse von Betern aller Nationen, Rassen, Klassen und Sprachen, die sich hier zu einem Amazonas des Gebets und der Himmelsstürmerei vereinen. Es sind viele Tausende - morgens schon um vier Uhr, Mütter mit Kindern auf dem Arm, Greise auf ihren Stöcken. Viele steigen barfuß über die spitzen Steine und Felsspalten hoch, die die Füße von Millionen freilich schon lange weich poliert haben.

Diese Landschaft ist eine Offenbarung, es sind Wege im absoluten Rohzustand. Auf den Kreuzberg führt der Weg als zerklüftetes Treppenhaus über wilde Zickzackkehren bis zum Gipfel. Zum Erscheinungsberg kreist er als Schleife in Form einer Note, deren Hals in das Dorf hinabreicht. Und verschieden sind auch die Gebete: Zum Kreuzberg führt ein Kreuzweg hoch, an den hier durch- und nebeneinander in Kroatisch, Holländisch, Koreanisch, Italienisch, Arabisch oder Ungarisch erinnert wird. Auf dem Erscheinungsberg kommt einem das Ave Maria des Rosenkranzes von unzähligen Lippen als sprudelndes Gewässer entgegen, der geniale Volkspsalter, der von hier aus in einem fort konkrete Orte im fernen Jerusalem umkreist: Den Garten Gethsemani, den Tempelberg, den Golgota, den Zionsberg . . . Erst am Abend fließen all diese Wasser im Tal so laut wie in einem Turbinenhaus in der Jakobskirche zusammen.

Auf dem Gipfel des Erscheinungsberges hingegen verstummen Tag und Nacht alle Worte in einer eigentümlichen Musik der Steine, deren trockene Melodie hier nur noch durch das Geräusch der tastenden Füße intoniert wird. "Erscheinungen, Visionen und dergleichen sind sehr schwer zu beurteilen", sagt Pater Landeka im Pfarrhaus, der die Seherinnen hier mitbetreut hat, die nun schon lange Erwachsene sind. "Vor drei Jahren sind sie einmal von einer wissenschaftlichen Kommission in Como untersucht worden, die aber auch nur feststellen konnte, dass alle sechs psychisch stabil und normal sind. Doch was heißt das schon? Über das, was sie ihre ,Erscheinungen' nennen, sagt das gar nichts." Marija Pavlovic' Familie besitzt ein Haus hinter dem Anwesen der Gemeinschaft Cenacolo, gleich unterhalb des sanft ansteigenden Erscheinungsberges, in der mehrere Hundert ehemalige Drogensüchtige zwischen 14 und 45 Jahren aus ganz Europa sich vor allem mit dem Medikament des Gebets und der Arbeit gegenseitig aus dem Abgrund der Abhängigkeit heraushelfen. Marija Pavlovic behauptet, dass ihr die Jungfrau Maria noch jeden Abend pünktlich um 18.40 Uhr erscheint und mit ihr spricht, mal kürzer, mal länger, egal, wo sie jeweils gerade ist. Sie wohnt mit ihrem Mann schon lange in Italien, doch jetzt zum Jahrestag ist sie natürlich zurückgekommen. Sie hat ein freundliches, offenes Gesicht, ist mittlerweile selbst Mutter und erwartet auch heute wieder die Gottesmutter.

Um 18 Uhr bitten Verwandte ein angereistes Fernsehteam höflich, den Hof zu verlassen, die Marija heute bei der Erscheinung filmen wollten. Heute möchte sie einmal nur in der Familie sein, lässt sie ihnen ausrichten. Dennoch gelingt es einer Nonne, um halb sieben noch einmal Eingang für eine Mutter und ihre Tochter im Rollstuhl zu erbitten, die dringend an der Erscheinung teilhaben möchte. Dann schließt sich das Tor. Auf dem Hof dahinter spielen die Kinder Marijas. Der Vater sitzt auf den Stufen des Hauses. Nach der Hitze kühlt jetzt ein Wind von den Bergen die kristallklare Luft. Die Abendsonne fängt sich golden in den Weinranken des Zaunes. In der Ferne kräht ein Hahn, Hunde bellen, Schwalben sirren und schwirren vom Himmel herab und hinauf. Zwischen den Rosenstöcken ist ein Wiesel hervorgehuscht, springt auf eine Mauer und jagt einem Spatz nach. Das Tal, die Luft, das Licht, die Stunde: ganz Medjugorje ist ein durchscheinendes Fenster: 25. Juni 2001 - 20 Jahre nach dem Wunder von Medjugorje, zehn Jahre nach Kriegsbeginn. 

Erstfassung veröffentlicht am 26. Juni 2001.

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