Quarantäne in Rom: So lebt der Leiter von EWTN Vatikan mit seiner Familie in der Pandemie

"Wenn wir diese Zeit als ausgedehnte Familien-Exerzitien betrachten können, bin ich überzeugt, dass wir als Familie besser dran sind als vorher. "

Alan Holdren, Leiter von EWTN Rom, auf dem Balkon seiner Wohnung in der Ewigen Stadt diese Woche. Der Journalist verfolgte mit seiner Familie einen der "Flashmobs", mit dem sich die Römer während der Pandemie bei Laune halten.
Foto: CNA Deutsch

Der Ausnahmezustand aufgrund der Corona-Pandemie hat Rom und den Vatikan fest im Griff: Nicht nur Papst Franziskus ist betroffen – auch die Vatikanisten und Reporter von EWTN in Rom leben und arbeiten unter den strengen Auflagen, die für die italienische Haupstadt gelten. CNA Deutsch sprach per Email mit Alan Holdren, Leiter von EWTN im Vatikan, über die private wie professionelle Herausforderung des Lebens im Lockdown.

Alan, können Sie uns die aktuelle Situation für Sie und Ihre Familie beschreiben? Wie kommen Sie in der Quarantäne zurecht?

Meine Frau und ich haben vier Kinder unter neun Jahren. Wir leben in einer 4-Zimmer-Wohnung mitten in der römischen Innenstadt. Wir lernen also gerade, rund um die Uhr auf engem Raum zusammenzuleben. Wir können uns nirgendwo zurückziehen. Es war ein Prozess, den Alltag richtig und realistisch zu organisieren lernen: Das Jonglieren von Arbeit, Hausarbeit und den Hausaufgaben der Kinder war in den ersten Tagen ein Kampf, aber nach und nach haben wir es herausgefunden. Wir versuchen, kreativ, aber diszipliniert zu sein, damit jeder einen sinnvollen Tagesablauf hat. Unsere Kinder sind 8, 6, 4 und 9 Monate alt, so dass die Bedürfnisse von einem zum anderen ganz unterschiedlich sind.

Für uns war und ist die eigene Einstellung wirklich wichtig. Mental haben wir uns darauf vorbereitet, einen ganzen Monat lang oder länger in dieser Situation zu sein, auch wenn die Abriegelung offiziell nur bis zum 3. April gilt. Wenn wir diese Zeit als ausgedehnte Familien-Exerzitien So betrachtet ist es eine große Chance. Wir hoffen und beten wirklich, dass alle gesund bleiben. Es geht nicht nur darum, für uns selbst zu sorgen, sondern auch darum, unsere Gemeinschaft aufzubauen. Wenn wir einen Status quo im Haus erreicht haben, hoffe ich, dass wir uns mehr auf die Hilfe für unsere Nachbarn konzentrieren können.

Was das Gebetsleben betrifft, so bemühe ich mich, jeden Augenblick aufzuopfern und Christus zu jedem Augenblick dieser Tage zu uns einzuladen. Ich versuche, jeden Tag mit der Messe des Papstes (um 7 Uhr morgens) zu beginnen, bete am Mittag den Angelus mit und den Rosenkranz, der täglich von Kardinal Comastri [Erzpriester der päpstlichen Basilika im Vatikan, Anm.d.R.] vorgebetet wird. Wir von EWTN übertragen diese Liturgien auch, und sorgen so dafür, dass die Menschen von zu Hause aus zumindest an den Sakramenten und dem Leben der Kirche teilnehmen können. In der Familien beten wir gemeinsam vor dem Schlafengehen. Für die Fastenzeit haben wir beschlossen, zusammen jeden Tag ein Gesätz des Rosenkranzes gemeinsam zu beten. Das ist auch unsere Gelegenheit, mit den Kindern über diese Situation zu sprechen, ihre Sorgen anzusprechen und über unsere Anliegen gemeinsam zu beten.

Als Italiens Premierminister Giuseppe Conte vor drei Tagen ankündigte, dass wir in Quarantäne müssen, bat er uns, unsere Häuser nur noch für die wesentlichen Dinge zu verlassen. Die Konzentration auf das Wesentliche ist sowohl unsere Fastenmeditation als auch interessanterweise unsere von der Regierung auferlegte Lebensweise geworden.

Wie steht es um die Arbeit des EWTN Rome Bureau? Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen? Kommen die Kollegen alle mit der Quarantäne-Situation zurecht – schließlich handelt es sich um ein großes und vielfältiges Team und eine herausfordernde Arbeit?

Wir haben die Redaktionsräume und Studios in den Tagen vor der offiziellen Ankündigung der verschärften Quarantäne-Maßnahmen vom 11. März geschlossen. Der Vorhersehung sei Dank haben wir in den letzten Monaten die technischen Möglichkeiten geschaffen, mittels derer wir nun leichter von unterwegs oder von zu Hause aus arbeiten können. Das hat es unseren Abteilungen für Fernsehen und Soziale Medien ermöglicht, weiterhin Inhalte zu erstellen und zu liefern, bislang ohne Ausfälle. Unsere Nachrichtenredakteure und Verwaltungsmitarbeiter sind am Fernarbeitsplatz genauso effektiv wie im Büro.

Der Schlüssel dazu war, die Dinge im Voraus gut gemeinsam durchzudenken und alles Material, das nützlich sein könnte, mit nach Hause zu nehmen. Natürlich hängt ein gutes Arbeiten von zu Hause von guten Internet- und Telefonverbindungen ab. Die Regierung hat versprochen, dass diese Dienste nicht beeinträchtigt werden. Hoffen wir, dass das so bleibt! Wenn dies zu einer langfristigen Quarantäne-Situation wird, werden wir uns mehr und mehr auf die enorme Kreativität verlassen, die unser Team auszeichnet, um unter schwierigen Umständen Top-Inhalte zu erstellen.

Die Tatsache, dass der Vatikan Veranstaltungen weitgehend abgesagt hat, ist auch entlastend mit Blick auf die Sorge, dass wir vielleicht etwas verpassen könnten. Ich muss zudem sagen, der Vatikan hat eine großartige Arbeit geleistet und rasch dafür gesorgt, dass die Morgenmesse des Papstes sowie Angelus und Rosenkranz mittags aus dem Petersdom live übertragen werden.

Trotz allem besteht noch immer die große Versuchung, das Haus zu verlassen und Berichte zu machen. Aber die Vorsicht siegt. Niemand will für eine Verbreitung dieses Virus verantwortlich sein.

Für uns in Europa ist die Reise in die USA verboten. Sie sind selbst US-Amerikaner, viele unserer Kollegen sind aus Übersee, reisen häufig international. Wie gehen Sie damit um?

Wir hatten so viele Dinge geplant, die auf später verschoben werden müssen. Wir mussten natürlich auch  einige Arbeitsreisen absagen. In den kommenden Tagen bleiben die beiden wichtigsten Flughäfen Roms geschlossen. Joan Lewis, Senior Contributor von EWTN Rom, ist gestern mit dem letzten United-Flug von New York City nach Rom zurückgekehrt. Kurzum: Es hat unsere gesamte Planung völlig durcheinandergebracht, aber unsere Mitarbeiter hier in Rom und in ganz Italien sind sich bewusst, dass dies eine ernste Angelegenheit ist, die keinen Aufschub erlaubt und durchgezogen werden muß. 

Was würden Sie den Katholiken empfehlen, die diese Zeilen lesen, die möglicherweise auch mit Schulschließungen, freiwilliger Selbstisolierung oder strengeren Quarantänemaßnahmen in ihren Ländern konfrontiert sind – oder bald sein werden?

Ich würde vor allem empfehlen, Ruhe zu bewahren und langfristig zu denken. Es ist bereits offiziell eine Pandemie. Nehmen wir das ernst. Auch wenn man nicht zu der Altersgruppe gehört, die besonders betroffen sein kann. Es ist ein Akt der Nächstenliebe gegenüber den Schwächsten im eigenen Umfeld, sich nicht anzustecken – und andere nicht anzustecken.

Ich würde die Menschen dazu einladen, sich der Realität zu stellen, dass sie in Quarantäne leben müssen. Hier  bedeutet das, alles von zu Hause aus zu erledigen und nur zum Einkaufen oder zur Apotheke gehen zu können. Sogar die Parks und Grünanlagen in Rom sind gesperrt.

Wenn Sie sich noch frei bewegen können, handeln Sie entschlossen und umsichtig. Das ist eine Aufforderung, gut vorbereitet zu sein. Neben den Nahrungsmitteln ist eine gute Internetverbindung für Arbeit und Unterhaltung von entscheidender Bedeutung. Wir haben uns bemüht, die Kinder zu beschäftigen und ihren Tagen eine Struktur zu geben, während sie gleichzeitig Spaß haben. Es ist keine schlechte Idee, sich mit Spielen und Malbüchern einzudecken, wenn man kleine Kinder hat. Wenn Sie ein Projekt haben, das auf einen regnerischen Tag gewartet hat, dann ist jetzt der Zeitpunkt dafür gekommen.

Bereiten Sie sich auf die weitere Absage von Gottesdiensten und Veranstaltungen vor. Wenn Sie noch nicht betroffen sind, bereiten Sie sich dennoch darauf vor. Pfarrgemeinden, Gebetsgruppen und Apostolate können sich leicht auf den Online-Austausch verlegen. Unsere Gemeinschaften brauchen uns, um aktiv zu bleiben, auch wenn wir auf unsere Häuser beschränkt sind.

Was werden Sie als erstes tun, wenn die Quarantäne aufgehoben wird?

In Spanien springen sie reihenweise in die Springbrunnen, wenn ihre Fußballmannschaften ein großes Spiel gewinnen. Ich hoffe irgendwie auf so etwas, etwas spontanes. Ich stelle mir vor, dass wir, wenn wir unsere Häuser nach all dem wieder verlassen, Rom wieder neu entdecken werden. Und nach all diesem Abstandhalten würde es mich nicht wundern, wenn es auf dem Petersplatz einen gewaltigen group hug gibt – eine riesige Umarmung für alle.

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