In einer von Spannungen zerrissenen USA ruft Erzbischof Gomez zur Liebe auf

Vorsitzender der US-Bischofskonferenz warnt vor einem falschen Verständnis von Menschenwürde in einer säkularen Gesellschaft

Erzbischof José Gomez von Los Angeles
Foto: CNA

Der Erzbischof von Los Angeles, José Gomez, hat über die gesellschaftlichen und politischen Spannungen in den USA gesprochen – und Anhand des Beispiels des "heißen Eisens" der Migrationsfrage gezeigt, wie der christliche Glaube die Antwort auf diese Probleme ist.

Gomez (69) ist nicht nur der Oberhirte der mit fünf Millionen Katholiken zahlenmäßig stärksten Diözese der USA, sondern auch Vorsitzender der US-Bischofskonferenz – und der erste in Mexiko geborene Geistliche, der beide Ämter innehat.

Der Erzbischof sprach auf einer prominenten Ethik-Tagung, die digital veranstaltet wurde. Dabei hob Gomez die Gefahren hervor, die eine säkulare Gesellschaft für das Verständnis der Menschenwürde in einer Kultur mit sich bringt, besonders gegenüber Einwanderern.

"Wie wir wissen, ist die Situation von Migranten und Flüchtlingen eines der wichtigsten moralischen Anliegen des Papstes. Und es ist wahr: erzwungene Migration, Massenbewegungen von Bevölkerungen, ist eines der Zeichen unserer Zeit. Nicht seit dem Zweiten Weltkrieg hat die Welt eine solche Flüchtlingskrise erlebt", sagte er.

Der Erzbischof fuhr fort: "Wir sind alle Brüder und Schwestern, und wir müssen andere so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen".

"Und wir sind zur Liebe geschaffen. Zu lieben, wie Jesus geliebt hat, und wie Mutter Teresa und alle Heiligen lieben."

Als gläubige Bürger müssen Katholiken sich dafür einsetzen, so Gomez, dass ihr Land "einladend und großzügig ist, dass wir niemals unsere Herzen verschließen oder Menschen in Not den Rücken zukehren."

Das Thema der Konferenz lautet "We Belong to Each Other" (Wir gehören zueinander), das einem Zitat der heiligen Mutter Teresa entnommen ist: "Wenn wir heute keinen Frieden haben, dann deshalb, weil wir vergessen haben, dass wir zueinander gehören."

Das Webinar fand vom 12. bis 14. Januar am Notre Dame de Nicola Center for Ethics and Culture statt. Weitere Redner waren der bekannte Moralphilosoph Alasdair MacIntyre, der Dekan der juristischen Fakultät von Notre Dame, Marcus Cole, und der Lyriker und kalifornische Poet Laureate, Dana Gioia.

In seinem Vortrag betrachtete Gomez über die christliche Verpflichtung, den Fremden willkommen zu heißen.

"Als Christen beten wir einen Gott an, der sich als Liebe offenbart hat. Und als Christen wissen wir, dass die Menschen nach dem Bild dieses Gottes geschaffen sind, nach dem Ebenbild der Liebe", sagte er.

"Und wir sind zur Liebe geschaffen. Zu lieben, wie Jesus geliebt hat, und wie Mutter Teresa und alle Heiligen lieben."

Wann immer ich diese Geschichte höre, werde ich an den schönen Spruch von St. Augustinus erinnert: 'Wenn du die Liebe siehst, siehst du die Dreifaltigkeit.' Das ist die Wahrheit über Gott und die Wahrheit über die menschliche Person."

"Wenn wir nicht glauben, dass wir einen Vater im Himmel haben, gibt es keinen notwendigen Grund für uns, einander als Brüder und Schwestern auf der Erde zu behandeln".

Gomez setzt sich seit über 20 Jahren für die Rechte von Einwanderern und Flüchtlingen ein. Er wies darauf hin, dass nach Schätzungen der Vereinten Nationen 80 Millionen Menschen auf der Welt durch Krieg, Verfolgung, soziale Unruhen und wirtschaftliche Not gewaltsam vertrieben wurden – darunter etwa 40 Millionen Kinder.

"Sie leben auf der Flucht; sie werden von Menschenschmugglern ausgebeutet und einige von ihnen werden in die Sklaverei verkauft", sagte er. "Ihre Lebensbedingungen sind jetzt noch verzweifelter geworden, wegen der Pandemie und der Schließung der Grenzen", fügte er hinzu. "Aber die globale Flüchtlingskrise ist – wie so viele Probleme in der Welt – mehr als ein Versagen der Politik oder der Diplomatie. Es ist ein Versagen der menschlichen Brüderlichkeit und Solidarität. Es ist ein Versagen der Liebe."

Der Erzbischof verwies auf die jüngste Enzyklika von Papst Franziskus, Fratelli Tutti. Er sagte, der Papst habe diese Enzyklika als einen missionarischen Aufruf herausgegeben, Gottes Liebe in einer stark säkularisierten Kultur mit anderen Menschen zu teilen und leben.

Katholiken müssen auf diesen Aufruf zur Mission antworten, indem sie die Wahrheit über Gottes Liebe und die christliche Familie weitergeben, sagte er.

"Wenn wir diese Wahrheiten selber nicht kennen, können wir unsere christlichen Verpflichtungen nicht verstehen – für Einwanderer und Flüchtlinge, für die Armen, die Ungeborenen, die Gefangenen, die Kranken, die Umwelt. Solange wir diese Wahrheiten nicht kennen, können wir nicht verstehen, wie wir eine Gesellschaft schaffen können, die gut für die Menschen sein wird. “

Erzbischof Gomez betonte: "Wenn wir nicht glauben, dass wir einen Vater im Himmel haben, gibt es keinen notwendigen Grund für uns, [einander] als Brüder und Schwestern auf der Erde zu behandeln".

Während seines langjährigen Einsatzes für eine Einwanderungsreform in den USA sei er immer wieder auf die Frage gestoßen: "Was sind wir denn Migranten schuldig?"

Einfach ausgedrückt, sagte er, sind Christen verpflichtet, Nächstenliebe zu zeigen und anzuerkennen, dass die Würde eines Einwanderers nicht durch seinen rechtlichen oder sozialen Status eingeschränkt wird.

"Liebe bedeutet, sich daran zu erinnern, dass sie Seelen sind, keine Statistiken. Sie sind Männer und Frauen und Kinder mit Träumen und Hoffnungen, nicht anders als wir alle", erklärte er.

"Jeder Einwanderer und Flüchtling ist ein Kind Gottes, nach seinem Ebenbild geschaffen. Jeder von ihnen hat Rechte und eine Würde, die man ihm niemals absprechen kann", sagte er.

"Und das ist wahr, ob sie sich legal in diesem Land aufhalten oder nicht; und das ist wahr, ob sie nach unseren Gesetzen Anspruch auf Asyl haben oder nicht."

Inmitten einer medial aufgeheizten Atmosphäre politischer Spannungen und Spaltungen in den USA forderte Gomez die Katholiken der Nation auf, sich daran zu erinnern, dass Gott der Vater aller Menschen ist – und selber Zeugnis von der Liebe Gottes abzulegen.

"Wir müssen mit unseren Nachbarn über Gott sprechen. Diesen Gott, der die Liebe ist. Wir müssen ihnen die gute Nachricht – die Frohe Botschaft – sagen, dass wir alle Kinder Gottes sind, dass das menschliche Leben eine großartige Bestimmung hat", sagte er: "Dass ein jeder von uns nach Gottes Ebenbild geschaffen ist, mit gottgegebenen Rechten und Pflichten ausgestattet – und zu einer übernatürlichen Bestimmung berufen."

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