Jugendliche wünschen sich Kirche, die transparent und ehrlich ist

Junge Christen fühlen sich im säkularen Umfeld oft ausgeschlossen - Und es hapert am Glaubensverständnis: "Leider glauben nicht alle von uns, dass Heiligkeit etwas Erreichbares ist und dass es ein Weg zum Glücklichsein ist"

Papst Franziskus beim Weltjugendtag in Polen, Juli 2016
Foto: Marcin Kadziolka/Shutterstock
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Junge Christen fühlen sich auch im säkularen Umfeld oft ausgeschlossen - und es hapert am Glaubensverständnis, am Wissen um die eigene Religion und was diese lehrt: "Leider glauben nicht alle von uns, dass Heiligkeit etwas Erreichbares ist und dass es ein Weg zum Glücklichsein ist", so das Vorbereitungsdokument junger Delegierten für die kommende Synode, das heute vorgestellt wurde.

Am Ende eines einwöchigen Treffens im Vatikan haben junge Menschen aus der ganzen Welt die Kirche ermutigt, authentischer und kreativer mit Jugendlichen zu interagieren, und kontroverse Themen glaubwürdig anzupacken - vom Unwissen über den eigenen Glauben bis hin zum Kampf gegen Online-Pornografie.

"Wir möchten vor allem der Hierarchie der Kirche sagen, dass sie eine transparente, ehrliche, einladende, kommunikative, zugängliche, fröhliche und interaktive Gemeinschaft sein sollte", so die Jugenddelegierten im abschließenden Dokument des Treffens in Rom.

Das Dokument, das am heutigen 24. März in Englisch, Italienisch und Spanisch veröffentlicht wurde, ist das Ergebnis einer einwöchigen Diskussion mit rund 300 jungen Menschen aus verschiedenen Kulturen, die sich zu einem Vorsynodentreffen vom 19. bis 24. März in Rom einfanden. Die Veranstaltung sollte, so der Vatikan, auf die Synode der Bischöfe im Oktober vorbereiten.

Die Jugendlichen waren in 20 verschiedene Sprachgruppen eingeteilt, in denen sie die ganze Woche über mehrere Fragen reflektierten. Diejenigen, die nicht an dem Treffen teilnehmen konnten, nahmen über soziale Medien teil, und zwar über sechs verschiedene Facebook-Gruppen in verschiedenen Sprachen, die von anderen Jugendlichen moderiert wurden und die gleichen Themen diskutierten, die bei der Versammlung in Rom angesprochen wurden.

Zwischen dem Treffen in Rom und der Teilnahme an den sozialen Medien nahmen rund 15.300 junge Menschen an der Diskussion teil. Die Redaktionsgruppen hatten die Aufgabe, die Schlussfolgerungen der 26 verschiedenen Gruppen zu einem übersichtlichen Text zusammenzufassen.

Ein erster Entwurf wurde der Gruppe am Donnerstag vorgestellt, und einige der Jugendteilnehmer äußerten sich dazu. Anpassungen wurden vorgenommen und der endgültige Entwurf wurde am heutigen Samstagmorgen genehmigt. Er wird Papst Franziskus zur Palmsonntagsmesse übergeben, die auch die Diözesanfeier des Weltjugendtages markiert.

Das 16-seitige Dokument gliedert sich in drei Abschnitte: die Herausforderungen und Chancen junger Menschen; Glaube, Berufung, Unterscheidung und Begleitung sowie die prägenden und pastoralen Aktivitäten der Kirche.

"Das haben wir schon immer so gemacht"

Laut der Einleitung will das Dokument nicht "eine theologische Abhandlung" sein, noch wurde es geschrieben, "um eine neue Kirchenlehre zu etablieren". Vielmehr soll es als "Kompass" für die Bischöfe dienen, damit diese für ihre Gespräche im Oktober um die Ansichten und Erfahrungen Jugendlicher wissen.

In dem Text heißt es, dass junge Menschen gerne gehört und ernst genommen werden und dass sie oft Gemeinschaften suchen, die sie unterstützen und die ihnen "Kraft geben", indem sie ihnen ein Gefühl von Identität und Zugehörigkeit vermitteln.

"Junge Menschen suchen nach einem Selbstwertgefühl, indem sie Gemeinschaften suchen, die unterstützend, erhebend, authentisch und zugänglich sind: Gemeinschaften, die sie befähigen", heißt es in dem Dokument. Für manche sei freilich Religion "eine Privatangelegenheit", und manchmal sei "das Heilige etwas, das von unserem täglichen Leben getrennt zu sein scheint".

"Die Kirche erscheint oft als zu streng und wird oft mit übertriebenem Moralismus in Verbindung gebracht", heißt es. Und, so die freundliche Kritik weiter:  Manchmal sei es schwierig, in der Kirche die Logik zu überwinden, dass man etwas schon immer so gemacht habe.

"Wir brauchen eine Kirche, die freundlich und barmherzig ist, die ihre Wurzeln und ihr Erbe schätzt und die jeden liebt, auch diejenigen, die nicht den anerkannten Standards folgen."

"Leider glauben nicht alle von uns, dass Heiligkeit etwas Erreichbares ist und dass es ein Weg zum Glücklichsein ist", heißt es in dem Dokument.

Uneinigkeit bei Lehre, Migration

Junge Menschen, so der Text, steckten tief in Themen wie "Sexualität, Sucht, gescheiterte Ehen, zerbrochene Familien" drin, wie auch in übergeordneten Fragen wie organisierte Kriminalität – eigens erwähnt sind Korruption und Menschenhandel – sowie Ausbeutung, Verfolgung und Naturschutz.

In einem Absatz heißt es, dass es "unter jungen Menschen" klare Meinungsverschiedenheiten über bestimmte "kontroverse" Lehren der Kirche gebe, die sich mit Themen wie Verhütung, Abtreibung, Homosexualität, Zusammenleben vor der Ehe und deren Dauerhaftigkeit befassen.

Dieser Absatz stellt weiter fest, dass viele die Lehre der Kirche zu diesen Themen nicht verstünden und dass diejenigen, die dies tun, nicht alle damit einverstanden seien. Junge Menschen "möchten vielleicht, dass die Kirche ihre Lehre deshalb ändert oder zumindest besser erklärt", heißt es. Dennoch wünsche man sich, Teil der Kirche zu sein.

Andere junge Katholiken, so das Dokument weiter: "Akzeptieren diese Lehren und erfahren diese als eine Quelle der Freude. Sie wünschen, dass die Kirche nicht nur trotz deren Unbeliebtheit an diesen festhält, sondern diese auch mit mehr Tiefgang in der Lehre verkündet."

Was das Thema Migration angehht, seien sich Jugendliche nicht einig, heißt es in dem Dokument, wohl aber darüber, dass soziale Gerechtigkeit gefördert werden müsse: Trotz des gemeinsamen Aufrufs zur Anerkennung der Würde jedes Menschen "gibt es keinen Konsens in der Frage der Aufnahme von Migranten Flüchtlinge", so das Schreiben.

Herausforderungen wie die Globalisierung, die Säkularisierung, Rassismus, die Unterdrückung und Verfolgung von Christen, einschließlich der wachsenden Zahl christlicher Märtyrer werden ebenfalls herausgestellt.

In Bezug auf neue Technologien werden sowohl die Vorteile als auch die Risiken festgestellt: Einerseits Möglichkeiten zur Vernetzung, Bildung und Zugang zu Wissen, aber auch die Gefahr von "Isolation, Faulheit, Trostlosigkeit und Langeweile".

Als besonders negatives Beispiel wird die Online-Pornografie erwähnt, welche "die Wahrnehmung der menschlichen Sexualität durch junge Menschen verzerrt" und eine "verrückte Parallelrealität, welche die Menschenwürde ignoriert" darstelle.

In diesem Zusammenhang macht  das Dokument zwei Schlüsselvorschläge: Einmal wird die Kirche ermutigt, insbesondere das Internet als einen "fruchtbaren Ort für die Neuevangelisierung" zu erkennen.

Zweitens fordern die Jugendlichen, dass die Kirche "die weitverbreitete Krise der Pornografie, einschließlich des Online-Kindesmissbrauchs, und den Schaden an unserer Menschheit anpacken sollte".

In Bezug auf die Rolle der Frauen sagten die Jugendlichen, dass Frauen in der Kirche oder in der Gesellschaft "immer noch nicht der gleichen Platz" eingeräumt werde. Die Rolle der Frau sei oft nicht klar. Die Kirche sei aufgefordert, ihre Rolle zu spezifizieren.

Authentische Männer und Frauen

In dem Dokument wird weiter betont, dass die Jugend ernst genommen werden will und dass Jugendliche, obwohl ihnen oft vorgeworfen werde, keine Vision für das Leben zu haben, sich durchaus eine bessere Zukunft vorstellen – auch wenn nicht alle die Ewigkeit im Blick haben.

Junge Menschen, so heißt es in dem Dokument, "schätzen die Vielfalt der Ideen in unserer globalen Welt, die Achtung der Gedanken anderer und die Ausdrucksfreiheit." Gleichzeitig wollen die Jugendlichen ihre kulturelle Identität bewahren und "Gleichförmigkeit und Einmischung vermeiden".

Viele junge Menschen würden sich häufig "ausgeschlossen fühlen, weil sie Christen in einem sozialen Umfeld sind, das der Religion abträglich ist". 

Ein falsches Bild von Jesus Christus - eine Wahrnehmung, dass das Christentum veraltet, distanziert oder steif sei - gebe es unter manchen jungen Menschen, und der Trugschluss, christliche Ideale seien "für den Durchschnittsbürger außer Reichweite zu sein".

"Daher wird das Christentum für einige als unerreichbarer Standard wahrgenommen."

"Letztendlich wollen viele von uns Jesus unbedingt kennenlernen, ringen aber oft darum, zu erkennen, dass Er allein die Quelle wahrer Selbstfindung ist, denn in einer Beziehung mit Ihm kommt die menschliche Person letztendlich dazu, sich selbst zu entdecken."

"Wir haben also festgestellt, dass junge Menschen authentische Zeugen wollen - Männer und Frauen, die ihren Glauben und ihre Beziehung zu Jesus auf lebendige Weise zum Ausdruck bringen, während sie andere ermutigen, Jesus selbst näher zu kommen", so die Delegierten.

Berufung, Glaubwürdigkeit, Klarheit

Skandale in der Kirche schädigen das Vertrauen junger Menschen, sagten die Delegierten, betonten aber, dass die Kirche immer noch eine "lebenswichtige Rolle" spielen könne, um sicherzustellen, dass Jugendliche akzeptiert und nicht mehr marginalisiert werden.

Was die Berufung anbelangt, heißt es, dass das Konzept für viele heute "abstrakt" sei – und ihnen deshalb nicht in den Sinn kommt.

Dass jeder Katholik vor der Frage steht, seine Berufung zu leben – egal ob als Priester, Ordensfrau oder in der Ehe: Das wissen viele junge Katholiken gar nicht. Dazu bedürfe es fähiger Mentoren, heißt es im Dokument.

Das Dokument ermutigte die Kirche, Skandale wie Sexmissbrauch und das "Missmanagement" von Macht und Reichtum zu verurteilen. Wenn die Kirche dies in Demut tun würde, würden sie "zweifelsohne ihre Glaubwürdigkeit unter den Jugendlichen der Welt stärken".

Junge Delegierte äußerten auch ihren Wunsch nach einer Kirche, die in der Lage ist, ihre Botschaft durch moderne Kommunikationsmittel zu verbreiten, und die Fragen der Jugendlichen auch auf eine Weise zu beantworten, die nicht "verwässert" oder "vorgefertigt" ist.

Vielmehr "bitten wir, die junge Kirche, dass unsere Führer praktisch über kontroverse Themen wie Homosexualität und Genderfragen sprechen, über die junge Leute bereits ohne Tabu diskutieren", so die Delegierten.

Die Jugendlichen forderten die Kirche auf, sich der eigenen, "richtigen Instrumente" zu bedienen. Gemeint sei damit der Einsatz in geistlichen Bewegungen oder Ehrenamt; für Schönheit und Kunst; in Anbetung und Kontemplation; durch Zeugnisse und den eigentlichen Synodenprozess.

Jenseits der praktischen, funktionalen und institutionellen Entscheidungsfragen betont das Dokument, dass junge Katholiken letztlich "eine freudige, enthusiastische und missionarische Präsenz innerhalb der Kirche" sein wollen.

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