Kardinal Parolin zu Migration: Die Herausforderung eines Mentalitätswechsels

Pietro Parolin
Foto: Marco Mancini CNA
Facebook Twitter Google+ Pinterest Addthis

 Die "dominierende Ablehnungs- und Wegwerfkultur" ablegen und die Einstellung gegenüber Migranten ändern - das ist die größte Herausforderung für die International Catholic Migration Commission, so der vatikanische Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin.

Eine besonders wichtige kulturelle Arbeit - betonte der Kardinal - im Hinblick auf den Global Compact, der bei den Vereinten Nationen zum Thema Migrationen und Flüchtlinge diskutiert wird, um eine Kultur der Aufnahme zu schaffen, aber auch um sichere Wege der Migration zu entwickeln. Das Thema ist in der Tat entscheidend und steht im Mittelpunkt "jeder Begegnung, die ich mit den Regierenden habe, sei es, dass sie in den Vatikan kommen oder dass ich sie besuche."

Die ICMC trifft sich in Rom zur Vollversammlung und um ihren Vorstand neu zu wählen

Die Kommission, die aus den Verantwortlichen für die Migration der Bischofskonferenzen aus aller Welt besteht, wurde von Pius XII. ins Leben gerufen, der - wie der Kardinalstaatssekretär erinnert - die massiven Verschiebungen von Flüchtlingen bewältigen wollte.

Es handelte sich um eine "internationale katholische Institution der Information, Koordination und Vertretung für die Migrationen", die von Anfang an die Bischöfe jener Nationen mit einbezog, die am intensivsten von den Migrationsbewegungen betroffenen waren und die dann die Statuen verfassten, die im Jahre 1951 verabschiedet wurden.

In seiner Eröffnungsrede zur Vollversammlung verfolgte Kardinal Parolin Schritt für Schritt das Abenteuer der ICMC zurück, die dazu berufen war, die "Anwendung christlicher Prinzipien in Bezug auf die Themen Migration und Völkerpolitik zu fördern und dafür zu sorgen, dass diese Prinzipien von internationalen Organisationen übernommen werden, sowohl von den Regierungsorganisationen als auch von den Nichtregierungsorganisationen, besonders was die Rechte der Familien angeht."

Diese Arbeit - so Kardinal Parolin - hat der ICMC die Wertschätzung der internationalen Gemeinschaft eingebracht, nicht nur durch ihr konkretes Wirken, sondern auch durch die Veröffentlichung von gemeinsam mit wichtigen internationalen Institutionen erarbeiteten Forschungsergebnissen und Leitfäden.

Nun arbeitet die ICMC mit der Abteilung für Migranten und Flüchtlinge des Dikasterium für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen zusammen, aber auch mit der zweiten Abteilung des Staatssekretariats, und ihr Beitrag zur Debatte um die beiden Global Compacts für eine sichere, geordnete und geregelte Migration ist bedeutend. Nicht umsonst war Monsignore Robert Vitillo, Generalsekretär der ICMC, kürzlich bei einer Nebenveranstaltung zum Thema Migrationen, die vom Heiligen Stuhl bei den Vereinten Nationen organisiert worden war.

"Zu zwei Dokumenten sind aktuell Verhandlungen und Befragungen im Gange" so Parolin. Der Wunsch des Heiligen Stuhls ist, dass sie "wirklich auf die Notwendigkeit eines besseren Schutzes und einer Wahrung der Menschenrechte dieser Personen antworten können, gegen alle Weigerungen, Meinungsänderungen und Unentschlossenheiten verschiedener Staaten. Und dass sie eine echte und gerechte Zusammenarbeit und einen Austausch auf internationaler Ebene herbeiführen, im Bereich der Verantwortlichkeiten und Verpflichtungen, die in Verbindung mit der Aufnahme stehen."

Was müssen die Merkmale des ICMC sein? Kardinal Parolin erinnerte daran, dass die Kommission geschaffen wurde, um die "Migrantenfamilien" zu unterstützen, die oft in den Zielländern ankommen, nachdem sie "Gewalt und Missbrauch" erfahren haben und die in unvorstellbaren "Schwierigkeiten und Elend" leben und Hilfe brauchen, um zusammenzubleiben.

Die Kirche kann auch "das Problem der Familienmitglieder, die in der Heimat geblieben sind, nicht vernachlässigen", während viele Ehepartner es ihrerseits nicht schaffen, wieder zurückzukehren. Das ist ein "heikler Aspekt der Migration, der leider weit verbreitet ist und mehr Aufmerksamkeit und Betreuung verlangt" fügte der Kardinalstaatssekretär hinzu. 

Vor allem aber gibt es das große Thema "Verweigerung der Aufnahme". Die Länder verdanken "zweifelsfrei einen großen Teil ihrer Entwicklung den Migranten"; aber trotzdem und obwohl man weiß, welch schreckliche Erfahrungen mit der Migration einhergehen, "wird Migration heute nur als Notfall oder Gefahr angesehen."

Deshalb braucht es eine "Mentalitätswechsel", der durch eine "Arbeit der Sensibilisierung und Information geschehen soll, bei der eure Kommission der katholischen Kirche helfen kann, viele Vorurteile und unbegründete Ängste abzubauen, die die Aufnahme von Fremden betreffen, sowie eine ausgeglichene und positive Wahrnehmung der Migration zu verbreiten", ohne jedoch "den Einsatz zu verschweigen, den diese Aufnahme in vielerlei Hinsicht erfordert."

Es handelt sich um eine wichtige Aufgabe, auch im Hinblick auf das "Interregnum" zwischen dem Ende der zwischenstaatlichen Verhandlungen über die Global Compacts (die ein halbes Jahr lang monatlich geführt werden) und der Konferenz in Marrakesch am 10. und 11. Dezember, die diese zur Anwendung bringen soll.

Aber nicht alles ist negativ. Kardinal Parolin stellte auch fest, dass der Haltung des Sich-Verschließens "jene vieler Jugendlichen entgegensteht, die die Migrationen als eine normale Dimension unserer Gesellschaft betrachten.“ Der Beitrag des ICMC kann "dabei helfen, alternative und sichere Migrationswege zu schaffen, besonders dort, wo Ereignisse und Katastrophen zur Flucht zwingen."

Das könnte Sie auch interessieren: