Kardinal Pell: Amazonas oder nicht, die Kirche kann keine Verwirrung zulassen

Kardinal George Pell bei der Ankunft am Melbourne County Court, 27. Februar 2019
Foto: Michael Dodge/Getty Images
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Kardinal George Pell hat seinen Unterstützern mit einem Brief für ihre Gebete gedankt und die Vorbereitungen auf die Amazonas-Synode als "verstörend" bezeichnet.

Der Text des zweiseitigen, handschriftlich verfassten Schreibens – von dem CNA eine Aufnahme vorliegt, deren Authentizität Personen aus dem Umfeld Pells bestätigten – wurde unter den engsten Unterstützern Pells in Australien verbreitet.

In seinem im "Melbourne Assessment Prison" geschriebenen, auf den 1. August datierten Brief erklärt der Kardinal, dass ihn der Glaube und die Gebete der Gläubigen in der Gefangenschaft gestärkt haben, und er sein Leiden in der Haft für das Wohl der Kirche aufopfere.

"Zu wissen, dass meine kleinen Unannehmlichkeiten, indem ich sie den Leiden Christi hinzufüge, etwas Gutes bringen können, gibt mir Sinn und Richtung", schreibt Pell.

"In einem solchen Geist sollten auch Herausforderungen und Probleme im Leben der Kirche angepackt werden", so der Kardinal weiter.

Konsterniert zeigt sich der langjährige Oberhirte von Melbourne und Sydney über das im Juni veröffentlichte Arbeitspapier zur Amazonas-Synode. Dieses finde er teilweise "verstörend", so Pell in seinem Brief wörtlich.

Das Instrumentum Laboris hat bereits lebhafte Debatten und scharfe Kritik provoziert. Unter anderem wirft Kardinal Brandmüller dem Arbeitspapier Häresie und Apostasie vor, wie CNA Deutsch berichtete. Eine schlüssige Antwort auf seine Bedenken steht bislang aus.

Ein vielkommentierter Kritikpunkt am Instrumentum ist dessen Vorschlag, verheiratete Laien, die "bewährte Männer" sind – sogenannte viri probati – zu Priestern zu weihen.

Begründet wird dies mit der besonderen Situation Amazoniens. Inwiefern Pfarrer, die kein Studium und keine Ausbildung haben, jedoch sinnvoll und richtig sind: Das steht unter anderem zur Diskussion.

Das Arbeitspapier fordert jedoch viel mehr, und postuliert eine Kirche mit "amazonischem und indigenem Antlitz". Es verlangt von der Synode im kommenden Oktober ferner, "die Art des amtlichen Dienstes zu bestimmen, die Frauen übertragen werden kann" angesichts der Rolle, die sie bereits in Amazonien in der Kirche spielten.

Pell schreibt: "Dies ist nicht das erste Dokument von schlechter Qualität, dass das Synodensekretariat erstellt hat". Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation, habe ja bereits eine "ausgezeichnete Kritik" des Arbeitspapiers veröffentlicht.

(CNA Deutsch berichtete.)

Er selber sei kein Experte für die Region, die er allerdings bereits besucht habe, so Pell. Doch müsse bis zur Synode noch viel Wasser den Amazonas hinunterfließen.

"Ein Punkt ist grundlegend: Die Apostolische Tradition, die Lehre Jesu und der Apostel, enthalten im Neuen Testamen und gelehrt durch die Päpste und Konzile, durch das Lehramt der Kirche, ist das einzige doktrinär ausschlaggebende Kriterium für die Glaubenslehre und Praxis.

"Amazonas oder nicht Amazonas, in keinem Land kann die Kirche irgendeine Verwirrung zulassen, und erst recht nicht Widersprüchliches lehren, um der Apostolischen Tradition Schaden zuzufügen", betonte Pell.

Der Kardinal unterstreicht die Notwendigkeit kirchlicher Einheit, was die Lehre Christi betrifft, und ruft gleichzeitig zur Nächstenliebe auf.

"Wir müssen uns immer daran erinnern, dass die Kirche eins ist, nicht nur in dem Sinne, dass gute Familien zusammenhalten, unabhängig von ihren Unterschieden, sondern weil die Kirche Christi ihren Sitz in der katholischen Kirche hat, die der Leib Christi ist."

Der australische Kardinal wurde von einem Geschworenengericht im Dezember vergangenen Jahres für schuldig befunden, Minderjährige sexuell missbraucht zu haben und im März diesen Jahres zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt.

Die Verteidigung legte sofort nach der Urteilsverkündung Berufung ein.

Juristen und Kommentatoren – auch solche, die Pell in keiner Weise gewogen sind – bemängeln, dass der Schuldspruch der Geschworenen auf einer einzelnen Zeugenaussage beruhe, für die es weder Beweise noch Indizien gebe.

Auch die Plausibilität des Tathergangs wird von Beobachtern stark bezweifelt: Pell soll laut der Aussage seines mutmaßlichen Opfers unmittelbar nach der heiligen Messe an einem Sonntag in der Kathedrale von Melbourne, noch im liturgischen Gewand gekleidet, in der von zahlreichen Menschen betretenen Sakristei bei geöffneter Tür zwei Chorknaben gleichzeitig sexuell missbraucht haben. Das andere mutmaßliche Opfer, ein inzwischen verstorbener Mann, beteuerte vor seinem Tod, dass der Missbrauch nicht stattgefunden habe. Andere Zeugen bestreiten zudem den geschilderten Tathergang kategorisch, darunter der Zeremonienmeister des Doms, der nach eigenen Angaben dem damaligen Erzbischof nicht von der Seite wich.

Bei der Anhörung des mittlerweile laufenden Berufungsverfahrens stolperte der Staatsanwalt nach einhelliger Darstellung aller Seiten zudem über die Vorwürfe der anhörenden Richter, dass der geschilderte Tathergang widersprüchlich und nicht glaubwürdig sei, wie CNA Deutsch berichtete.

Eine Entscheidung des Berufungsgerichts steht derzeit noch aus. Beobachter sagten gegenüber CNA, dass mit einer Entscheidung wohl binnen der nächsten 14 Tage zu rechnen sei.

In seinem Brief schreibt Pell, er habe zwischen 1.500 und 2.000 Zuschriften von Unterstützern erhalten. Er wolle jedem persönlich antworten, so der Kardinal.

Die Gebete und Briefe der Gläubigen seien "ein enormer Trost, menschlich wie geistlich", so Pell.

"Mein Vertrauen auf Gott, wie das Ihre, ist eine Quelle der Kraft."

Übersetzt und redigiert aus dem englischen Original von AC Wimmer

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