„Katholisch heißt universal, nicht kontinental" – Wie die Synode selber Reizthema wurde

Kardinal George Pell im Exklusiv-Interview mit CNA – "Weder Rebell der Synode noch Gegner des Papstes"

Kardinal George Pell bei der heiligen Messe zur Eröffnung der Familiensynode am 4. Oktober 2015
Foto: CNA/Martha Calderon

Es ist soweit: Die Synode beschäftigt sich in diesen letzten Arbeitstagen mit dem dritten und letzten Teil des Arbeitspapiers — und damit eigentlich mit den Reizthemen. Das ist vor allem die wieder neu aufgelegte Forderung von Kardinal Walter Kasper, wiederverheiratete Geschiedene zum Sakrament der Kommunion zuzulassen.

Jenes „heiße” Eisen also, welches diese Synode von Anfang an dominiert hat, trotz redlicher Versuche und Erinnerungen von allen Seiten, dass es eigentlich um die Familie und ihre Mission gehen sollte.

Nun ist es soweit, oder wäre es. Aber nein: Jetzt, wo es soweit wäre, spricht gerade kaum jemand davon, dem Leib- und Magenthema der Synode.

Dafür schlagen andere Geschichten auf den Magen. So beschreibt heute etwa der Synodenvater und immer unterhaltsam bloggende Benediktiner, Abtpräses Jeremias Schröder, zwar kurz „angespannte Gesichter” und Diskussionen, aber konzentriert sich dann auf die Beschreibung der Verpflegung am Häppchen-Buffet der Synode, und vor allem auf die Rechtfertigung eines angeblich fürstlichen Abendessens im Gästehaus der Erzdiözese München und Freising, bei Kardinal Reinhard Marx. Darüber hatte der Vatikanist Edward Pentin spekuliert – was den bayerischen Benediktiner dazu bringt, dass er die Synode nicht weiter erwähnt, sondern die kulinarischen Details des Dinners beschreibt, die in der Tat eher bayerisch-schlicht und bescheiden aussehen.

Warum ist vom Reizthema also (noch) wenig zu lesen? Das hat wiederum mehrere Gründe – von denen drei wichtig sind:

Einmal werden in den kommenden Tagen erst die Reden und Berichte öffentlich, die nun entstehen – und wo die Frage zu klären ist, was eigentlich diskutiert werden soll, wenn nicht einfach die Inhalte von Familiaris Consortio noch einmal bekräftigt werden sollen – denn „dafür hätte es nun nicht gerade einen mehrjährigen Synodenprozess gebraucht”, wie Abtpräses Schröder lakonisch anmerkt.

Ist es also eine Ruhe vor dem nächsten Sturm? Das Auge des Orkans, gar?  – Zumindest ist es eine Atempause, die dringend gebraucht wird. Es herrscht, berichten Synodenväter wie Beobachter, eine große Müdigkeit bei vielen Teilnehmern. Vom Hunger ganz zu schweigen.

Das liegt zum zweiten auch und gerade daran, dass die Reizthemen zwar theoretisch jetzt erst auf der Agenda stehen – aber seit Tagen rauf und runter diskutiert werden. Wichtige Synodenväter wie Kardinal Reinhard Marx haben längst ihre Vorstellungen zum Thema öffentlich gemacht.

Ein dritter – und wohl der wichtigste – Grund, warum die Reizthemen just im Augenblick nicht Schlagzeilen machen, ist aber dieser: Die gesamte Synode ist selber zum eigentlichen Reizthema geworden. Und das nicht nur, weil es schon im Vorfeld schwere Vorwürfe gegeben hat, die erste Familiensynode 2014 sei manipuliert worden. Edward Pentin hat diese in seinem Buch „The Rigging of a Vatican Synod” dokumentiert – ganz ohne Speisekarten.

Nein, die laufende Synode ist selber nun unter öffentlichen Verdacht geraten, und das nicht nur bei einigen katholischen Bloggern, die Verschwörungstheorien aus Angst vor Reformen oder der Zukunft streuen würden. Die gibt es zwar auch. Jedoch sind es Schlagzeilen von Kommentatoren in der internationalen Presse, die sich überschlagen. In der New York Times etwa, nicht gerade eine Bistumszeitung, wirft Ross Douthat dem Papst vor, mit dieser Synode die katholische Lehre und Kirche ändern zu wollen. Dem setzt Damian Thompson eines drauf, und schreibt auf seinem Blog im Magazin The Spectator: „Papst Franziskus befindet sich im Krieg mit dem Vatikan. Wenn er gewinnt, könnte die katholische Kirche auseinanderbrechen”. Thompson ist – unter anderem – einer der leitenden Redakteure des renommierten britischen Catholic Herald.

Vor diesem Tableau, mit seinen durchaus hysterischen Pinselstrichen, haben sich führende Kardinäle nun zu Wort gemeldet, um etwas Ruhe und Besinnung in die öffentliche Diskussion zu bringen – aber auch, um Befürchtungen zu entkräften, die Kirche werde den umstrittenen Forderungen der heterodoxen Vertreter nachgeben.

In einem ausführlichen, exklusiven Interview mit CNA hat der australische Kardinal George Pell Gerüchte zurückgewiesen, dass er ein Rebell der Synode oder Gegenspieler von Papst Franziskus sei. Das Gegenteil sei der Fall. Gleichzeitig betonte Pell, dass sich die Glaubenslehre auch in Zukunft nicht von Land zu Land ändern werde, wie einige der Kritiker der Synode schon lautstark befürchtet hatten.

„Catholic means universal, not continental”, so Pell wörtlich gegenüber Ann Schneible und Walter Sanchez Silva. Katholisch bedeute nun mal universal, nicht kontinental. Es bleibe bei einer Doktrin. Basta.

Ein nicht weniger prominenter Protagonist der Synode, Kardinal Wilfrid Fox Napier aus Durban in Südafrika, ging ebenfalls an die Öffentlichkeit. Er sei optimistisch über den Ausgang der Synode, sagte Napier, und er vertraue dem Ablauf des Treffens.

Ein weiterer Australier, Erzbischof Mark Coleridge von Brisbane, stellte öffentlich klar, dass allzu hysterische Interpretation seiner Aussagen bei der gestrigen Presse-Konferenz im Vatikan nicht missverstanden werden dürfen.

Und der deutsche Synodenvater Heiner Koch, Erzbischof von Berlin, betonte ebenfalls heute, dass die Entscheidung des Papstes bindend sein werde – mit anderen Worten, in der Kirche gilt nach wie vor: Roma locuta, causa finita.

Diese klärenden Worte von führenden Köpfen verschiedener Seiten haben die Situation versachlicht. Ob sich alle Medien danach richten werden, und wie nun die Debatten der 13 Kleingruppen zum dritten Teil und seinen Themen ausgeht, bleibt abzuwarten.

Tatsache ist: In der Zwischenzeit arbeitet die von Franziskus ausgewählte “Schlussredaktion” schon längst am Bericht, über den die Synode dann abstimmt und der dem Papst schlussendlich als Ergebnis vorgelegt werden soll. Die Kommission kämpft sich eifrig durch die Berichte der Kleingruppen zu den ersten beiden Teilen. 

Die Erwartungen an diesen abschließenden Text,  wenn fertig,  sind riesig. Aber sie sind auch sehr hoch, weil praktisch alle Gruppen und viele nahmhafte Theologen und Experten kaum ein gutes Haar am Arbeitspapier gelassen haben, das aus der ersten Synode kam; egal, ob sie nun zustimmten, dass diese erste Synode manipuliert wurde, oder nicht.

Ob und wie vor diesem Hintergrund nun ein mehrheitsfähiges Dokument entsteht, muss sich erst zeigen. Leicht wird es für die Redakteure der Kommission nicht; zumal ihr Bericht die Beratungen einerseits reflektieren soll und andererseits dem Heiligen Vater helfen, ein wegweisendes Apostolisches Schreiben zu leisten. Und dann auch noch eines, dass nicht einfach dem noch einmal entspricht, aber auch nicht widerspricht, was die Kirche seit Jahrhunderten lehrt und erst 1981 noch einmal vom heiligen Papst Johannes Paul II. in Familiaris Consortio deutlich  bekräftigt wurde.

Wie all dies nun ausgeht, weiß allein der Herrgott – der sei gestern allerdings schon der Schlussredaktion erschienen, frotzelt zumindest der australische Erzbischof Coleridge in seinem Blog. Der Herr habe der Schlussredaktion (offiziell „Kommission”) einen Überaschungsbesuch gemacht. Einer der Teilnehmer, Kardinal John Dew, habe erzählt, dass der Papst „wie der leibhaftige Auferstandene” durch dieTür gekommen sei – ob er diese zuvor überhaupt aufmachte, wisse er nicht, so Coleridge. Wenn solche Wunder möglich sind, ist ein guter Ausgang der Synode für alle, die darum beten, es hoffentlich auch.