Kommentar: "Weltuntergang jetzt"?

Künstliche Apokalypse: Ein Feuerwerk am Eiffelturm am 14. Juli 2013, gesehen vom Montparnasse
Foto: Yann Caradec via Flickr (CC BY-SA 2.0)

Apocalypse now ist der Titel eines mehrfachen ausgezeichneten Films über die Schrecken des Vietnamkrieges. "Weltuntergang jetzt" – so der Name des Hollywoodstreifens zu Deutsch – könnte der tägliche Titel der Fernsehnachrichten sein. Krieg, Terror, Hunger, Seuchen, immer neue Virusinfektionen, Teuerung und Inflation – es scheint tatsächlich so, dass die apokalyptischen Reiter losgelassen wurden und in wilder Wut über unsere Erde jagen.

Die dramatische Situation lässt Papst Franziskus und Patriarch Kyrill in ihrer gemeinsamen Erklärung sagen: "Wir ermahnen alle Christen und alle Gottgläubigen, mit Inbrunst den sorgenden Schöpfer der Welt zu bitten, auf dass er seine Schöpfung vor der Vernichtung bewahre und keinen neuen Weltkrieg zulasse." Hat die Apokalypse begonnen? Nicht wenige meinen, dass angesichts der Zeichen der Zeit – Naturkatastrophen, Verfolgung der Christen in vielen Länder dieser Welt, Krieg und gesellschaftliche Instabilität, das Ende kurz bevorstehe. Sie haben Recht: Apocalypse now! – Die Endzeit hat begonnen.

Seid mutig!

Für Christen ist in der Tat jetzt "Weltuntergang" – und das genauer gesagt schon seit 2000 Jahren. Jesus hat mit seinem Kommen Feuer auf die Erde geworfen und die Apokalypse gebracht. Apokalypse aber heißt wortwörtlich Offenbarung, Enthüllung. Von der Himmelfahrt bis zur Wiederkunft Jesu herrscht "Endzeitstimmung" – für manche in sorgenvoller Angespanntheit, für andere in erwartungsfroher Hoffnung.

Das apokalyptische Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes ist ein prophetisches Buch, das genau darüber spricht. Es geht dem Apostel nicht so sehr um das, was kommen wird, sondern um das, was heute getan werden muss. Jesus sagt uns durch seinen Jünger, was er von uns Christen erwartet. Es geht daher nicht um Spekulationen, wann genau und wie der Jüngste Tag hereinbrechen wird, sondern wie wir heute zu leben haben, damit wir uns voll Freude, Sehnsucht und Zuversicht das Wort zu eigenen machen, das am Ende der Heiligen Schrift steht: "Komm, Herr, Jesus!" (Offb 22, 21). In dieser Perspektive ist die Offenbarung des Johannes eine Anleitung zum guten, zum heiligen Leben, gerade – und von diesen Bildern ist ja die Apokalypse voll – wenn Leid und Tod, Anfeindung und Zweifel eben ein solches Leben unmöglich zu machen scheinen. Wie können wir heute Jünger Jesu sein und ohne falsche Kompromisse unseren Glauben leben? Wie können wir in und gegen die Welt bestehen, die so oft voller Leid und Schrecken ist: "Habt Mut: Ich habe die Welt besiegt!" (Joh 16, 33).

Besiegt die Welt! 

"Wir sind nur Gast auf Erden" singen wir in einem frommen Lied, aber sobald wir die Kirche verlassen haben leben wir so, als ob diese Welt die einzige und unser irdisches Leben das wahre sei. Viele haben Lebensversicherungen – und das ist an sich nichts Schlechtes! – und manche sogar unterirdische Bunker, die im Fall eines Atomkrieges vor dem sicheren Strahlentod schützen. Wie viel Sorge um Sicherheit, und doch findet sich in der Bibel kein Appell so oft wie der Aufruf: "Fürchte Dich nicht!". – So sehr wir uns als Christen bemühen müssen, dass Leid in dieser Welt zu bekämpfen und uns einzusetzen, wie Franziskus und Kyrill sagen, den Frieden zu bewahren, so sehr dürfen wir doch nicht meinen, ein irdisches Paradies schaffen zu können. Apocalypse now – as always! Die wirklich frohe Botschaft ist die, dass mich nach meinem Leben ein anderes erwartet und dass nachdem diese Welt untergegangen ist, es einen "neuen Himmel und eine neue Erde" geben wird. Das Aschenkreuz auf der Stirn erinnert gerade in der Fastenzeit, dass alles zu Staub wird – und doch nicht für immer untergeht.

In der Offenbarung des Johannes lobt Jesus die Gemeinde von Ephesus: "Du bist nicht müde geworden" (Offb 2,3). Könnte er das auch von uns sagen? Sind wir Christen heute nicht unsäglich müde und träge geworden? Bedeutet Endzeitstimmung nicht für viele von uns: "Es hat ja alles ohnehin keinen Sinn!" Ja, manche fromme Christen legen in einer solchen Haltung die Hände in den Schoß und warten auf den himmlischen Fanfarenstoß, der der Krise in Kirche und Welt ein Ende mache. Die Israeliten sind 40 Jahre durch die Wüste gezogen, obwohl sie den Marsch von Ägypten ins Gelobte Land in wenigen Wochen hätten bewältigen können. Warum? Weil sie Angst hatten gegen die Kanaaniter zu kämpfen. Was wäre, wenn viele Christen heute nicht länger durch die Wüste schleichen, sondern zum Angriff blasen würden? – Nicht mit Waffen in der Hand oder gar Sprengstoffgürteln um den Bauch, sondern mit dem Mut antiker Helden, die nur noch in Hollywoodfilmen fortleben und die sich, auch angesichts von "Tod und Teufel", hingeben für die Rettung anderer. Ja, die Apokalypse ist die Zeit von Helden und Heiligen – sie ist, im Tiefsten betrachtet, die Zeit der Liebenden.

Nur die Liebenden 

Es ist Endzeit – aber keine Zeit für Trauer, Angst oder gar Depression. Apocalypse now heisst Love now. Der Mut, den Glauben in einer von Gewalt gekennzeichneten und oft (neu)heidnischen Welt zu leben, kommt aus der Liebe. Verliebte wagen alles füreinander und besiegen die Welt, die sich ihnen entgegenstellt. Gott hat uns geliebt schon vor der Erschaffung der Welt und als wir noch Sünder waren. Er liebt uns – unfassbar für moderne Menschen, die nach den Gewinn- und Verlustprinzipien der Wirtschaft denken – ohne uns zu brauchen. Reine Liebe. Er liebt uns, nicht damit Er glücklich wird – das ist er schon – sondern damit wir es werden. Das ist die Botschaft angesichts der großen Krisen in der Welt und der kleinen, aber doch nicht minder schweren, in meinem Leben. Apoklaypse ist die Zeit der Offenbarung. Ja, angesichts von Krieg und Krankheit in allen Teilen der Welt, von denen der Papst und der Patriarch in Kuba gesprochen haben, offenbaren sich die wahrhafte Liebenden, scheiden sich wie Spreu vom Weizen, die um Haus und Wohlergehen besorgten Spießer von den leidenschaftlichen Hoffenden.