Lanciano: Die Kirche des eucharistischen Wunders

Die Geschichte eines Wunders aus dem VIII. Jahrhundert, das noch heute Ziel zahlreicher Wallfahrten ist

Reliquiar Lanciano
Foto: WIkipedia
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Der Begriff "borgo" bedeutet Dorf, Ortschaft und ist in Italien sehr weit verbeitet, auch wenn er seinen Ursprung in einer germanischen Bezeichnung für einen bewohnbaren und mit einer befestigten Anlage umgebenen Turm hat. Der Name Burgus wurde später von den Römern ins Lateinische übernommen.

Borgo wird in Italien nicht nur für Dörfer, sondern auch für Stadtviertel verwendet, wie zum Beispiel das Viertel rund um den Petersdom.

Es gibt auf der Halbinsel zudem verschiedene "borghi", die rund um Heiligtümer oder Kultstätten entstanden sind.

Die Chefredakteurin unserer italienischsprachigen Schwesteragentur ACI Stampa, Angela Ambrogetti, hat einen dieser letzteren - Lanciano - beschrieben, auch wenn der Ort mittlerweile zu einer Stadt herangewachsen ist:

Wir besuchen heute Lanciano in den Abruzzen. An diesem Ort ereignete sich ein bedeutendes eucharistisches Wunder.

Der ursprüngliche Kern des Dorfes Lanciano entstand um eine Kirche, die den Heiligen Legontianus und Domitianus geweiht war und im Jahr 1095 dank einer Schenkung des Grafen von Capua an den Bischof von Chieti errichtet wurde. Zu Beginn handelte es sich bei Lanciano nur um einen sehr kleinen befestigten Ort, der allmählich durch Straßen, Gebäude, weitere Kirche und Konvente wuchs. Im XV. Jahrhundert befand sich das Gebiet unter aragonesischer Herrschaft und nach der Pest in den Jahren 1527-1529 strömten viele Familien aus anderen Regionen in die Gegend, wodurch sich der Borgo noch weiter vergrößerte und zu einer Stadt wurde.

1230 wurde die Franziskaner-Provinz Pennese gegründet, zu der die heutigen Abruzzen gehören. Die Franziskaner weihten 1260 ihre Kirche neben der Kirche des heiligen Legontianus ein.

Diese Kirche bestand aus einer einfachen, rechteckige Halle; daneben wurde sofort das Kloster der Mönche errichtet. Seit dieser Zeit gab es am Gebäudekomplex mehrere Veränderungen, zum Beispiel durch die Errichtung der Seitenkapellen, die von berühmten Familien gespendet wurden. In eine dieser Seitenkapellen der Franziskanerkirche, der Kapelle des Antonio Valsecca, wurden 1637 - nach Anerkennung durch den Generalvikar - die Reliquien des eucharistischen Wunders von Lanciano überführt.

Ein Erdbeben erschütterte 1706 die Region und beschädigte auch die Franziskanerkirche schwer. Beim Wiederaufbau gab man dem Gebäude einen neues, barockes Aussehen; für die heiligen Reliquien wurde eine Monstranz aus Emaille und Gold angefertigt.

Vor Kurzem wurde die Kirche restauriert und es wurden tiefgreifende archeologische Untersuchungen durchgeführt. Dabei wurde unter anderem ein wunderbares Fresko der Kreuzigung entdeckt.

In der Franziskanerkirche sind, wie gesagt, die Reliquien des Wunders heute aufbewahrt. Ereignet hat sich das Wunder jedoch in einer anderen Kirche: in der Kirche des heiligen Longinus der Basilianermönche aus dem 8. Jahrhundert.

Die Geschichte dieses Wunders ist beeindruckend.

Der byzantinische Kaiser Leo III., der Isaurier (ca. 680-741) hatte mehrere Edikte gegen die Verehrung von Bildern erlassen (der sogenannte "Bilderstreit"); einige Basilianermönche flohen deshalb in den Westen, auch nach Lanciano.

Die Tradition besagt, dass im VIII. Jahrhundert einer dieser Mönche während der Feier der Heiligen Messe, vom Zweifeln hinsichtlich der Realpräsenz Jesu in der heiligen Eucharistie befallen wurde. Während er die Wandlungsworte über Brot und Wein sprach, sah er plötzlich vor sich, wie sich das Brot in Fleisch und der Wein in Blut verwandelten.

Ein Dokument aus dem Jahre 1631 schreibt, wie der Mönch "nicht fest im Glauben, in den Wissenschaften der Welt gebildet, aber in jenen Gottes ignorant, Tag für Tag zweifelte, ob in der konsekrierten Hostie der wahre Leib Christi und im Wein das wahre Blut Christi sei." Diesem zweifelden Mönch wurde das Wunder geschenkt. 

Diese Wunder genauer zu datieren ist nicht einfach. Die frühen historischen Zeugnisse und die mündliche Überlieferung dienen als hauptsächliche Quellen. Im Laufe der Zeit gibt es zudem mehrere "Spuren" des Wunders.

Die erste Anerkennung des eucharistische Wunders erfolgte 1574. Weitere Anerkennungen stammen aus den Jahren 1637, 1770, 1866 und 1970.

Die Reliquien des Wunders wurden bis 1258 in der ursprünglichen Kirche aufbewahrt, gingen dann aus den Händen der Basilianer in jene der Benediktiner über (ca. 1074). Nach einer kurzen Zeit in der Verantwortung der Erzpriester (1229-1252) kam sie letztendlich zu den Franziskanern.
Es heißt, zur Zeit der Türkenkriege wollte ein Minderbruder namens Giovanni Antonio di Mastro Renzo die Reliquie vor einem befürchteten EInfall osmanischer Truppen retten und nahm sie am 1. August 1566 mit sich. Nachdem er jedoch eine ganze Nacht gelaufen war, fand er sich am nächsten Morgen immer noch vor den Toren von Lanciano wieder. So wurde ihm klar, dass er und seine Gefährten dort bleiben mussten, um die Reliquien aufzubewahren.

Seit dem Jahr 1920 befinden sich die Reliquien nicht mehr in einer Seitenkapelle; sie wurden hinter dem neuen Hochaltar aufgestellt.

Seit 1923 ist das Fleisch in einem Behälter zwischen den Strahlen einer Monstranz sichtbar; die getrockneten Blutklumpen befinden sich in einer Art Kristallkelch, eingearbeitet im Fuß dieser Monstranz.

1970 wurden diese fast zwölf Jahrhunderte alten Reliquien einer wissenschaftlichen Untersuchung unterzogen. Diese Aufgabe wurde Dr. Edoardo Linoli, dem Leiter des Krankenhauses Arezzo und Professor für Anatomie, Histologie, Chemie und klinische Mikroskopie anvertraut, mit Unterstützung durch Professor Ruggero Bertelli von der Universität Siena. Am 4. März 1971 legte der Professor einen detaillierten Bericht über die verschiedenen durchgeführten Studien vor: Das "Fleisch des Wunders" ist wirklich Fleisch, genauer gesagt quergestreiftes Muskelgewebe eines Herzmuskels. Auch das "Blut des Wunders" ist echtes Blut. Die immunologische Untersuchung bestätigte, dass es sich um menschliches Fleisch und Blut handelt.

Für Linoli stand auch fest, dass es sich nicht um eine Fälschung handelt.

Heute ist Lanciano ein bekannter Wallfahrtsort und das Heiligtum ist in den Abruzzen und weit darüber hinaus sehr beliebt.

Einwohner der Abruzzen, die in alle Welt ausgewandert sind, haben zudem die Geschichte des Wunders und den Glauben an die Realpräsenz Jesu in der Eucharistie überall hingebracht. 

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