“MISERICORDIA” – Der päpstliche "Katalog notwendiger Tugenden" zu Weihnachten

Weihnachtsansprache von Papst Franziskus an die Kurie – Nach den 15 Krankheiten geht es nun um 24 Tugenden, um diese zu heilen

Die Heilige Pforte der Nächstenliebe: Papst Franziskus öffnete sie am 18. Dezember in der Obdachlosenunterkunft und Suppenküche der Caritas in Rom
Foto: L'Osservatore Romano
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Mit Spannung wurde die Weihnachtsansprache von Papst Franziskus erwartet. Vergangenes Jahr hatte er den Mitarbeitern der römischen Kurie ähnlich deutlich seine Meinung gesagt wie kürzlich den deutschen Bischöfen: 15 “Kurienkrankheiten” diagnostizierte der Heilige Vater damals, “die jeden Christen, jede Kurie, Gemeinschaft, Kongregation, Pfarrei und kirchliche Bewegung befallen könnten”, wie Franziskus heute noch einmal betonte.

Seit der Ansprache des vergangenen Jahres gab es wenig Anzeichen auf Genesung, analysiert Franziskus; vielmehr seien “einige dieser Krankheiten (...) im Laufe dieses Jahres aufgetreten” und hätten “dem gesamten Leib nicht unerhebliche Schmerzen zugefügt” – eine Anspielung auf die vielen Skandale und Aufregungen, allen voran das neue "Vatileaks".

Ecclesia semper reformanda

Die Botschaft ist klar: Franziskus will sich davon nicht beirren lassen, dass es Unruhe gibt. “Die Reform wird mit Entschlossenheit, klarem Verstand und Tatkraft fortgeführt”, so der Papst wörtlich gegenüber den Mitarbeitern des Vatikanstaates. Schließlich sei die Ecclesia semper reformanda, die Kirche immer zu reformieren. 

Die Vorfälle seien Gelegenheiten, sich auf das Wesentliche zu besinnen, “das heißt zu überprüfen, wie weit wir uns im Klaren sind über uns selbst, über Gott, über den Nächsten, über den sensus Ecclesiae und über densensus fidei”, so Franziskus.

Mit Blick auf Weihnachten, “das Fest der unendlichen Barmherzigkeit Gottes”, sowie das gleichnamige Heilige Jahr, biete er einen “Katalog der notwendigen Tugenden” an; nicht nur die Mitarbeiter der Kurie, sondern “für alle, die ihre Weihe oder ihre Arbeit für die Kirche fruchtbar machen wollen”, so der Papst wörtlich.

Sein “Katalog der notwendigen Tugenden” besteht aus 24 Wörtern, die der Papst als Buchstabenspiel in italienischer Sprache anhand des Wortes MISERICORDIA arrangiert:

  1. Missionsgeist und pastorale Haltung
  2. Idoneità = Eignung; und Weisheit
  3. Spiritualität und Menschlichkeit
  4. Exemplarisches Verhalten und Treue
  5. Rationalität und Liebenswürdigkeit
  6. Innocuità = Besonnenenheit; und Entschiedenheit
  7. Carità = Liebe; und Wahrheit
  8. Onestà  = Ehrlichkeit; und Reife
  9. Respekt und Demut
  10. Doviziosità” = Großherzigkeit; und Aufmkersamkeit
  11. Impavidità = Unerschrockenheit; und Regsamkeit
  12. Affidabilità = Vertrauenswürdigkeit; und Nüchternheit

Die Ansprache (hier der komplette Wortlaut) des Heiligen Vaters schließt mit einem Gebet, das dem seligen Oscar Arnulfo Romero zugeschrieben werde, so Franziskus, doch von Kardinal John Dearden stamme:

Ab und zu hilft es uns, einen Schritt zurückzutreten
und aus der Ferne zu schauen.
Das Reich liegt nicht nur jenseits unserer Bemühungen,
sondern auch jenseits unserer Horizonte.
In unserem Leben gelingt es uns nur, einen kleinen Teil zu vollbringen
von jenem wunderbaren Unterfangen, das das Werk Gottes ist.
Nichts von dem, was wir tun, ist vollständig.
Das besagt, dass das Reich weit über uns selbst hinausgeht.
Keine Aussage drückt all das aus, was gesagt werden kann.
Kein Gebet gibt den Glauben vollständig wieder.
Kein Credo führt zur Vollkommenheit.
Kein Pastoralbesuch bringt alle Lösungen mit sich.
Kein Programm erfüllt voll und ganz die Sendung der Kirche.
Keine Zielsetzung erreicht ihre vollständige Verwirklichung.
Es geht um dies:
Wir streuen Samen aus, die eines Tages aufgehen werden.
Wir begießen bereits ausgesäte Samen
und wissen, dass andere sie pflegen werden.
Wir legen den Grund für etwas, das sich entwickeln wird.
Wir bringen den Sauerteig ein, der unsere Fähigkeiten vervielfachen wird.
Wir können nicht alles tun,
doch es zu beginnen schenkt ein Gefühl der Befreiung.
Es gibt uns die Kraft, etwas zu tun, und es gut zu tun.
Es kann unvollendet bleiben, doch es ist ein Anfang, ein Schritt auf einem Weg.
Eine Chance, dass die Gnade Gottes eintritt
und den Rest tut.
Mag sein, dass wir nie seine Vollendung sehen,
doch das ist der Unterschied zwischen dem Baumeister und dem Handlanger.
Wir sind Handlanger, nicht Baumeister,
Diener, nicht Messias.
Wir sind Propheten einer Zukunft, die uns nicht gehört.