Nacht des Terrors: Wie Studenten einen Angriff von Paramilitärs auf eine Kirche erlebten

Einschusslöcher in der Kirche der Göttlichen Barmherzigkeit in Managua (Nicaragua).
Foto: Marvin Recinos / AFP / Getty.
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Ein Brand in der Kirche. Einschusslöcher im Tabernakel. Studenten, die um ihr Leben rennen.

Pater Raul Zamora ist Pfarrer in Nicaragua. Gegenüber CNA schildert er, wie er Anfang des Monats 150 fliehende Studenten aufnahm, nachdem Paramilitärs das Feuer auf ihre Demonstration eröffnet hatten - und wie sie 15 Stunden lang beteten, während die Paramilitärs auf das Gotteshaus schossen.

Am 13. Juli protestierten Studenten der Nationalen Autonomen Universität von Nicaragua in Managua (UNAN) gegen die Rentenreformen und die zunehmend autoritäre Herrschaft von Präsident Daniel Ortega. Ihre Demonstration war Teil der seit April andauernden, landesweiten Proteste.

Als die Repressionen der Regierungstruppen gegen die Studentenproteste an diesem Tag gewalttätig wurden, riefen einige Studenten ihre Eltern an, um sich von ihnen zu verabschieden, weil sie sicher waren, dass sie sterben würden. Andere wandten sich in Todesangst an Pater Zamora.

"Diese Universität steht eigentlich unter meiner Seelsorge", erklärte Zamora. Die Hochschule liegt direkt neben der Pfarrei, und der Priester kennt die Studenten, von denen er viele geistlich begleitet, persönlich.

"Ich sagte ihnen: 'Kommt in die Pfarrei. Kommt in die Gemeinde. Bleibt nicht da", so der Priester.

Die fliehenden Studenten kamen nach und nach in die Kirche der Göttlichen Barmherzigkeit. Zamora und andere Mitarbeiter der Kirche fuhren zur Universität, um nach den Verwundeten zu suchen. Sie fuhren sechs oder sieben Mal hin und her, während Polizei und Paramilitärs auf dem Campus der Universität weiter auf die Studenten schossen, und sie an der Flucht zu hindern.

"Jedes Mal, wenn die Studenten versuchten, in die Wagen der Pfarrgemeinde einzusteigen, fingen sie wieder an zu schießen", sagte Zamora.

Er dachte, dass die Studenten sicher sein würden, wenn sie einmal in der Kirche sind. Aber dann eröffneten die Paramilitärs das Feuer auf das Gotteshaus.

Joshua Partlow, ein Reporter der "Washington Post", flüchtete zusammen mit den Studenten in die Pfarrkirche.

Die Studenten "trugen die Verwundeten in das Pfarrhaus von Pfarrer Raul Zamora, setzten sie auf Stühle oder legten sie auf den blutbespritzten Fliesenboden", so der Reporter in seinem Artikel.

"Nicht lange nach 18 Uhr war ein mehrfacher lauter Knall zu hören, und die Lage nahm eine bedrohliche Wendung. Die Schießerei in der Ferne war plötzlich in der Nähe zu hören. Die Paramilitärs waren gekommen. Sie blockierten den einzigen Ausgang der Kirche und schossen auf die verbliebene Barrikade vor der Kirche."

Die Geflüchteten waren nun in der Kirche gefangen.

Die ganze Nacht verbrachten sie im Gotteshaus, bis am Samstagmorgen Kardinal Leopoldo Brenes Solorzano und Erzbischof Waldemar Sommertag, der apostolische Nuntius, ihre Freilassung erreicht hatten. Pfarrer Zamora hatte die ganze Nacht über immer wieder mit ihnen telefoniert und die Situation erklärt.

Die Studenten beteten die ganze Nacht lang, angeleitet vom Priester, den Rosenkranz und den Barmherzigkeitsrosenkranz. 

Als einmal der Kugelhagel besonders heftig wurde, und alle auf dem Boden lagen, betete Zamora leise mit den Studenten, schreibt der Reporter Partlow:

"Herr, wir bitten Dich, uns in diesem Moment zu beschützen. Hilf uns, Herr".

"Die ganze Nacht hatten wir viel Zeit zum Beten. Es wurde ununterbrochen geschossen", so Zamora gegenüber CNA.

Viele der protestierenden Studenten, die in die Kirche flüchteten, waren selber keine Katholiken, fuhr der Priester fort.

"Studenten verschiedener Religionen, Konfessionen und Atheisten waren bei mir. Irgendwie war es für mich sehr bewegend zu sehen, wie einige dieser Studenten, die an nichts glaubten, vorbeikamen und mich umarmten, weinten und sagten: 'Wenn ich an einen Gott glauben würde, würde ich an deinen Gott glauben'. Das war für mich sehr eindrucksvoll", sagte der Priester.

"Dies ist ein Moment, in dem die Kirche Zeugnis ablegt und wirklich das Antlitz Christi in uns leuchtet".

Spät in der Nacht fing ein Teil der Kirche Feuer, und ein Student rief Pater Zamora aus dem Pfarrhaus herüber. Da sah der Priester die Einschusslöcher im  Gnadenbild der Kirche und im Tabernakel. Die meisten Studenten wussten nicht, was ein Tabernakel ist, bis es der Priester ihnen erklärte.

Paterr Zamora stellte erleichtert fest, dass das Allerheiligste Sakrament bei dem Angriff unversehrt blieb.

Zwei Studenten wurden jedoch am 13. Juli von den paramilitärischen Kräften getötet, und mindestens zehn weitere wurden verletzt.

Insgesamt über 300 Menschen wurden seit Beginn der Proteste im April getötet.

Pfarrer Zamora sprach mit CNA über die Lehren der "verfolgten Kirche" in Nicaragua heute und in den vergangenen Jahrzehnten:

"Wenn das Kreuz nicht in unserem Leben ist, wenn wir nicht bereit sind, für die Liebe zu leiden, dann bleibt unsere Religion einfach etwas Äußerliches. Ich versuche nur das zu tun, was rituell angemessen ist. Unser Glaube beginnt, wenn wir diese tiefe Überzeugung von Jesus und seiner Botschaft haben. Das ist es, was wir gelernt haben."

Übersetzt aus dem englischen Original.

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