Keine Privatsphäre? Generalsekretär der US-Bischöfe tritt wegen "Schwulen-App" zurück

Handy-Nutzer (Symbolbild)
Foto: Nordwood Themes / Unsplash (CC0)

Der Generalsekretär der US-Bischofskonferenz (USCB), Monsignore Jeffrey Burrill, ist zurückgetreten, nachdem ein katholischer Newsletter die USCCB informierte, Zugang zu dessen Handy-Daten zu haben. Der Auswertung dieser Daten zufolge soll der Priester regelmäßiger Nutzer von "Grindr" und häufiger Besucher von Schwulenbars gewesen sein. 

Das berichtet die "Catholic News Agency", die englischsprachige Schwesteragentur von CNA Deutsch.  

"Grindr" ist eine beliebte Dating-App für homosexuelle und bisexuelle Männer, um potentielle Partner in der Nähe zu finden. Der Fall wirft eine Reihe schwerwiegender Fragen auf, nicht zuletzt über den Datenschutz und die Persönlichkeitsrechte von Priestern – und letztlich allen Katholiken.

Der Generalsekretär sei zurückgetreten angesichts "drohender Medienberichte, die Msgr. Burrill möglicherweise unangemessenes Verhalten vorwerfen", sagte der Bischofskonferenz-Vorsitzende, Erzbischof José H. Gomez von Los Angeles. 

Wie die Catholic News Agency berichtet, hatten private Datenauswerter, die Informationen von Apps auf Smartphones legal beziehen und auswerten, diese Informationen auch CNA und anderen Medien angeboten.

Während CNA entschied, solche privaten Daten von Katholiken nicht zu veröffentlichen, fanden offenbar der oder die Daten-Auswerter im Newsletter "The Pillar" einen Abnehmer.

Der Vorgang ist einfach: Die Daten-Experten kaufen offenbar vermeintlich anonymisierte Daten, die von Apps auf Mobilgeräten gesammelt werden, und "entschlüsseln" diese: Sie finden die Namen der Nutzer heraus, sowie deren geographische Daten, und können anhand dieser "Geolocation" unter anderem herausfinden, wann und wo sich diese Personen aufhalten. 

Im Jahr 2021 wurde Grindr von der norwegischen Datenschutzbehörde zu einer Geldstrafe von rund 10 Millionen Euro verurteilt: Die App habe "die genauen Standorte der Nutzer, die Codes zur Nutzerverfolgung und den Namen der App an mindestens fünf Werbefirmen" ohne die Zustimmung der Nutzer übermittelt. 

Nicht nur katholische Priester oder Nutzer von "Grindr" sind potentiell von der Auswertung ihrer Apps betroffen: Vor mehreren Monaten wurde bekannt, dass die von Millionen Muslimen benutzte App "Muslim Pro" offenbar ebenfalls Daten weitergab, die dann von Dritten ausgewertet wurden. Bürgerrechtler warnten, Geheimdienste könnten diese Daten für die gezielte Überwachung einer Religionsgruppe nutzen, wie Medien berichteten

Während "Muslim Pro" eine religiöse App für Gebete, Fasten und das Lesen des Koran ist, mag es im Fall der App, die der katholische Priester verwendet haben soll, um homosexuelle Kontakte gehen – und die Motivation der Auswerter eine völlig andere sein – doch der technische Vorgang und das Prinzip der Überwachung sind vergleichbar.  

Monsignore Burrill, der seit vergangenem Herbst Generalsekretär der USCCB war, stammt aus der Diözese La Crosse in Wisconsin und war zuvor als Pfarrer und Dozent tätig. Seinen Abschluss in Ökumenischer Theologie hat der Geistliche Berichten zufolge an einer Universität in Rom gemacht.

In einem Memorandum an die US-amerikanischen Bischöfe vom 20. Juli sagte Erzbischof Gomez, er habe Burrills Rücktritt mit sofortiger Wirkung akzeptiert.

"Was uns mitgeteilt wurde, beinhaltete keine Anschuldigungen von Fehlverhalten mit Minderjährigen. Um jedoch eine Ablenkung für den Betrieb und die laufende Arbeit der Konferenz zu vermeiden, ist der Monsignore zurückgetreten", so der Erzbischof weiter.

"Die Bischofskonferenz nimmt die Vorwürfe von Fehlverhalten ernst und wird alle angemessenen Schritte unternehmen, um diese aufzuklären".

Nutzung der Handy-Daten von Katholiken

Die Frage, ob Medien von Datenhändlern solche Informationen kaufen können und berichten sollten, wurde für CNA bereits im Jahr 2018 aufgeworfen.

Das berichtete Alejandro Bermudez, der Exekutiv-Direktor der ACI-Gruppe der Nachrichtenagenturen, zu der sowohl CNA als auch CNA Deutsch gehören.

Bermudez erklärte am 19. Juli – noch vor dem Rücktritt Burrills – wie der Verkauf von Handy-Daten an Journalisten zustande kommen kann. 

Bereits 2018 kontaktierte ein Datenhändler CNA, der behauptete, Kleriker und andere Personen identifizieren zu können, die beliebte Apps wie "Grindr" und "Tinder" verwenden – und anhand dieser auch lokalisieren zu können.

Mit anderen Worten: Nicht nur die Personalie eines Priesters, der eine solche App nutzt, konnte namentlich identifiziert werden, sondern auch dessen Aufenthaltsorte – wann und wo er welche Bar, Wohnung oder andere Orte frequentierte.  

Nicht immer geht es den "Data Brokers", die Daten auswerten und an Dritte weitergeben, um Geld, wie der Fall im Jahr 2018 bereits zeigte, erklärte Bermudez: "Ursprünglich sollten offenbar diese Informationen privat an Kirchenvertreter weitergegeben werden – in der Hoffnung, dass Pfarrer dann diszipliniert oder aus dem seelsorglichen Dienst entfernen werden, die diese Technologien nutzen, um ihr Keuschheits-Gelöbnis zu verletzen und möglicherweise die Kirche zu skandalisieren", so Bermudez.

"Der Datenanbieter sagte, er wolle damit vermeiden, dass solche Informationen in 'die falschen Hände' geraten und dazu benutzt werden könnten, Kirchenvertreter zu erpressen oder der Kirche anderweitig zu schaden".

Die Auswertung und anderweitig Nutzung der Daten ist bekanntlich alles andere als neu: Totalitäre Staaten wie China, zahlreiche Geheimdienste und auch private Unternehmen in westlichen Ländern nutzen Handydaten, um Bürger oder Angestellte zu überwachen. 

Der Fall Burrill ist jedoch der erste, in dem diese Möglichkeit genutzt wurde, um die Lebensführung katholischer Priester zu überprüfen und auszuwerten – und an Dritte weiterzugeben.

Das könnte Sie auch interessieren: 

;