Selbstkritische Bilanz: Bischöfe Österreichs zur Kirche in der Coronavirus-Krise

Wien
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Die österreichischen Bischöfe haben selbstkritisch Bilanz der Coronavirus-Krise gezogen. Gleichzeitig rufen sie in einem am heutigen Mittwoch veröffentlichten Hirtenbrief zu umfassenden Reformen in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Kirche auf. Dabei plädieren sie auch für eine Debatte über ein Grundeinkommen für alle Menschen.

In dem gemeinsamen Hirtenwort zu Pfingsten beschreiben die Bischöfe eine "geistvoll erneuerte Normalität", die nun nach der Coronavirus-Krise realisiert werden sollte.

"Es ist zumindest europaweit das erste entsprechende Hirtenwort einer nationalen Bischofskonferenz, das auf die Coronakrise und vor allem die Schlussfolgerungen für die Zukunft umfassend eingeht", teilte die Erzdiözese Wien am heutigen Mittwoch mit. 

Die Bischöfe mahnen eine konstruktive politische Debatte an. Sie nehmen all jene Menschen in den Blick, die durch die Covid-19-Pandemie in Armut abzugleiten drohen. Genauso gelte ihre Sorge jenen, die wegen der Beschränkungen an psychischen Folgen leiden.

Die Bischöfe mahnen umfassende Hilfe und Zuwendung und eine grundlegende Debatte um einen armutsfesten Sozialstaat ein. Hier müsse auch die Frage eines einkommensunabhängigen Grundeinkommens diskutiert werden.

Solidarität dürfe auch nicht an den Landesgrenzen Halt machen. Die Bischöfe fordern die österreichische Regierung auf, noch mehr Flüchtlinge aufzunehmen.

In dem Hirtenwort werden auch "krude Verschwörungstheorien" zurückgewiesen. Die Bischöfe fordern zudem neue Ansätze einer sozial- und klimaverträglichen Wirtschaft, die nicht nur auf Wachstum und grenzenlosem Konsum aufbaut.

Eindringlich wird davor gewarnt, den freien Sonntag aufzugeben, ebenso werden Tendenzen zurückgewiesen, aktive Sterbehilfe gesellschaftsfähig werden zu lassen.

Schließlich bilanzieren die Bischöfe auch selbstkritisch die eigene kirchliche Krisenbewältigung und bekennen sich zu einer "lern- und erneuerungsbereiten Kirche".

Dankbarkeit statt Neid

Passend zum Pfingstfest und in Anspielung auf die von der Regierung Sebastian Kurz angekündigte "neue Normalität" beschreiben die Bischöfe ihr Plädoyer für eine "geistvoll erneuerte Normalität" anhand aktualisierter Begriffe der sieben Gaben des Heiligen Geistes.

Die Bischöfe sprechen erstens vom "Geist der Dankbarkeit". Diesen gelte es zu verstärken, denn: "Wer zu danken beginnt, befreit sich und andere aus dem Teufelskreis von Neid und Gier. Dankbare Menschen sind befreit von der Angst, zu kurz zu kommen." Die Bischöfe danken selbst zuallererst all jenen, die in den vergangenen Wochen und Monaten die Infrastruktur des Landes aufrechterhalten hatten. Zugleich gelte der Dank auch den Familien sowie Hilfsorganisationen wie der Caritas und dem Roten Kreuz.

In der Krise sei vielfach die Verbundenheit unter den Menschen gewachsen, halten die Bischöfe positiv fest und ermutigen, "diese wertvolle Erfahrung der entbehrungsreichen Corona-Zeit weder im Dickicht der herandrängenden Sorgen untergehen zu lassen, noch dem Ärger und Frust zu opfern, der immer wieder durchbricht". Wörtlich ist vom "Geist der Verbundenheit" die Rede.

Zugleich räumen die Bischöfe ein, dass viele an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gestoßen sind. Die Folgen seien etwa vermehrt häusliche Spannungen oder Depressionen und andere psychische Erkrankungen." Jetzt vermehrt Gespräche, Seelsorge, Beratungs- und Therapiemöglichkeiten anzubieten, ist eine pfingstliche Aufgabe", heißt es dazu wörtlich im Hirtenwort.

Für Europa und gegen Armut

Die Bischöfe rufen zur europaweit "leidenschaftlichen Zusammenarbeit" auf.

"Wenn es unseren europäischen Nachbarn gut geht, geht es auch uns gut. Dasselbe gilt über unseren Kontinent hinaus für die große Menschheitsfamilie."

Die Bischöfe sprechen vom "Geist der Solidarität" und mahnen die soziale Absicherung aller Menschen ein.

Ob ein erwerbsunabhängiges Grundeinkommen ein sinnvoller Weg ist, müsse diskutiert werden. Es brauche jedenfalls "Regulierungen und Strukturen, die verhindern, dass immer mehr Bedürftige an den Wegrändern einer wohlhabenden Gesellschaft ums Überleben kämpfen müssen". 

Wirtschaft neu denken

Konzepte zur Verstärkung des Konsums, damit die Wirtschaft wieder in Gang kommt, sehen die Bischöfe sehr skeptisch: "Konsum ja, aber mit Maß und Ziel. Das heillose Immer-Mehr zerstört das Leben."

Ganz entschieden sei zu fragen, mit welchen Investitionsimpulsen jetzt eine sozialverträgliche, menschlich und ökologisch verantwortbare Wirtschaft angekurbelt werden könnte. "Eine lebendige, florierende Wirtschaft muss keine maßlos wachsende Wirtschaft sein", so die Bischöfe. 

Die Bischöfe sprechen in ihrem Schreiben unter anderem auch vom "Geist der Lebensfreude" und sie zeigen sich überzeugt, dass sich eine solche neue Freude vor allem auch mit einem dankbareren Umgang mit Zeit einstellt. Entschleunigung müsse ein verlässlicher Bestandteil des Lebens werden, "damit wir nicht als Getriebene und Gehetzte zugrunde gehen".

Ganz wesentlich seien dafür auch der freie Sonntag bzw. eine entsprechende "Sonntags-Kultur". Den freien Sonntag zu verlieren, wäre in jedem Fall für die Gesellschaft im Ganzen ein "Desaster". Stattdessen brauche es eine "geistvoll zu erneuernde Alltags- und Feierkultur", in der auch Kultur und Kunst eine unersetzliche Rolle spielen.

Sorgen bereitet den Bischöfen nicht nur der freie Sonntag, sondern auch neue Versuche, aktive Sterbehilfe gesellschaftsfähig zu machen. "Alte und kranke Menschen sind Teil unserer Gesellschaft, die für sie hoffentlich auch in Zukunft zu sorgen bereit ist", so die Bischöfe wörtlich. 

Vertrauen auf die Probe gestellt

Schließlich mahnen die Bischöfe in ihrem Schreiben auch noch den "Geist des Vertrauens und der Zuversicht" ein. Die Corona-Pandemie habe das Vertrauen in die Politik, das Gesundheitssystem sowie das Leben insgesamt hart auf die Probe gestellt. Den meisten Menschen falle es schwer, eine Zeit der Ungewissheit und der vielen offenen Fragen auszuhalten. Einige flüchteten sich in esoterische Praktiken oder würden anfällig für teils "krude Verschwörungstheorien". Andere flüchteten sich in übertriebenen Aktivismus. Zur Überwindung der Situation seien aber Besonnenheit, Klugheit und eine entschlossene Tatkraft notwendig, so die Bischöfe.

Im Glauben liege Vertrauen, Kreativität und Hoffnung begründet, zeigen sie sich überzeugt: "Christlicher Glaube wischt keine Probleme weg, verleiht aber eine unerwartete Trotzdem-Kraft in aller Not und gibt den langen Atem sowie Ausdauer für den vor uns liegenden Weg. "

Kirche überrascht und überfordert

Und so kommen die Bischöfe - durchaus selbstkritisch - auch auf die Kirche zu sprechen: "Die Coronavirus-Krise hat uns auch als Kirche überrascht und überfordert. Wie alle anderen Institutionen, mussten wir im Krisenbewältigungsbetrieb schrittweise lernen, was zu tun ist."

Manche hätten den Eindruck gehabt, "dass wir vorrangig mit unseren eigenen Angelegenheiten beschäftigt gewesen wären", räumen die Hirten ein. Wo dies der Fall war und dadurch die Sorge für die konkreten Anliegen der Menschen zu kurz gekommen ist, wollen die Bischöfe um Entschuldigung bitten.

Die Regulierungen der liturgischen Praxis seien jedoch notwendig gewesen. Es sei in jedem Fall ermutigend, wie groß dennoch das kirchliche Engagement an den zahlreichen Knotenpunkten des öffentlichen Lebens war.

"Wir arbeiten weiterhin an einer lern- und erneuerungsbereiten Kirche, die ebenso gefordert ist, sich geistvoll auf eine 'erneuerte Normalität' einzustellen."

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