Vatikan ermittelt erneut im Fall eines 1983 aus dem Vatikan verschwundenen Mädchens

Petersdom in Rom
Foto: Dnalor_01 / Wikimedia Commons (CC-BY-SA 3.0)

Die vatikanische Justizbehörde hat am Montag angekündigt, die Ermittlungen zum Verschwinden von Emanuela Orlandi, einer vatikanischen Staatsbürgerin, deren Verschwinden im Teenageralter in den 1980er-Jahren unzählige Verschwörungstheorien hervorgebracht hat, wieder aufzunehmen.

In einer kurzen Erklärung, die von Vatican News veröffentlicht wurde, teilte der Direktor des Pressebüros des Heiligen Stuhls, Matteo Bruni, am Montag mit, dass die Entscheidung, die Untersuchung wieder aufzunehmen, zum Teil als Reaktion auf mehrere Bitten von Orlandis Familie getroffen wurde.

Bruni sagte, dass der vatikanische Richter Alessandro Diddi die Entscheidung bestätigt habe, den Fall, der seit fast drei Jahren abgeschlossen war, wieder zu öffnen. 

Emanuela Orlandi war die 15-jährige Tochter von Ercole Orlandi, einem Vertreter der Präfektur des Päpstlichen Hauses und Bürger des Staates der Vatikanstadt. Ihr Verschwinden am 22. Juni 1983, nachdem sie zu einer Musikstunde in Rom gegangen war, beherrschte die Schlagzeilen und ist seit Jahren Gegenstand von Spekulationen. 

Im April 2020 schloss ein vatikanischer Richter den Fall offiziell ab, der im Jahr zuvor wieder aufgenommen worden war, nachdem Mitglieder von Orlandis Familie einen Hinweis erhalten hatten, dass sich die Überreste des Mädchens auf einem vatikanischen Friedhof befinden könnten. Im Rahmen dieser Untersuchung wurde schließlich die Öffnung von zwei Gräbern auf dem Campo Santo Teutonico genehmigt, der sich auf einem an den Stadtstaat angrenzenden Grundstück im Besitz des Vatikans befindet. Diese Gräber erwiesen sich als völlig leer. In einer unerwarteten Wendung entdeckten Vatikanbeamte "Tausende" menschlicher Knochen – nicht aber die von Orlandi – in einem bisher unbekannten Ossuarium in der Nähe.

Wissenschaftliche Untersuchungen, die im Juli 2019 an Knochenfragmenten durchgeführt wurden, die im Zusammenhang mit den Ermittlungen gefunden wurden, ergaben, dass die Knochen zu alt sind, um Orlandis Überreste zu sein, wie der Vatikan damals erklärte.

In der Erklärung des Vatikans wurden die Gründe für die Wiederaufnahme des Falls nicht näher erläutert, aber das öffentliche Interesse daran wurde im vergangenen Herbst durch die Veröffentlichung der Serie "Emanuela Orlandi: Verschwunden aus dem Vatikan" auf Netflix wieder geweckt.

Die Doku-Serie über ein wahres Verbrechen, bei der Mark Lewis Regie führte, wurde im Oktober 2022 erstmals auf dem Streaming-Dienst ausgestrahlt. Die Serie enthielt Interviews mit Personen, die zahlreiche Theorien über Orlandis Verschwinden aufstellten, von denen sich keine bestätigen ließ.

Fast zwei Wochen nach ihrem Verschwinden erwähnte Papst Johannes Paul II. sie in seinem wöchentlichen Angelusgebet und forderte die Verantwortlichen für ihr Verschwinden auf, sich zu melden. Kurz darauf erhielt ihre Familie Anrufe von Personen, die behaupteten, mit türkischen nationalistischen Gruppen in Verbindung zu stehen, und sagten, sie hätten Orlandi als Druckmittel entführt, um die Freilassung von Mehmet Ali Ağca, der auf Papst Johannes Paul II. geschossen hatte, zu erreichen. Ağca hat später mehrmals behauptet, zuletzt 2006, dass Orlandi am Leben sei, dass es ihr gut gehe, und dass sie sich vielleicht in einem Kloster befinde. Dies wurde jedoch nie bestätigt. 

Andere spekulieren, dass die italienische Mafia in ihr Verschwinden verwickelt war oder dass sie im Auftrag eines Geistlichen entführt wurde, um eine Botschaft an ihren im Vatikan angestellten Vater zu übermitteln.

Die Doku-Serie hebt sich für die letzte Folge die Theorie auf, dass der Vatikan in irgendeiner Weise in Orlandis Verschwinden verwickelt war, und stützt sich dabei auf ein neues Interview mit einem Jugendfreund des vermissten Mädchens. Der Vatikan bestreitet, irgendeine Rolle in ihrem Verschwinden gespielt zu haben. 

Der Anwalt der Familie Orlandi, Lauro Sgrò, sagte der Zeitung "The Wall Street Journal" am Montag, die Familie habe von der Entscheidung aus den Nachrichten erfahren. 

"Wir sind glücklich und vertrauen darauf, dass es eine sorgfältige und gründliche Untersuchung geben wird. Wenn der Vatikan verantwortlich ist, ist es an der Zeit, dass dies ans Licht kommt. Wir müssen der Familie die Wahrheit sagen", so Sgrò.

Lewis, der Regisseur der Doku-Serie, macht deutlich, dass er nicht den Anspruch erhebe, das Geheimnis von Orlandis Verschwinden gelöst zu haben, aber er sagte, er hoffe "um der Familie willen, dass diese letzten [Puzzle-]Teile gefunden werden".

Übersetzt und redigiert aus dem Original von Catholic News Agency (CNA), der englischsprachigen Partneragentur von CNA Deutsch.

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