Das Porno-Problem wird verschwiegen. Aber es ist lösbar.

Eine Reportage von CNA-Autorin Mary Rezac

2,4 Millionen Besucher pro Stunde verzeichnet die Webseite eines der größten Anbieter pornographischer Inhalte.
Foto: Gemeinfrei via Pixabay
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Haben Sie in letzter Zeit eine Predigt über Pornographie gehört? Ein "Wort zum Sonntag" zum Thema gesehen, einen Kommentar gelesen?

Ein Mann spricht mit Tausenden von Jugendlichen darüber, was sonst gerne verschwiegen wird: Das digitale Porno-Phänomen und was es bedeutet. Denn die heutige Pornographie hat wenig mit dem zu tun, was vor der digitalen Revolution darunter verstanden wurde.

Als Gründer und CEO von "Fight the New Drug" – einer Organisation, die Menschen über Pornographiesucht aufklärt – bereist Clay Olsen sein Heimatland USA, um Jugendliche aufzuklären über die Wirkung der Pornographie auf ihr Gehirn, ihre Beziehungen und letztendlich die Welt.

Olsen sagte gegenüber CNA, dass nach einem Referat ein junger Mann ihm eine Frage stellte, die perfekt darstellt, wie drastisch sich die Pornographie verändert hat:

"Er fragte mich ganz ernsthaft, ob der Playboy Pornographie ist".

"Seine Definition der Pornographie hatte sich so dramatisch geändert, dass nicht einmal der Playboy als pornographisch galt."

Der junge Mann ist keine Ausnahme, sondern typisch für seine Generation, so Olsen.

Der wahre Konsum von Pornographie, Ausmaß wie Inhalt, der meisten Jugendlichen wird von vielen Erwachsenen unterschätzt, so seine Erfahrung.

Durch die leichte Verfügbarkeit des Internets auf dem Smartphone, Tablet und dem eigenen Laptop erlebt die Menschheit eine historisch einmalige Welle der "Pornographisierung".

"2,4 Millionen Nutzer pro Stunde"

Schon in den frühen Jahren des Internets – vor dem Aufschwung mobiler Geräte – explodierte die Zahl der pornographischen Webseiten. Ein Untersuchung aus dem Jahr 2004 dokumentierte von 1988 – 2004 einen Anstieg an Porno-Sites um 1.800 Prozent. Damals bereits, in der Frühzeit der Digitalen Revolution, schätzten "Nielsen/Net Ratings", dass ungefähr 34 Millionen Menschen monatlich pornographische Webseiten besuchten. 

Heute wirken solche Zahlen geradezu lächerlich.

Allein PornHub, eine der weltgrößten Porno-Plattformen, verbucht durchschnittlich 2,4 Millionen Besucher pro Stunde.  Im Jahr 2015 allein war – laut TIME Magazine – die Gesamtzeit der gestreamten Videos doppelt so lang wie die Zeit, die die Menschheit insgesamt auf der Erde verbracht hat.

Nicht nur das schiere Ausmaß ist ein neues Phänomen. Auch der Inhalt hat sich dramatisch verändert – mit genauso schwerwiegenden Konsequenzen.

Aufgrund der ständigen Verfügbarkeit von Pornographie begeben sich viele "Nutzer" auf die Suche nach immer extremeren Formen des Inhalts – und das Internet hat mit dem Bedarf Schritt gehalten.   

Wie die "Washington Post" berichtete, ergab eine Inhaltsanalyse einiger der populärsten Pornoseiten, dass 88 Prozent der analysierten Szenen Gewalt enthielten – etwa knebeln, würgen oder schlagen. Rund die Hälfte aller Porno-Szene enthielten verbale Angriffe. Dabei verübten Männer der Studie zufolge 70 Prozent der gewalttätigen Taten verübt, wohingegen Frauen 94 Prozent der Zeit die Opfer waren. 

Gewalt und Impotenz

Mehreren Studien zufolge besteht ein Zusammenhang zwischen dem Betrachten von Pornographie und der Wahrscheinlichkeit, eine Vergewaltigung oder andere Form sexueller Gewalt zu begehen oder begehen zu wollen. 

Andere Studien haben ergeben, dass es eine Korrelation gibt zwischen Männern, die Pornographie konsumieren und solchen, die unter Erektionsstörungen leiden, die einst ein Leiden älterer Männer zu sein schienen.        

"So vermischt man diese beiden Sachen – die Häufigkeit und dann auch die Natur – und diese Verbindung ist, was Individuen wie mich und diejenigen, die mit mir arbeiten, und Millionen von anderen getrieben hat, aufzustehen und zu sagen, dass wir etwas Besseres leisten können und müssen", sagte Olsen.

Zum Glück fügte er hinzu, es scheine, dass die Gesellschaft vielleicht letztlich die Wahrheit der schädlichen Natur der Pornographie begreife.  Im letzten Monat berichtete Belinda Lascombe für das TIME Magazine die Geschichten von jungen Männern, die Anti-Porno-Vertreter aufgrund ihrer eigenen Suchterfahrungen der Pornographie und erforderlicher Impotenz wurden.  Ein nachfolgender Meinungskommentar der Washington Post erklärte, dass Pornographie ungeachtet ihrer Sittlichkeit doch ein Volksgesundheitsthema sei.  Zusätzlich hat im letzten Monat der Senat des Bundesstaats Utah eine Resolution verabschiedet, die Pornographiesucht zu einer Volksgesundheitskrise erklärt.       

Die Haltung der Kirche

Aber was ist mit der katholischen Kirche? Leistet sie genug, um den Gläubigen die Gefahren der Pornographie bewusst zu machen?  Informiert sie Katholiken, die dem Phänomen noch nicht zum Opfer gefallen sind? Hilft sie Opfern und Betroffenen?

Im Schreiben "Über die Freude der Liebe" von Papst Franziskus,die nachsynodale Exhortation Amoris Laetitia, wird Pornographie nur zwei Mal ausdrücklich erwähnt: Einmal um zu sagen, dass die Bischöfe darüber besorgt sind; und dann im Rahmen der Abschnitte über altersgerechter Sexualaufklärung.

Dass das Wort aber überhaupt im Dokument vorkommt, ist jedoch ein bedeutender Schritt, sagte Pater Sean Kilcawley STL, Priester der Diözese Lincoln (Bundesstaat Nebraska), der einen Großteil seiner Tätigkeit als Priester in der Pornosuchtbehandlung und Aufklärung verbringt. Zur Zeit arbeitet er als Programmdirektor und Seelsorger für Integrity Restored, ein katholisches Apostolat, das Familien, Laien und Geistlichen informiert und unterstützt.  

"Ich versichere Ihnen, Papst Franziskus hat mehr über Pornographie als jeder andere Papst in der Kirchengeschichte gesprochen", so Pater Kilcawley gegenüber CNA.

Porno-Sucht als pastorale Herausforderung

Im Juni 2015 sagte Papst Franziskus – der von sich sagt, kein Internet zu benutzen, nicht fernzusehen und nur eine Zeitung zu lesen – im päpstlichen Flugzeug, dass Eltern sich der "schmutzigen" Inhalte des Internet bewusst sein sollten und ermahnte sie, Vorsorgemaßnahmen, wie Computer in Gemeinschaftsräumen zu benutzen, zu ergreifen. Das Thema hat der Pontifex auch bei unterschiedlichen Predigten und Vorträgen, insbesondere zu Jugendlichen, angesprochen.

Wie aber sieht es auf der Pfarreien-Ebene aus? Im Leben der Gläubigen? 

Das Problem in der Kirche auf praktischer Ebene und vor Ort ist, dass viele Seelsorger so tun, als gäbe es das Porno-Problem nicht — oder als schade Pornograghie nicht den Seelen, um die sie sich sorgen sollten.

Pater Kilcawley betont, dass neben sakramentalen Mitteln wie der Beichte – die auch vielerorts vernachlässigt wird, zum Schaden der Gläubigen – der Umgang mit Porno-Sucht durch Therapie-Programme ganz wesentlicher Teil der Seelsorge sein muss.  

Der Kampf gegen Porno-Sucht ist kein "Nebenkriegsschauplatz", so der Priester. Mittel wie Therapie, Gebet und Beichte gehören mitten ins Pfarrei-Leben:

"Wir brauchen diese Mittel nicht nur, um einigen wenigen zu helfen. Wir müssen diese Mittel nehmen und sie in einem Evangelisierungsplan aufnehmen, der versucht, innerhalb einer von Pornographie beeinflusste Kultur zu evangelisieren". 

Tatsächlich sei Pornographie das größte Evangelisierungshindernis für eine Pfarrei, so Pater Kilcawley weiter. "Weil die Kernüberzeugung eines Süchtigen besagt: Ich bin nicht liebenswürdig. Wenn andere mich wirklich kennen würden, würden sie mich verstoßen. Niemand kann meine Sorgen tragen. Auch Gott nicht.”

Keine falsche Angst vor dem Thema

Die Glaubwürdigkeit der Kirche lebt vom Zeugnis ihrer Mitglieder – auch und gerade beim Thema Leiblichkeit und Sexualität. Umgekehrt gilt: Wer die Lehre der Kirche über Sexualität selber nicht glaubhaft vertreten und vorleben kann, der schadet nicht nur der Glaubwürdigkeit, sondern versündigt sich dadurch auch schwer.

Matt Fradd, Director of Content bei Integrity Restored, sagte, der Missbrauchsskandal unter Geistlichen könne einer der Gründe für die Zurückhaltung von Klerikern beim Thema Pornographie sein. 

Die Nachfrage sei enorm und es gebe so viele, die damit zu kämpfen hätten, so Fradd."Wir bekommen Emails von acht-, neun-, zehnjährigen Kindern".

Pater Kilcawley sagte auch, einige Priester empfänden Scham beim Angehen dieses Problems – aufgrund ihrer eigenen sexuellen Schieflagen.

"Es könnte sein, dass wir Angst davor haben, darüber zu sprechen, weil die Leute denken könnten, wir hätten ein Problem damit. Unabhängig davon, ob es stimmt oder nicht, dürfen wir uns nicht davor fürchten".

Der Widerwille, das Problem in der Öffentlichkeit anzugehen, könnte auch an den eigenen Kämpfen eines Priesters mit der Pornographie liegen. In einem Kommentar bei CNA im Oktober 2015, zur Zeit der Ordentlichen Bischofssynode über die Familie in Rom, merkte Erzbischof Charles Chaput an, Pornographie sei ein großes Problem unter Klerikern.    

"Die Zahl unserer katholischen Kleriker, die mit diesem Problem kämpfen, ist sehr beunruhigend und das hat nichts mit dem Zölibat zu tun".

Erzbischof Chaput weiter: Protestantische Geistliche und jüdische Rabbiner hätten mit dem gleichen Problem zu kämpfen. Nach einer Studie von "Christianity Today" aus dem Jahr 2000 würden Kleriker und Laien Webseiten mit expliziten sexuellen Inhalten fast mit der gleichen Häufigkeit besuchen. Erzbischof Chaput:

"Pornographie ist immer ein Problem gewesen. Das antike Rom war berühmt dafür. Sex ist gewaltig und faszinierend und die Menschen haben immer seinen Anreiz missbraucht... Es ist eine Epidemie, oder genauer gesagt, eine Pandemie. Jede Person mit einem Internetzugang kann überall in der Welt alle Pornographie finden, die er oder sie möchte".     

Probleme nicht verschweigen

Angesichts der Vorherrschaft der Pornographie und der massiven Ausbreitung ihrer schädlichen Wirkungen dürfen Erwachsene nicht mehr vermeiden, das Problem mit ihren Kindern zu besprechen, warnt Clay Olsen.

"Bei vielen Erwachsenen gibt es die Tendenz, darüber nicht zu reden. Weil es einem schwerfällt, weil es abstossend ist" 

Das sei nicht nur verständlich sondern vom Instinkt her richtig. Doch angesichts der Tatsache, dass die Kinder dem Problem trotzdem ausgeliefert sind, so Olsen, "können wir uns als Gesellschaft nicht mehr den Luxus leisten, tatenlos herumzusitzen und der weiteren Entwicklung zuzuschauen, die sehr gefährlich und gesellschaftsschädlich ist".

Dass gerade Pfarrer das Thema mit ihrer Gemeinde anpacken sei auch wichtig, damit sich die Menschen vor Ort trauen, das Problem zu identifizieren und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen, so Pater Kilcawley.

Genau das versuche Papst Franziskus immer wieder, den Menschen klar zu machen, so der Priester: Als verwundete Seelen brauchen wir die Heilung der Kirche. Pfarrer müssen ihren Gemeinden klar machen: "Es ist ok, zum Priester zu gehen und ihm zu sagen, dass man dieses Problem hat. Der Pfarrer wird vor niemandem weglaufen, er schimpft niemanden aus, er verurteilt niemanden, er will einfach helfen".  

"Wir brauchen die Erlaubnis, über die schändlichsten Sünden in unserem Leben zu sprechen".

Lösungen finden

Pater Kilcawley gibt ein weiteres konkretes Beispiel dafür: Die Vorbereitung auf die Erstkommunion. Eltern der Erstkommunionkinder hören einen Vortrag darüber, was Mutterschaft und Vaterschaft bedeutet, im Rahmen der Lehre der Kirche, und zur Theologie des Leibes. Dabei spricht der Redner auch eine Stunde lang über Internetsicherheit und Sexualaufklärung.

"Seelsorgerisch ausgedrückt ist die beste Methode sich auf die Prävention zu konzentrieren, auf die Beziehungen innerhalb der Familie, die Evangelisierung innerhalb der Familie und den Schutz der Kinder vor der Pornographie". 

Dadurch werde das Tabu ansprechbar, "und das Ganze weniger bedrohlich" – was wiederum ermutigt, sich im "Feldlazarett" der Kirche auch zu heilen und heiligen. 

Seitdem er das Porno-Problem auf diese Weise gegenüber den Erwachsenen anspricht, so Pater Kilcawley, entstehen spontan Unterstützergruppen: Etwa von Ehefrauen porno-süchtiger Männer, die einander helfen, ihre Ehen zu heilen und die Familien zu retten.  

Pater Kilcawley sagte, er ermutige die Menschen, die nach Pornographie süchtig sind, sich vom Empfang der Heiligen Kommunion zurückzuhalten, falls sie nicht gebeichtet haben: Obwohl einzelne vielleicht nicht im Stande der Todessünde aufgrund der zwanghaften Natur des Verhaltens sind, ist es noch ein weiterer Anreiz in dem Gesundungsprozess, die Eucharistie nur dann zu empfangen, wenn man gebeichtet hat.

Matt Fradd sagte, eines der besten Mittel, Kinder zu schützen vor zukünftigem Pornographie-Gebrauch sei ein – natürlich altersgerechtes – Reden über die Pornographie. Je früher Eltern anfangen, desto besser, so Fradd: Forscher haben festgestellt, dass vielerorts das Durchschnittsalter für den ersten Kontakt mit Pornographie bei acht Jahren liegt. "Das Internet hat wirklich alles geändert".

Im englischen Sprachraum stellt Integrity Restored den Eltern kostenloses Material zur Verfügung. Das klärt über die beste Art und Weise auf, mit den eigenen Kindern über Pornographie zu sprechen. Es gibt auch ein Kinderbuch namens "Good Pictures Bad Pictures" von Kristen Jenson, um diese Thematik in einer altersgerechten Sprache mit einem jungen Publikum zu besprechen. 

Aber auch den Seelsorgern wird geholfen: Integrity Restored stellt kostenloses Material für Priester zur Verfügung, die nach Möglichkeiten suchen, das Thema in der Gemeinde zur Sprache zu bringen – und veranstaltet Symposien in Diözesen, um Priester, Katecheten sowie das breite Publikum über dieses Thema zu unterrichten.

Fradd hat auch The Porn Effect gegründet, die Jugendsparte von Integrity Restored. Hier erhalten Jugendliche Informationsmaterial über das Risiko der Pornographie. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Prävention ist die Nutzung von Internetfiltern und digitaler Kontrollen, von denen Fradd "Covenant Eyes" empfiehl.  

Um die Kultur der Pornographie zu bekämpfen, empfiehlt Clay Olsen einen dreifachen Ansatz:

  1. Kinderprävention,
  2. wissenschaftliche Forschung,
  3. Therapie.

Fight the New Drug hat mehrere Jahre mit Neurowissenschaftler und Psychologen an der Entwicklung des Fortified Program gearbeitet, ein kostenloses und anonymes online Therapieprogramm für Jugendliche. Zurzeit hat es mehr als 35.000 Benutzer aus mehr als 155 Ländern und er habe "keinen Cent für Marketing und Werbung" ausgegeben.   

"Die Nachfrage ist enorm und es gibt so viele, die damit zu kämpfen haben", sagte er.

"Wir bekommen Emails von acht-, neun-, zehnjährigen Kindern."

Dass das Programm kostenlos und anonym ist, sei entscheidend, sagte Olsen, da viele von diesen nach Hilfe suchenden Kindern aufhören, sobald sie sehen, dass eine Kreditkarte oder die Zustimmung der Eltern benötigt wird. "Beide sind wie ein Mount Everest, der nur widerwillig – wenn überhaupt möglich  – zu besteigen ist", sagte er.

"Wir haben eine Lösung geschaffen, die sie benutzen können, um ihre Sucht zu überwinden. Die Genesung von der eigenen Sucht ist ein wichtiger Teil dessen, wie wir die Gesellschaft heilen werden".

Wie Fradd meinte, existieren die Ressourcen, die die Kirche brauche, um diese Thematik besser anzusprechen, auf vielfache Weise bereits – sie müssen nur eingesetzt werden.

"Wir sind alle quasi am Aufholen, um ehrlich zu sein", sagte er, und fügte hinzu: "Es geschehen bereits wunderschöne Dinge, wir müssen nur von ihnen erfahren".

(In einer früheren Fassung veröffentlicht am 22. April 2016) 

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