Analyse: Der Papst, der Vatikan und die Kommunikationsarbeit

Die Öffentlichkeit verfolgt den Prozess genau: Fernsehkameras im Saal des Presse-Amtes des Heiligen Stuhls
Foto: CNA/Daniel Ibanez

Mehrere Quellen im Vatikan rechnen mit Änderungen – bis hin zu einer Neustrukturierung – im Dikasterium für Kommunikation, der für die vatikanischen Medien zuständigen Abteilung der Kurie. 

Was steckt dahinter? Wie der Vatikanist Andrea Gagliarducci für die "Catholic News Agency" (CNA) berichtet, hatte der Kommunikationspräfekt, Paolo Ruffini, am 16. Janur eine Privataudienz bei Papst Franziskus. Obwohl der Inhalt des Gesprächs nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, berichteten mehrere italienische Medien, der Papst sei "unglücklich" über die  Berichterstattung der Medien des Vatikans über die jüngsten Interviews gewesen, die Franziskus gegeben hat.

Am 18. Januar veröffentlichte dann die Zeitung "La Verità" ein internes Memo von einem offiziellen Mitarbeiter von "Vatican News", in dem er seine Mitarbeiter überraschend anweist, das Interview des Papstes mit dem italienischen Privatfernsehsender "Canale 5" nicht in den sozialen Medien zu veröffentlichen.

Diese ungewöhnliche Anweisung wurde von Alessandro de Carolis unterzeichnet, einem erfahrenen Journalisten bei Radio Vatikan. De Carolis ist weder Redakteur noch Redaktionsleiter bei den vatikanischen Medien; daher die Spekulation, dass die Entscheidung, das Interview zu knebeln, nicht von ihm kam, sondern von höheren Stellen im Dikasterium gekommen sein könnte.

Laut dem Artikel in "La Verità" war der Papst unglücklich darüber, dass sein TV-Interview auf Canale 5 nicht auf den vatikanischen Social-Media-Plattformen weiter verbreitet wurde. Der Vatikan hat immerhin 4,3 Millionen "Follower" auf Facebook, mehr als eine halbe Million auf Instagram – das auch zum Facebook-Konzern gehört – sowie viele weitere Leser auf Diensten wie "Twitter".

Drei "Pop"-Interviews mit Franziskus


Das Interview mit "Canale 5" soll Papst Franziskus selber  organisiert haben, ohne Unterstützung vom Dikasterium für Kommunikation. Und es war das letzte von drei aufeinanderfolgenden "Pop"-Interviews von Papst Franziskus: Der Papst gab der italienischen Sportzeitung "La Gazzetta Dello Sport" am 2. Januar ein Interview; schrieb eine Reflexion für die italienische Ausgabe von "Vanity Fair" am 6. Januar; und setzte sich schließlich mit dem "Canale 5"-Journalisten Fabio Marchese Ragona am 10. Januar zusammen.

Der Beitrag in Vanity Fair wurde vom Dikasterium für Kommunikation koordiniert. In der Ausgabe des Magazins, die den Text des Papstes enthielt, erschien auch ein Kommentar von Andrea Tornielli, dem Redaktionsleiter des Dikasteriums. Aber die anderen beiden wurden nicht vom Dikasterium koordiniert.

Pater Marco Pozza, ein italienischer Priester und Journalist, arrangierte das Interview mit "La Gazzetta Dello Sport". Der Papst rief nach der Veröffentlichung in der Redaktion der Zeitung persönlich an, um sich bei dem Padre zu bedanken. Pozza (41) gilt als "aufsteigender Stern" in den italienischen Medien und  wird häufig als möglicher neuer Leiter des Dikasteriums bezeichnet.

Pozza ist Kaplan der Justizvollzugsanstalt Padua und hat in drei Fernsehserien mit Papst Franziskus mitgewirkt, über das Vaterunser, das Gegrüßet seist Du, Maria sowie das Glaubensbekenntnis. Die Sendungen wurden von "TV 2000", dem Fernsehsender der italienischen Bischofskonferenz, ausgestrahlt, und alle wurden zu Büchern verarbeitet. Außerdem hat er eine Reihe von Interviews mit Papst Franziskus über "Laster und Tugenden" vorbereitet, die auf einem kommerziellen Fernsehsender ausgestrahlt werden sollen.

Schon als junger Priester war Pater Pozza dafür bekannt, dass er in Bars ging, um dort mit jungen Leuten bei Drinks zu diskutieren, was ihm den Spitznamen "Pater Spritz" einbrachte – nach dem beliebten italienischen Aperitifgetränk. Später trat er in einer beliebten italienischen TV-Show auf und wurde zu einer Medienpersönlichkeit.

Papst Franziskus wurde auf Padre Pozza aufmerksam im Jahr 2016, als er am Sonntag des Jubiläums der Gefangenen eine Gruppe Häftlinge und den Priester zu einem privaten Treffen in seiner Residenz im Domus Sanctae Marthae empfing.
 

Das Lettergate-Fiasko und Paolo Ruffini 


Beobachter sind der Meinung, dass die Ablösung Ruffinis, wenn sie denn geschieht, nicht einfach sein wird. Ruffini übernahm das Ruder des vatikanischen Dikasteriums für Kommunikation erst im Juli 2018 und wurde damit der erste Laie an der Spitze eines wichtigen vatikanischen Dikasteriums. Er übernahm den Job in einem herausfordernden Moment, nach dem sogenannten Lettergate-Fiasko – bei dem ein Brief von Benedikt XVI. retuschiert und dessen Aussage vom Vatikan verfälscht wurde, um "Werbung" für ein Buch über die "Theologie" von Papst Franziskus zu machen. 

Der Skandal kostete Monsignore Dario Edoardo Viganò, dem ehemaligen Präfekten, seinen Posten.

Ruffini gelang es, die turbulente Situation in der Abteilung zu normalisieren, so Gagliarducci. Als Präfekt verantwortete er auch die Kommunikation für die Jugendsynode 2018 und die turbulente Amazonien-Synode.

Italiener in Schlüsselpositionen


Ruffini bewältigte auch die plötzlichen Rücktritte von Greg Burke und Paloma Garcia Ovejero im Dezember 2018, dem Direktor und der stellvertretenden Direktorin der Pressestelle des Heiligen Stuhls. Die überraschende Entscheidung schlug weltweit Wellen.

Wie in zahlreiche andere Schlüsselpositionen – wie auch unter den Kardinälen – ernannte der Papst mehrere Italiener in der Kommunikationsarbeit nach dem Abgang des US-Amerikaners und der Spanierin.

Für etwa sechs Monate wurde Alessandro Gisotti der Interimsdirektor. Später wurde dieser zum stellvertretenden Redaktionsleiter des Dikasteriums für Kommunikation ernannt, und Matteo Bruni wurde im Juli 2019 an die Spitze des Presseamtes des Heiligen Stuhls berufen.

Die Audienz mit Paolo Ruffini am 16. Januar – die direkt nach dem Interview des Papstes mit "Canale 5" stattfand – heizte in italienischen Medien Spekulationen über Ruffinis Zukunft an. Ruffini gilt als guter Verwalter, aber Papst Franziskus scheint eher einen PR-Experten zu suchen. Padre Pozza, der jetzt das päpstliche Vertrauen genießt, könnte diese Rolle erfüllen.

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