Am 19. März 2016 publizierte Papst Franziskus das lange erwartete Nachsynodale Apostolische Schreiben „Amoris laetitia“. Besonders auch in Deutschland fragten sich gläubige Katholiken und säkulare Beobachter, ob der Papst aus Argentinien die kirchliche Lehre über Ehe und Sexualmoral verändern und im Sinne mancher Reformbestrebungen neu akzentuieren würde. „Amoris laetitia“ gehört zu den umfangreichsten Nachsynodalen Apostolischen Schreiben, und wer sich eingehend mit dem – in Deutschland substanziell kaum wahrgenommenen – Text befasst, wird entdecken, wie sehr das pastorale Bemühen von Franziskus auf eine Erneuerung der Ehevorbereitung gelegt wird. Was der Heilige Vater 2016 in dem Schreiben ausführte, spielte auf dem deutschen Synodalen Weg, auf dem breit über neue katholische Sexualmoral, insbesondere über regionale Sonderwege, debattiert wurde, keine Rolle.

Papst Franziskus betont 2016 die „Einheit der Lehre und der Praxis“ in der Kirche, auch wenn Differenzen bei einigen Schlussfolgerungen bestehen würden. Scheinbar reformfreudig formuliert er: „Dies wird so lange geschehen, bis der Geist uns in die ganze Wahrheit führt (vgl. Joh 16,13), das heißt bis er uns vollkommen in das Geheimnis Christi einführt und wir alles mit seinem Blick sehen können. Außerdem können in jedem Land oder jeder Region besser inkulturierte Lösungen gesucht werden, welche die örtlichen Traditionen und Herausforderungen berücksichtigen.“ Doch das Bild der christlichen Familie wird mitnichten korrigiert oder geöffnet für andere Lebensmodelle. Franziskus betont die Dimension der Barmherzigkeit, die indessen mitnichten Beliebigkeit impliziert: „Dieses Schreiben gewinnt eine spezielle Bedeutung im Zusammenhang mit dem Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit. An erster Stelle, weil ich das Schreiben als einen Vorschlag für die christlichen Familien verstehe, der sie anregen soll, die Gaben der Ehe und der Familie zu würdigen und eine starke und uneingeschränkte Liebe zu Werten wie Großherzigkeit, Verbindlichkeit, Treue oder Geduld zu pflegen. An zweiter Stelle, weil es alle ermutigen soll, dort selbst Zeichen der Barmherzigkeit und der Nähe zu sein, wo das Familienleben sich nicht vollkommen verwirklicht oder sich nicht in Frieden und Freude entfaltet.“

Der Heilige Vater sieht – wie seine Amtsvorgänger – die herausfordernde Aufgabe der Familie in der Welt von heute, in der etwa die Gender-Ideologie für Verwirrung sorgt und zunehmend alternative säkulare Lebensentwürfe bestehen. Er nimmt die komplexe gesellschaftliche Lebenswirklichkeit wahr und möchte die Lehre der Kirche über Ehe und Familie in Erinnerung rufen: „In der Folge werde ich einige pastorale Wege vorzeichnen, die uns Orientierung geben sollen, um stabile und fruchtbare Familien nach Gottes Plan aufzubauen; in einem weiteren Kapitel werde ich mich mit der Erziehung der Kinder beschäftigen. Danach geht es mir darum, zur Barmherzigkeit und zur pastoralen Unterscheidung einzuladen angesichts von Situationen, die nicht gänzlich dem entsprechen, was der Herr uns aufträgt, und zum Schluss werde ich kurze Leitlinien für eine Spiritualität der Familie entwerfen.“

Ganz eindeutig wird dargelegt, dass es um Gottes Plan geht, nicht um menschliche Wünschbarkeiten. Es gilt, das zu verwirklichen, was der Herr gebietet. Zu Beginn empfiehlt Franziskus eine biblische Orientierung, also in keinem Fall eine Ausrichtung an den sogenannten „Humanwissenschaften“ aus dem Geist von Michel Foucault oder an Statistiken über die Lebenswirklichkeit in der Welt heute. Die Leitlinie ist das Evangelium, die Einheit von Altem und Neuem Testament. Wer etwas über Ehe und Familie erfahren möchte, wird an die Bibel verwiesen und an die Liturgie der Kirche.

Mit päpstlicher Klarheit wird das christliche Menschenbild bekräftigt. Geschaffen wurde der Mensch als Mann und Frau. Muss diese Selbstverständlichkeit betont werden? In der Welt von heute – vermutlich ja. Franziskus bezieht sich auf das Buch Genesis und legt dar: „Die erste Bibelstelle, die von Jesus zusammenfassend zitiert wird, besagt: ‚Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie‘ (Gen 1,27). Überraschenderweise wird dem ‚Abbild Gottes‘ als erläuternde Parallele ausgerechnet das Paar ‚Mann und Frau‘ zugeordnet. Bedeutet das etwa, dass Gott selber geschlechtlich ist oder dass ihn eine göttliche Gefährtin begleitet, wie einige antike Religionen glaubten? Natürlich nicht, denn wir wissen, mit welcher Klarheit die Bibel diese unter den Kanaanäern im Heiligen Land verbreitete Glaubensvorstellung als götzendienerisch zurückwies. Die Transzendenz Gottes bleibt gewahrt; da er jedoch zugleich der Schöpfer ist, ist die Fruchtbarkeit des menschlichen Paares ein lebendiges und wirkungsvolles ‚Abbild‘, ein sichtbares Zeichen des Schöpfungsaktes.“ Ebenso wird das Naturrecht bestätigt: Gott schuf den Menschen als Mann und Frau – und damit ist es für beide möglich, als „liebendes Paar, das Leben zeugt“, zu sein und somit „das wahre, lebende ‚Bildnis‘ (nicht jenes aus Stein und Gold, das der Dekalog verbietet), das imstande ist, den Gott, der Schöpfer und Erlöser ist, darzustellen“. Die „fruchtbare Liebe“ ist das „Symbol der inneren Wirklichkeiten Gottes“ und die „Zeugungsfähigkeit des menschlichen Paares“ ist der Weg der Heilsgeschichte: „In diesem Licht wird die fruchtbare Beziehung des Paares ein Bild, um das Geheimnis Gottes zu entdecken und zu beschreiben, das grundlegend ist in der christlichen Sicht der Dreifaltigkeit, die in Gott den Vater, den Sohn und den Geist der Liebe betrachtet. Der dreieinige Gott ist Gemeinschaft der Liebe, und die Familie ist sein lebendiger Abglanz.“

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