Der Synodale Weg – eine "konstruktive Provokation" aus dem Land der Reformation?

Martin Luther
Foto: CNA/Wikipedia (CC BY-SA 2.0)
14 February, 2022 / 3:30 PM

Die ehemalige deutsche Botschafterin im Vatikan, Dr. h. c. Annette Schavan, äußert sich lobend in einem Beitrag im Magazin "Cicero" zu der kritischen Gestaltungs- und Erneuerungskraft des Synodalen Weges und der sogenannten "Frankfurter Erklärung", die in Gestalt einer Online-Petition auftritt. Sie erkennt in der Synodalen Agenda eine "konstruktive Provokation". Wer möchte, kann die wolkigen Gedanken ja selbst nachlesen. Zu den prominenten Unterzeichnern gehören übrigens die Bischöfe Dr. Georg Bätzing und Dr. Franz-Josef Bode.

Annette Schavan erklärt forsch: "Wir sind das Land der Reformation. Der Augustinermönch Martin Luther aus Erfurt hat vor über 500 Jahren eine Reformation ausgelöst, die für die Weltkirche bis heute wie ein Beben wirkt." Eine wuchtige Metapher. Und wir? Wer ist "Wir"? Wir "Synodalisten"? Wir "Deutschkatholiken"? Oder "Wir Christen in Deutschland"? Wir, wir, wir – wann immer ich ein "wir" in kirchenpolitischen Artikeln vernehme, kommt mir in den Sinn: Ich nicht.

Martin Luther im Übrigen sei aufrichtig zugestanden, dass es ihm nicht um Strukturdebatten, sondern um ein ernsthaftes Ringen um den gnädigen Gott ging – was kein Geringerer als Papst Benedikt XVI. in Erfurt 2011 im Augustinerkloster gewürdigt hat: "Was ihn umtrieb, war die Frage nach Gott, die die tiefe Leidenschaft und Triebfeder seines Lebens und seines ganzen Weges gewesen ist. "Wie kriege ich einen gnädigen Gott": Diese Frage hat ihn ins Herz getroffen und stand hinter all seinem theologischen Suchen und Ringen. Theologie war für Luther keine akademische Angelegenheit, sondern das Ringen um sich selbst, und dies wiederum war ein Ringen um Gott und mit Gott."

Zugleich fragte er pointiert nach: "Daß diese Frage die bewegende Kraft seines ganzen Weges war, trifft mich immer wieder ins Herz. Denn wen kümmert das eigentlich heute noch – auch unter Christenmenschen? Was bedeutet die Frage nach Gott in unserem Leben? In unserer Verkündigung? Die meisten Menschen, auch Christen, setzen doch heute voraus, daß Gott sich für unsere Sünden und Tugenden letztlich nicht interessiert. Er weiß ja, daß wir alle nur Fleisch sind. Und sofern man überhaupt an ein Jenseits und ein Gericht Gottes glaubt, setzen wir doch praktisch fast alle voraus, daß Gott großzügig sein muß und schließlich mit seiner Barmherzigkeit schon über unsere kleinen Fehler hinwegschauen wird. Die Frage bedrängt uns nicht mehr." Was Benedikt XVI. hier – konfessionsübergreifend – benannt hat, gilt auch für den "Synodalen Weg": die Gottesfrage spielt nicht eine nachgeordnete, sondern überhaupt keine Rolle. Es geht dort um alles Mögliche, aber nicht um Gott.

Die ehemalige Vatikanbotschafterin schreibt über "religiöse Heimatlosigkeit" und den "Autoritätsverlust" der Kirche: "Es wächst die Gefahr, in einer breiten Öffentlichkeit nicht mehr wahrzunehmen, wozu die Christenheit und die Kirchen in einer Gesellschaft wichtig sind, die mitten in Prozessen einer umfassenden Transformation steckt. Eine weitere Welle der Säkularisation ist eine große Aufgabe für die Weltkirche, zumal sie ja auch viel religiöse Heimatlosigkeit produziert. Das ist in Deutschland zu beobachten und an vielen anderen Orten der Welt ebenso. Weiterhin behauptet die wortmächtige Autorin: "Die katholische Kirche in Deutschland könnte jenseits der weltkirchlich relevanten Themen deutlich weiter sein als sie es ist – im Umgang mit sexualisierter Gewalt ebenso wie bei vielen "weltlichen" Themen, die die Arbeit der Institution, ihre Governance, ihr Selbstverständnis und ihren Umgang mit den Initiativen von Christen und Christinnen betrifft."

Kennen Sie eine Institution, die so entschlossen gegen sexualisierte Gewalt einsteht wie die katholische Kirche? Kennen Sie eine andere Institution, die so forciert und entschlossen Aufklärung über Missbrauchstaten betreibt? Energische Behauptungen folgen: "Der Klerikalismus ist tief und fest verankert und behindert auch viele Priester und Ordensleute in ihrem Wirken, die ihrer Kirche schon weit voraus sind." Der Beitrag endet im dezidiert formulierten Unbestimmten: "Weder die, die Reformen wünschen, noch jene, die sie verhindern wollen, sollten schon jetzt glauben zu wissen, wo die Weltkirche am Ende des Jahres 2023 stehen wird. Die Zeit bis dahin wird weltweit die Zeit nach einer Wende sein, die durch die Pandemie ausgelöst wurde. Es wird definitiv nicht einfach weitergehen wie bisher – auch nicht in der Weltkirche." Was niemand weiß, scheint Frau Dr. Schavan aber genau zu wissen. Was bedeutet der letzte Satz konkret? Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich: Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat – gestern, heute und morgen. Mich bewegt die Frage, die Benedikt XVI. 2011 in Erfurt stellte: "Was bedeutet die Frage nach Gott in unserem Leben?" Martin Luther, behaupte ich, hätte diese Frage für maßgeblich und wichtig gehalten.

Hinweis: Meinungsbeiträge wie dieser spiegeln die Ansichten der jeweiligen Gast-Autoren wider, nicht unbedingt die der Redaktion von CNA Deutsch.  

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