Die Allgemeinen Menschenrechte und die Würde des Lebens sind weltweit in Gefahr

Chris Peschken im Gespräch mit dem Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UN in Genf

Der Apostolische Nuntius, Erzbischof Ivan Jurkovic
Foto: www.peschken.media
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06 February, 2019 / 11:43 AM

Im Dezember letzten Jahres veranstaltete der Heilige Stuhl eine Konferenz auf zwei Podien über die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und über die Würde des Lebens, ein auch heute sehr aktuelles Thema.

Ich sprach mit Erzbischof Ivan Jurkovic, Ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen, Genf.

Exzellenz, letztes Jahr wurde der 70. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte bei den Vereinten Nationen gefeiert. Glauben Sie, dass es bei diesen vielen Menschenrechtsverletzungen, die wir heute in der Welt erleben, wirklich einen Grund zum Feiern gibt?

Erzbischof Ivan Jurkovic: Offensichtlich oder wahrscheinlich gibt es heute tatsächlich mehr Verstöße. Hierzu muss man zwei Dinge sagen: Wir wissen heute, dass es Verstöße gibt. In der Vergangenheit hatten wir Verstöße, aber wir wussten es nicht. Der Eindruck ist dramatisch. Wie kann es denn sein, dass so viele Institutionen und so viele Anstrengungen und so viel Geld und so viele Kräfte eingesetzt werden, und doch ist es einfach nicht genug? Es ist geradezu eine metaphysische Frage. Über Menschenrechte zu sprechen, ist eine Frage, die fast schon spiritueller Natur ist, oder sagen wir auf höherer Ebene. Irgendwie reichen das Verwalten und der gute Wille von Organisationen oder den Staaten und Institutionen nicht aus. Es muss noch etwas Darüberhinausgehendes getan werden, und das stellt die Herausforderung, vor der wir stehen dar.  Der Heilige Stuhl und die Katholische Kirche sind jedoch weiterhin bereit, bessere Ergebnisse zu erzielen und sind offen für den Dialog mit jedem, der für die Umsetzung aller Verpflichtungen, die die Menschheit in diesem Bereich eingegangen ist, nützlich sein kann.

Botschafterin Marie-Therese Pictet-Althann, Ständige Beobachterin des Malteserordens bei der UN in Genf ermahnte, dass Ergänzungen und Änderungen des Textes von 1948 eine ernsthafte Herausforderung für den Begriff der Universalität darstellen. "Ein Beispiel ist die kürzlich angenommene, allgemeinen Bemerkung. Ziffer 26 Absatz 9 über das 'Recht auf Leben' des Menschenrechtsausschusses für bürgerliche und politische Rechte. Die vorgeschlagene neue Formulierung oder Terminologie oder Neuinterpretation gibt uns Anlass zum Nachdenken, insbesondere in Bezug auf die Worte - ich zitiere: "Erleichtern der Beendigung des Lebens" und "Wunsch mit Würde zu sterben", Zitat Ende.

Alessandra Aula, Generalsekretärin des Internationalen Katholischen Kinderbüros: "Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte besagt in Artikel 1.: Alle Menschen sind von Geburt an gleich und frei in Würde und Recht und dass sie mit Vernunft und Bewusstsein ausgestattet sind. Mit dieser Attestierung bekennt sich die Erklärung eindeutig zur Menschenkunde.  Der Mensch ist beides rational und moralisch. Rationalität und moralische Freiheit sind die Grundlagen der besonderen Würde des Menschen."

Martin Ihoeghian Uhomoibhi, Nigeria, ehemaliger Präsident des Menschenrechtsrates:

"Aber wie stehen wir zu den Abtreibungsrechten, mit denen wir seit langem leben? Ist es nicht an der Zeit, für den letzten Anstoß die Welt davon zu überzeugen, dass dies die schrecklichste Verletzung von allem ist, wofür die Menschheit behauptet zu stehen? Ist es nicht an der Zeit, dass wir unsere Bürger daran erinnern, dass das Recht der Verkürzung des menschlichen Lebens in jedem Stadium seiner Entwicklung ein Vergehen ist und ein Gipfel der Heuchelei?"

Erzbischof Ivan Jurkovic: Für den Heiligen Stuhl sind das äußerst schwierige Fragen. Wir akzeptieren nicht und wir wiederholen dies, oft, dass eine menschliche Institution der Heiligkeit des menschlichen Lebens  überlegen ist. Leider sind wir jedoch, wie man sieht, nicht erfolgreich genug. Aber auf der anderen Seite müssen wir die Ansichten anderer Kulturen und deren Menschen berücksichtigen, nicht nur deren Regierungen und  Vertretern der Regierungen, sondern auch die Überzeugung der kirchlichen, kulturellen Traditionen, und  dass ein enormer Anteil der Menschheit das menschliche Leben und alle Fragen im Zusammenhang mit Frauen über die Selbstbestimmung stellt und dass der Staat nicht das Recht hat sich in bestimmte Bereiche des menschlichen Lebens einzumischen.

Eure Exzellenz, wie definieren wir die Würde des Lebens?

Erzbischof Ivan Jurkovic: Das sollte doch sehr offensichtlich sein: Leben darf nicht angetastet werden.... also die Hände weg davon! Es bedeutet auch, dass das Leben als ein Geschenk angesehen werden muss.... als Geschenk! Wenn man religiös ist, ein Geschenk Gottes, wenn nicht, dann von etwas Übergeordnetem. In der Theologie spricht man von dem 'absoluten Wissen'. Nämlich das jeder Mensch auch ohne irgendwelche Bildung, absolut überzeugt davon ist und weiß, dass es eine Zeit gab, in der es ihn nicht gab. Das heißt also das unsere Existenz ein Wunder ist.  Dies ist das tiefgründigste, eigenständigste Wissen des Menschen. Es bedeutet also, dass Leben etwas Besonderes ist!

 Monsignore Vincenzo Paglia, Präsident der Vatikanischen Päpstlichen Akademie für das Leben:

 "Obwohl die jüdisch-christliche Tradition im Laufe der Jahrhunderte unterschiedliche Schwerpunkte und Nuancen durchlebte und auf die Veränderung eines kulturellen Kontextes reagiert hat, zeigt sie eine bemerkenswerte Konsistenz in ihrem zentralen Element: 'Die Würde'. Wie schon das Zweite Vatikanische Konzil betont hat, insbesondere im Hinblick auf die christliche Vision dieses Themas, auf dem von der Patristischen Tradition bestätigten, biblischen Zeugnis, nach dem der Mensch "nach dem Bild Gottes" geschaffen ist."

Helen Alvaré, Associate Professor of Law, Antonin Scalia School of Law, George Mason University, USA:  "So überraschte es nicht, als eine der ersten Auswirkungen der Rechtmäßigkeit von 'Abtreibung' oder der Behauptung, dass es ein Menschenrecht sei, ein Anstieg zu verzeichnen war. In meinem Heimatland, den Vereinigten Staaten, zum Beispiel, gibt es konservative Schätzungen, dass sich die Zahl der Abtreibungen in dem Zeitraum unmittelbar vor der Ankündigung des Abtreibungsrechts durch unseren Obersten Gerichtshof und dem darauffolgenden Zeitraum verdoppelt oder verdreifacht hat. Es ist heute immer noch sehr schwierig, konkrete Zahlen zu erhalten, aber es wird geschätzt, dass jährlich weltweit mindestens 56 Millionen Abtreibungen stattfinden."

Die Frage ist also, ob die Menschenrechtsorganisationen der Vereinten Nationen die Förderung und den Schutz der Menschenrechte weltweit genug verstärken?

Erzbischof Ivan Jurkovic: Weißt Du, für den Heiligen Stuhl müssen wir hier ein paar Dinge sagen, die sehr wichtig sind. Wir waren sehr überzeugt davon, dass die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte etwas sehr Gutes ist, und wir standen immer dahinter. Aber wir haben in den letzten 20 bis 30 Jahren festgestellt, dass bestimmte Ideen der Erklärung, wie sie vor 70 Jahren formuliert wurde, durch neue Ideen verändert wurde. Diese neuen Ideen, die so genannten "neuen Rechte", bedeuten, dass wir zwar plötzlich eine neue Generation von Menschenrechten haben, die was den Kampf gegen Diskriminierung angeht sicher positiv bewertet werden kann, denn wie Du weißt, haben wir heute viel weniger Diskriminierung als vor 10 oder 20 Jahren, aber auf der anderen Seite Probleme für uns verursachen , weil Elemente eingeführt werden, die vom Original Text abweichen. Die Diskussionsteilnehmer forderten die internationale Gemeinschaft und die Vereinten Nationen auf, das Recht auf Leben, Familie und Religionsfreiheit zu wahren, wie es ursprünglich in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vorgesehen war.

Herr Zbigniew Czech, Botschafter der Republik Polen bei den Vereinten Nationen Genf :"Papst Johannes Paul der Zweite beschreibt die Natur der Allgemeinen Erklärung mit den folgenden Worten: Sie erkennt die Rechte, die sie verkündet, an, aber sie verleiht sie nicht; denn diese wohnen der menschlichen Person und ihrer Würde inne. Daraus folgt, dass niemand irgendeinen seiner Mitmenschen dieser Rechte rechtmäßig berauben darf; denn das würde bedeuten, seiner Natur Gewalt anzutun.  Alle Menschen ohne Ausnahme sind in der Würde gleich. Aus demselben Grund gelten diese Rechte für alle Lebensphasen und jeden politischen, sozialen, ökonomischen oder kulturellen Kontext."

Dr. William F. Sullivan, Professor, St. Michael's Hospital und Surrey Place Centre, Kanada: Es geht also nur um die Formulierung. Mein Argument ist, dass eine solche Re-formierung keine Weiterentwicklung ist, sondern reine Haarspalterei, die dem Rahmen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte entgegenwirkt. Und diese "Neugestaltung", stellt keinen Fortschritt, sondern Verfall dar.

Christian Peschken ist UN Genf-Korrespondent für EWTN News. Das Thema wird auch bei EWTN – Katholisches Fernsehen zu sehen sein im Rahmen des Magazins 'Vatikano'. Weitere Informationen: www.peschken.media

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