Die "Sexuelle Revolution" und ihr Scheitern

Papst St. Johannes Paul II. und Kardinal Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., am 28. Oktober 1978.
Foto: L'Osservatore Romano / CNA Deutsch
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16 April, 2019 / 7:29 AM

Ein Gespenst geht um in der Welt. Der Popanz ist das Schreckgespenst einer Umkehr, schlimmer noch, einer drohenden Bekehrung Europas, das sich gerade mit einem Aufschrei der Entrüstung über Benedikt XVI. entlädt und Luft macht. Denn der Papa emeritus hat es gewagt, wenige Tage vor seinem 92. Geburtstag die 68er für die sexuelle Verwilderung des Zeitgeists verantwortlich zu machen! Da hat der Ex-Pontifex, soweit ich das überblicken kann, vollkommen recht.

Und ich kann vieles überblicken.  Geboren und getauft 1945 im böhmischen Leitmeritz, wurde ich später auch ein Kind der sexuellen Revolution und einer ihrer vielen Väter - wie das so ist in komplizierten Familienverhältnissen. Als Student schloss ich mich der "APO" an, der außerparlamentarischen Opposition. Meine Gründe in Stichworten: die drohenden Notstandsgesetze, der Krieg in Vietnam, der Aufstieg der NPD. Ich demonstrierte gegen das Schah-Regime, die Diktaturen in Spanien, Griechenland und Lateinamerika und hielt den bundesdeutschen Umgang mit der Nazivergangenheit für skandalös. Eingeschrieben war ich für Osteuropäische Geschichte, aber beschäftigte mich hauptsächlich mit Revolutionsgeschichte, dem Spanischen Bürgerkrieg und den marxistischen Klassikern. In fiebrigen Zusammenkünften, mit Reisen zu "Genossen" und Demonstrationen in Nah und Fern griff ich kühn in die Weltpolitik ein und glaubte über die "Klassenkämpfe" in Frankreich, England, Italien und Belgien, aber auch in Ceylon, Japan und Südkorea bestens informiert zu sein.

Es war eine Traumwelt.   Wir waren die Avantgarde der Emanzipation der Unterdrückten dieser Erde. Bald lernte ich alles kennen, was links war.  Beim Trotzkismus gab es viele verfeindete Spielarten. Die Maoisten teilten sich in Unterstützer Chinas, Nordkoreas, Kambodschas und Albaniens, und hießen KPD-ML, KPD-AO, KBW, KB Nord, KAPD. Das K stand jeweils für kommunistisch, die übrigen Buchstaben für die korrekte Beschilderung. Aus Italien grüßten militante Gruppen wie Lotta Continua, Potere Operaio, Servire il Popolo oder Lotta Communista. Bei den Exilspaniern konnte man Anarchisten, bei den Persern und Türken konspirationserfahrene regimefeindliche Studentenorganisationen kennenlernen.

1969 verschlug es mich nach Wien, wo ich den Austromarxismus studierte. Diese intelligenteste Spielart der marxistischen Theoriegattungen war neben scharfsinnigen Analysen zur Nationalitätenfrage aufregend durch ihre Praxis in Österreichs Erster Republik. Von 1919 bis 1934 war das "Rote Wien" das wichtigste Zentrum des demokratischen Sozialismus. Hier florierten Kunst, Literatur und Philosophie; Bauhausarchitekten hatten freie Bahn für sozialen Wohnungsbau, Komponisten der Avantgarde dirigierten Arbeiterchöre, die kommunale Erwachsenenbildung beschäftigte Volkspädagogen und Lebensreformer. Von hier aus erlangte die Psychoanalyse Weltgeltung. In sozialistischen Jugendorganisationen wie den Naturfreunden oder den Falken wurde gegen soziale Verwahrlosung gekämpft. Sie sollten ihre Mitglieder zu sportlichen, gut gewaschenen, naturliebenden, gemeinschaftsfähigen jungen Menschen erziehen. Alkohol, Tabak wurden bekämpft, gesunde Ernährung, Körperhygiene und sexuelle Aufklärung großgeschrieben. Aus diesen sozialistischen Jugendorganisationen, die bald auch in Deutschland großen Zulauf bekamen, rekrutierten sich Generationen sozialdemokratischer Politiker, wie Willy Brandt, Heinz Fischer, Käte Strobel, Otto Grotewohl, Paul Löbe, Franz Müntefering, Ernst Reuter, Bruno Kreisky, Sigmar Gabriel. Eine Elite. Ihr Denken wurde zur Hefe bürgerlichen Selbstbewusstseins links von der Mitte.

Die Kampagnen für den Sexualunterricht an den Schulen und Käte Strobels Sexualkundeatlas (1969) wie die von ihr initiierte Produktion des Aufklärungsfilms "Helga – Vom Werden des menschlichen Lebens"(1967) kommen aus dieser "sexualhygienischen" Tradition mit einem zwar gleichzeitigen, aber dennoch eher indirekten Zusammenhang mit den Konzepten der "sexuellen Revolution", mit der ich 1969 in Wien in Berührung kam. Diese "Revolution" verdankte ihren Namen einem Buchtitel des Wiener Psychoanalytikers Wilhelm Reich (1897 – 1957), der sich früh mit Freud überworfen hatte. Reich war in die USA emigriert. Seine Erben fanden seine Schriften anstößig und untersagten Neuauflagen.  Doch dann entdeckte die Raubdruckerszene diese verschollenen Werke und verkaufte seine "Funktion des Orgasmus" und die "Massenpsychologie des Faschismus" vieltausendmal, wonach amerikanische Hippies und die libertäre Linke in Rauschmitteln und Sexualität umstürzlerisches Potential entdeckten. In der Kinderladenbewegung und in Freien Schulen experimentierte man mit antiautoritärer Pädagogik, von der man die Überwindung von Gewalt, Konkurrenzdenken und der emotionalen Blockaden der Kreativität erwartete. Die neue Linke las aus den Werken so unterschiedlicher Denker wie Herbert Marcuse und Erich Fromm die Botschaft heraus, dass der Eros die treibende Kraft der gesellschaftlichen Verhältnisse und die Sexualität das Allheilmittel gegen hierarchische und autoritäre Strukturen sei. Die Traditionslinke wurde von der neuen Stimmungslage überrascht und wachte erst auf, als Günter Amendt mit "Sexfront" einen krachenden Bestseller lancierte (400 000 verkaufte Exemplare).

 Kritik und Skepsis fehlten dennoch nicht. Reimut Reiches vielgelesenes Buch "Sexualität und Klassenkampf" war alles andere als eine Affirmation der Sexwelle. Je größer die Möglichkeiten ungehinderter Sexualität seien, desto rascher würden die inneren und äußeren Widerstände gegen ihr Ausleben als unüberwindlich erfahren, warnte er, und anstelle von Freiheit übernehme der ungezügelte Markt die Herrschaft. Die Erkenntnis nützte nichts. Politisches Engagement vorzugeben und Sex zu verkaufen, wurde das erfolgreichste Medienmodell jener Tage.  Magazine wie "Konkret", "Dasda", "Pardon" oder "Twen" machten vor, was bald allen mehr Auflage und Einfluss versprach. Ab 1975 war mit der legalen Eröffnung zahlreicher Pornokinos kein Halten mehr. Die Werbung nutzte die neuen Freiräume sofort. Die Funktionalisierung von Nacktheit und obszöner Andeutung wurde zwar zunehmend von feministischer Seite kritisiert, nur völlig erfolglos. Das Prinzip "Sex sells" wurde in Werbung, Entertainment und Medien zur Selbstverständlichkeit. Der Markt übernahm das Kommando der Revolution.

Eine österreichische Beigabe zu den bald erbitterten Richtungsdebatten waren die psychopolitischen Interventionen des "Wiener Aktionismus". Seine Protagonisten wie Hermann Nitsch, Otto Moehl, Günter Brus, Adolf Frohner und Oswald Wiener wateten in bei ihren Veranstaltungen wie "Blutorgel" und "Orgien-Mysterien-Theater" in Blut, Ausscheidungen und Tiergedärmen. Das Ziel solcher Aktionen, hieß es, sei eine Katharsis des Individuums, das durch die Konfrontation mit Blut und Tod zu sich selbst finden solle. Große Popularität erlangte Otto Muehls 1970 gegründete "Aktionsanalytische Organisation" (AAO), die alle psychosozialen Ordnungsstrukturen, von der Sauberkeitserziehung bis zu Familie und Religion attackierte. Mit der Gestalttherapie, der "Bioenergetischen Analyse" und der Urschreitherapie sollten die Ichs der Mitglieder "entpanzert" und eine kreative Gemeinschaft in "freier Sexualität", mit Kollektiveigentum und kollektiver Kindererziehung befördert werden. Prominente Linkskatholiken wie Domprediger Monsignore Otto Mauer und Günter Nenning, der Herausgeber des "Neuen Forums" und Moderator der ORF-Talkshow Club 2, begleiteten den Wiener Aktionismus mit distanzierter Sympathie. Später entpuppte sich die AAO als totalitäre Sekte mit Arbeitslagern und praktiziertem Kindesmissbrauch. Muehl wurde 1991 "wegen Sittlichkeitsdelikten, Unzucht mit Minderjährigen bis hin zur Vergewaltigung, Verstößen gegen das Suchtgiftgesetz und Zeugenbeeinflussung" zu sieben Jahren Haft verurteilt, die er vollständig verbüßte

Ich musste mich nach diversen Bekanntschaften und Abenteuern in der strapaziösen Austroszene in Deutschland wieder zurechtfalten, wo ich ein Angebot des linken Buchladen- und Verlagskollektivs "Politladen Erlangen" annahm und gleichzeitig tief in die aufsprießende Wohngemeinschafts- und Alternativszene eintauchte. Anstrengende erotische und emotionale Wirrungen waren die Folge. Erholung davon suchte ich in einer Landkommune im Fränkischen. Die unterschiedlichen acht Charaktere, die sich da zusammentaten, von der kalifornischen Freakfrau bis zum schwäbischen Workoholic hielten es zwei Jahre miteinander aus. Dann zerstreuten wir uns Richtung San Francisco, Poona, Andalusien, Südfrankreich, nach Berlin und Frankfurt, wo ich bei der satirischen Zeitschrift "Pardon" landete, deren Herausgeber Hans A. Nikel eine erfolgreiche Mischung an neckischen Nackten, linksliberaler "Gesellschaftskritik", Satire und Geblödel entwickelt hatte. Es war das klassische Magazin der 68er. Als er unter Einfluss seiner Frau aber plötzlich Werbung für den Guru Maharishi machte, kündigten seine gesamte Redaktion empört und gründeten das Satire-Magazin "Titanic". Nikel holte danach Leute wie mich in sein Haus, als Verbindung zur Spontikultur. "Gepflegte Schweinereien", wie wir es verstanden, waren unser Geschäft. Es machte höllischen Spaß - wobei wir noch nicht im Traum an die Sauereien dachten, die sich längst täglich in allen Medien finden in jenem Milliardengeschäft, das die sexuelle Revolution schließlich entbunden hat, den weltweiten Verkaufsschlager von Viagra als "Kunstdünger für müde Lenden" noch gar nicht mitgerechnet. Doch es lag kein Segen mehr auf dem Blatt, zumindest geschäftlich nicht, trotz einer angeblichen Leserzahl von über einer Million (von denen aber nur noch ein Bruchteil das Magazin auch kaufte). Nach einem Jahr verkaufte Nikel "Pardon" und ich nahm ein Angebot Dany Cohn-Bendits als Redakteur des Frankfurter Stadtmagazins "Pflasterstrand" an, wo wir die "Stadtguerilla" verspotteten, gegen den Sowjetkommunismus schrieben und die "Fundis" bei den Grünen und gegen die Legalisierung sexueller Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern, wie diverse Grüne sie forderten. Es war ein ständiger Kampf gegen vorgebliche Emanzipationskonzepte mit leider totalitären Konsequenzen, wie viele von uns inzwischen erfahren hatten.

Von allen öffentlichen Gegnern des Totalitarismus beeindruckte mich damals schon am meisten Karol Wojtyla, seit 1978 Papst Johannes Paul II., dessen Charisma die Kremlherrscher mehr fürchteten als die polnischen Arbeiter.  Das Attentat auf ihn war 1981 schon ein Omen für den Untergang der "ruhmreichen Sowjetunion". Stalins Frage "Wie viele Divisionen hat der Vatikan?" war von der Weltgeschichte mit einem Wunder beantwortet worden. Ohne einen einzigen Kampfjet erwies sich der Papst stärker als die Gebieter der größte Militärmacht der Welt. 1991 brach das Imperium moralisch morsch und geistig wehrlos auseinander.

Ich war inzwischen Lektor beim Frankfurter Eichborn Verlag, der einerseits Satiren und Cartoons publizierte, andererseits die bibliophile, beim Feuilleton hochgeschätzte Reihe "Andere Bibliothek" übernahm, deren Herausgeber Hans Magnus Enzensberger mich ermunterte, ein seit langem von mir verfolgtes Projekt über die befremdlich faszinierende Welt der Heiligen bei ihm zu veröffentlichen und der mich auch in meinem Vorhaben bestärkte, nach zwei erfolgreichen Interview-Büchern einen Gesprächsband mit Kardinal Joseph Ratzinger zu produzieren, dem  "Generalinquisitor" des Papstes aus Polen.  Als ich mich selbstständig machte, nahm ich das Projekt mit, für das ich schließlich den ehemaligen Kommunisten und Spiegel-Journalisten Peter Seewald gewinnen konnte, der es realisieren wollte. Schwieriger war es da aber, einen geeigneten Verlag dafür zu finden und bei der Suche bekam ich schon einen Vorgeschmack auf die Stimmung, die im Verlagsmilieu gegen den späteren deutschen Papst herrschte. "Wir bieten diesem Reaktionär keine Plattform," war noch das Freundlichste. Einige holten Gutachten von katholischen Theologen ein. Sie waren vernichtend: Ratzinger, der Gegner jeder progressiven Theologie wie des Medienlieblings Hans Küng würde den Ruf des Verlags beschädigen. Courage zeigte als einziger Ulrich Frank-Planitz, der vormalige Chefredakteur der evangelischen "Christ und Welt", der als Geschäftsführer zur Deutschen Verlagsanstalt (DVA) gewechselt war. Seewald befragte ihn glänzend und Ratzinger gab ihm leuchtende Antworten. Seewald trat darüber wieder in die Kirche ein und sein Buch wurde ein in über dreißig Sprachen übersetzter Bestseller.

Und jetzt – ein Vierteljahrhundert später – ist  mir plötzlich, als würde ich in der letzten Botschaft Benedikts den befreiend klaren Ton seiner Stimme von damals wiedererkennen, der weltweit so viele gestärkt hat – und darin, wie in einem Traum, den leisen Aufruf: "Katholiken aller Länder, vereinigt euch – und verteidigt euren Glauben!"

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des VATICAN-Magazin.

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