Die unantastbare Würde des Menschen

Wie überzeugend ist die "neue" katholische Moraltheologie aus Deutschland?

Der Abschied Christi von den Aposteln: Ausschnitt des Gemäldes von Wolf Huber, einem Künstler der Donauschule, geschaffen um 1450.
Foto: Wikimedia (CC0)
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26 May, 2019 / 7:00 AM

In diesem Jahr wird in der Bundesrepublik Deutschland dankbar an die Verfassung erinnert. Das Grundgesetz schützt den freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat nicht vor Anfechtungen und Anfeindungen. Es bleibt aber Verpflichtung und Auftrag. Papst Benedikt XVI. hat während seiner Apostolischen Reise nach Deutschland im Jahr 2011 den Einsatz junger Menschen für die Natur, christlich gesprochen: für die Bewahrung der Schöpfung, vor dem Deutschen Bundestag in den 1970er-Jahren gewürdigt, die ein notwendiger Weckruf, ja eine wichtige Korrektur des besinnungslosen Fortschrittsglaubens gewesen ist.

Benedikt hat seinerzeit den Naturschutz mit Achtung der Natur des Menschen verbunden. Er sprach von einer Ökologie des Menschen:

"Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur achtet, sie hört und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit."

Wir dürfen vielleicht sagen, dass die Würde des Menschen vielfach bedroht erscheint. Die römisch-katholische Kirche in Deutschland hat dies besonders erfahren müssen im Zuge des Missbrauchsskandals. Mit dessen Aufarbeitung sind alle Bistümer nunmehr beschäftigt. Sexueller Missbrauch ist, wie immer bedingt, auch ein Angriff auf Art. 1 GG, eine gravierende Verletzung der Würde der Person. Sicher nicht nur ich wünschte mir eine Diskussion über eine Verschärfung des Strafrechts und die Aufhebung der Verjährungsfrist für den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen.

Die katholische Morallehre schützt nicht vor Verbrechen, aber sie weist auf die Würde der Person hin, so wie keine andere mir bekannte Moralphilosophie oder Moraltheologie. Ob wir an "Humanae vitae" oder "Familiaris consortio" denken oder ob wir uns den Katechismus vergegenwärtigen, nirgends anders lesen wir in dieser Entschiedenheit, Klarheit und Deutlichkeit – so möchte ich sagen – auch eine Art katholische Referenz an unser Grundgesetz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Darum sollte diese Moraltheologie auch als besonders zukunftsträchtig angesehen werden, nicht als etwas beliebig Modellierbares, das angepasst oder sogar abgeschafft werden müsste. Der Regensburger Bischof Dr. Rudolf Voderholzer sagte in der Jahresschlussmesse 2018 im Dom St. Peter:

"Völlig kontraproduktiv ist das durchsichtige Vorhaben, den Missbrauch nun zu instrumentalisieren, um lange schon verfolgte kirchenpolitische Ziele jetzt durchzudrücken. Es war doch nicht die katholische Sexualmoral, die zu den zu beklagenden Verbrechen führte, sondern deren notorische Missachtung. … Im 20. Jahrhundert hat ein heiliger Papst Johannes Paul II. nicht nur eine weltpolitische Wende hin zur Überwindung des Eisernen Vorhangs eingeleitet, sondern auch mit seiner Theologie des Leibes und einer menschlich-personalen Sicht der Sexualität ein Erbe hinterlassen, mit dem wir wuchern sollten."  

Die Lehre der römisch-katholischen Kirche steht für Lebensschutz, Lebens- und Leibfreundlichkeit. Die katholische Morallehre fordert die Achtung vor der Natur des Menschen und vor der Würde der Person. Meine persönliche Rückschau in die Sphären der Sexualpädagogik, etwa auf den Biologieunterricht an einem staatlichen Gymnasium, ergibt gewiss kein repräsentatives Bild, bestätigt aber die Analyse Benedikts XVI. in allen Punkten. Auf Elternabenden wurden die Unterrichtspläne zur Sexualkunde grob vorgestellt, die der in der Pubertät befindlichen Schülerschaft dann nahegebracht werden sollten.

Und die Moral? Das war kein Thema, es ging doch um Lebensnähe, Lebenswirklichkeit und Lebenspraxis. Aus Respekt vor der vermeintlichen Autorität deutscher Bildungsanstalten hat seinerzeit niemand widersprochen und Korrekturen verlangt. Der Biologielehrer galt als Praktiker. Von der Verletzlichkeit der menschlichen Person und ihrer Würde, seelisch wie geistig, hätte die Rede sein müssen, aber über solche "philosophischen Themen" schweigt sich der Mensch aus der Welt des neuen Hedonismus gern aus. Ebenso wenig wurden Schamhaftigkeit, Verunsicherungen und Ängste bedacht. Man müsse einiges ausprobieren, meinte der Lehrer, so auch sich selbst. Das kichernde Klassenzimmer wurde zu einer Lehrstätte der Unmoral. So wie einige Schüler sich später ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen Eskapaden brüsteten und als Geschichtenerzähler hervortaten – das Talent zur Selbstpräsentation wurde gefördert –, so versorgten sich andere mit Einblicken in die Sphären der Pornographie. Damals gab es noch Bahnhofskinos. Videokassetten wurden unter der Schulbank weitergereicht und angeboten. Viele vermeintliche Bedürfnisse einer Art von Horizonterweiterung, zu der Schule und Gesellschaft anstifteten, wurden von manchen wahrscheinlich auch auf diese Weise entdeckt und befriedigt. Die Vorsehung bewahrte mich davor, damals im Unterricht Diskussionen über neue geschlechtliche Identitäten bezeugen zu müssen.

Die von Benedikt XVI. kritisierte Aufklärungspädagogik führt nicht zur Reife der Persönlichkeit. Wer die Verwirrung vermehrt und sogar rechtfertigt, fördert die Beliebigkeit. Das "Learning by Doing"-Prinzip motivierte das Klassenzimmer übrigens damals bedingt. Die pädagogische Einführung galt der Verhütung. Mit robuster Witzigkeit präsentierte der Lehrer das, was als wirklich wichtig angesehen wurde – die richtigen Verhütungsmittel. Nicht Enthaltsamkeit und Verzicht galten als der beste Schutz vor AIDS. Davon war gar nicht die Rede. Die Pille für die jungen Mädchen reichte auch nicht. Wer weiß, so meinte der Lehrer schalkhaft, welche Fantasien es noch so geben würde. Einfach mal ausprobieren? Jeder müsse nun lernen, ein Kondom über einen Besenstiel zu ziehen. Launige Späße fügte er an. Der Lehrer war ein echter Kulturchrist, Familienvater, wahrscheinlich einfach auch eine traurige Gestalt. Ob er reflektierte, was er vortrug? Ich wünschte mir damals nichts lieber, als dass nicht nur diese Schulstunde, sondern auch alle anderen so rasch wie möglich vorübergingen. Rückblickend gesagt: Das Klassenzimmer war buchstäblich moralisch ausgefegt. Einem lebensfeindlichen Zynismus wurde ein fruchtbarer Boden bereitet.

Damals wie heute weiß ich: Die Würde des Menschen ist unantastbar – und das hat mehr Implikationen, als viele Zeitgenossen damals wie heute wahrhaben möchten. Darum geht es auch, wenn wir über Moraltheologie heute diskutieren. Wir, Weltchristen wie Kleriker, sind aufgerufen, zur Lehre der Kirche aller Zeiten und Orte zu stehen, diese zu bewahren, zu schützen und zu verteidigen – und positiv zu leben. 2018 erschien der von Konrad Hilpert und Sigrid Müller herausgegebene Band "Humane vitae – Die anstößige Enzyklika" im Verlag Herder. Der Moraltheologe Elmar Kos aus Vechta schreibt, unter Bezugnahme auf Joachim Sautermeister und Stephan Goertz, es gehe "um zweckfreie sexuelle Lust, um Sexualität als Ausdruck gefühlter Zuneigung, evtl. als Ausdruck des Bedürfnisses nach Dauer und Vertrautheit und um die Bedeutung der Sexualität sowohl als besondere Erlebnis- und Ausdrucksform als auch als konstitutiver Faktor von Identität." Sexualität sei eine "spezielle Kommunikationsform" mit "subjektiven Intentionen": "Wird demgegenüber die Identität von Männern und Frauen vereinheitlicht und werden Regulierungen auf der Grundlage eines anatomischen Essentialismus und einer Naturalisierung des Geschlechterverhältnisses formuliert, dann wird den Individuen Gewalt angetan." Nun, diese neue katholische Moraltheologie aus Deutschland überzeugt mich nicht.

Im Gegenteil scheint mir, dass die – wie Benedikt XVI. es 2011 nannte – "Ökologie des Menschen" in höchstem Maße achtens- und schützenswert ist, um neu zu einem respektvollen, sensiblen, lebensfreundlichen und liebevollen, wahrhaft menschenwürdigen Umgang miteinander zu gelangen. Die Weltchristen von heute können durch das Zeugnis ihres persönlichen Lebens ein glaubwürdiges Korrektiv bilden gegen die allgegenwärtige, erschreckend zunehmende Verrohung und Verwahrlosung in der postmoralischen Gesellschaft von heute. Erinnern können wir uns an die erste Enzyklika des heiligen Johannes Pauls II. "Redemptor hominis". Dort lesen wir: "In unserer Zeit ist man mitunter der irrtümlichen Meinung, dass die Freiheit Selbstzweck sei, dass jeder Mensch dann frei sei, wenn er die Freiheit gebraucht, wie er will, und dass man im Leben der Einzelnen und der Gesellschaft nach einer solchen Freiheit streben solle. Die Freiheit ist jedoch nur dann ein großes Geschenk, wenn wir es verstehen, sie bewusst für all das einzusetzen, was das wahre Gute ist. Christus lehrt uns, dass der beste Gebrauch der Freiheit die Liebe ist, die sich in der Hingabe und im Dienst verwirklicht."

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