Macht, Geld und Humanae Vitae: Die vergessene Geschichte

Wie mächtige Stiftungen die Lehre der Kirche bekämpft haben - und die Enzyklika, in der Papst Paul VI. diese bekräftigte

Atlas mit der Welt auf seinen Schultern: Statue am Rockefeller Center
Foto: CNA / "Another Believer" CC 4.0
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Die Kontroverse um Humanae Vitae, die päpstliche Enzyklika, die vor 50 Jahren die katholische Lehre zur Empfängnisverhütung bekräftigte, war nicht nur eine deutsche oder europäische. 

Auch in Amerika wurde damals bereits gezielt und systematisch versucht, die Lehre der Kirche zu verwirren und aufzulösen.

Wer verstehen will, warum das Schreiben von Papst Paul VI. dermaßen angegriffen wurde, der muss auch den Kontext eines finanziell gut ausgestatteten Netzwerks kennen, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg für eine strenge Bevölkerungskontrolle einsetzte. 

Wie dieses Netzwerk, zu dem prominente, kapitalstarke Namen wie die Ford-Stiftung und John D. Rockefeller III gehören, vorgegangen ist: Das erforscht seit Jahrzenten ein Historiker der State University von Arizona, Professor Donald Critchlow.

"Die Kampagne, Katholiken davon zu überzeugen - und zwar das Führungspersonal wie die breite Öffentlichkeit - dass die traditionelle Sicht der Sexualität, der Abtreibung und der Ehe veraltet sei, war umfangreich und wurde an mehreren Fronten gekämpft," so Professor Critchlow gegenüber CNA.

"Gruppen wie [die Abtreibung befürwortende Organisation] 'Catholic for Choice' wurden durch großzügige Spendensummen ermutigt. Aber die breite Kampagne wurde über das Thema der Sexualerziehung vollzogen."

Critchlow ist Autor des bei Oxford University Press verlegten Buches über die beabsichtigten Konsequenzen dieser politischen Kampagnen rund um Empfängnisverhütung und Abtreibung in der modernen USA: "Intended Consequences: Birth Control, Abortion and the Federal Government in Modern America". 

In einem Vortrag bei der Konferenz über "das Vermächtnis des Widerspruchs gegen Humanae Vitae" an der Catholic University of America im April 2018 stellte er die Enzyklika in den politischen Kontext ihrer Zeit.  

"Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg schlossen sich führende Persönlichkeiten aus Stiftungen, Politik und Wirtschaft zusammen, um eine Kampagne zur Kontrolle des Bevölkerungswachstums zu starten. Sie kamen zu dem Schluss, dass künftige Kriege, Hungersnöte und andere soziale Missstände durch eine Verringerung des Bevölkerungswachstums verhindert werden könnten", sagte Critchlow gegenüber CNA.

"Zu dieser neo-malthusianischen Agenda" kamen weitere Themen und Aktivisten, so der Gelehrte: "Reproduktive Rechte für Frauen – und Umweltaktivisten, die für Umweltgerechtigkeit kämpfen."

Noch vor der Erfindung der Antibaby-Pille entstand so der fruchtbare Boden für eine "Sexuelle Revolution", wie der Historiker mit Blick auf die 1960er Jahrzehnte beschreibt.

"Veränderungen der sexuellen Sitten und des sexuellen Verhaltens können nicht auf eine einzige Ursache zurückgeführt werden. Es sollte jedoch kaum Zweifel daran bestehen, dass es Anliegen der Eliten war, sexuelle Sitten und Verhaltensweisen im Namen des 'Fortschritts', reproduktiver Gerechtigkeit und der Bevölkerungskontrolle zu verändern".

Der Geschichtsprofessor bezeichnete die Nachkriegszeit als "eine der massivsten Bemühungen um Social Engineering in der Menschheitsgeschichte".

Gemeint ist damit eine Form der "angewandten" Sozialwissenschaft, welche die öffentliche Meinung versucht zu kontrollieren, um das Verhalten der Menschen wie die Werte der gesamten Gesellschaft zu ändern.

"Keine Verschwörung als solche"

Professor Critchlow betont, dass dies "keine Verschwörung als solche war": Vielmehr hatten jene, die das Bevölkerungswachstum steuern wollten einfach eine gemeinsame Perspektive wie Aktivisten, die sich für eine öffentliche Finanzierung von Verhütungsmitteln, Abtreibung, Sterilisation und Sexualerziehung einsetzten.

"Sie sahen sich selbst als die Erleuchteten, die den Massen, die in ihren sozialen, politischen und religiösen Ansichten rückständig waren, den Fortschritt brachten."

Diese selbst-ernannten Aufklärer reagierten mit mehr als Unverständnis auf die Enzyklika, mit der Papst Paul VI. am 25. Juli 1968 die katholische Lehre bekräftigte, darunter die zentrale Position, dass Verhütung grundsätzlich unmoralisch ist.

"Humanae Vitae wurde offen und öffentlich angegriffen", so Critchlow.

Das Netzwerk der Gegner der katholischen Sexualmoral hatte auch katholische Verbündete.

Im Zentrum der Kontroverse stand der Theologe und Priester Charles Curran. Er lehnte unter anderem die katholische Lehre zur Geburtenkontrolle ab, und bezeichnete 1971 sexuelle Handlungen in einer homosexuellen Beziehung als zwar nicht dem "Ideal" entsprechend, aber dennoch gut. Als Curran seine Lehrbefugnis verlor, löste die Entscheidung Proteste und Kontroversen aus.

Hugh Moore, ein Geschäftsmann und Aktivist der Bewegung für die Kontrolle des Bevölkerungswachstums, kaufte ganzseitige Anzeigen in der "New York Times" und anderen Zeitungen, verbreitete sogar Anti-Humanae Vitae-Material an Bischöfe und übersetzte diese unter anderem ins Spanische und Französische – obwohl Moore selber nicht einmal katholisch war.

"Er organisierte Petitionen der Lehre widersprechender Priester, die viel öffentliche Aufmerksamkeit erregten", erklärte Critchlow.

So wurden der Vatikan, der römische Katholizismus und die traditionellen Bischöfe in den USA als reaktionär dargestellt, und als nicht im Einklang mit der Moderne stehend", so der Historiker zu CNA.

Hugh Moore spielte auch eine Schlüsselrolle bei der Gründung der "International Planned Parenthood Federation", und war Mitte der 1960er Jahre deren Vizepräsident, sowie ein führender Verfechter der freiwilligen Sterilisation.

Entsprechend der eigentlichen Motivation der Neo-Malthusianischen Aktivisten – die Angst vor einer "Bevölkerungsexplosion" – wurde an vielen Fronten gleichzeitig gekämpft, mit stark unterschiedlicher Strategie und Taktik, aber immer unter der Annahme, dass eine Bevölkerungskontrolle notwendig sei, um die Menschheit zu retten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeiteten philanthropische Stiftungen der USA aktiv daran, sogenannte "Familienplanungskliniken" auch außerhalb der USA einzurichten. Unter Präsident Lyndon Johnson wurde so "Familienplanung" ganz offiziell zu einem politischen Instrument der Armutsbekämpfung, vor allem in Innenstadtvierteln, unter in den USA als "schwarz" bezeichneten Minderheiten, sowie in Indianerreservaten.

Unter Präsident Richard Nixon wurde "Familienplanung" weiter ausgebaut.

Gleichzeitig wurden den Menschen Angst gemacht: Bücher wie Paul Ehrlichs "The Population Bomb", populäre Zeitschriftenartikel, Science-Fiction-Romane und Filme schürten die Furcht vor einer dystopischen Zukunft, die nur durch eine Kontrolle des Bevölkerungswachstums vermeidbar schien.

Eine "eugenische Formulierung" und gelähmte Bischöfe

Eine prominente Rolle spielte in diesem Phänomen John D. Rockefeller III – der gezielt bestimmte Gruppen für Bevölkerungskontrolle finanzierte und 1952 den sogenannten "Bevölkerungsrat" gründete, die Population Council. Deren erster Entwurf der eigenen Charta enthielt eine – später entfernte – Passage, die Critchlow als "eugenische Formulierung" verurteilt: dabei wird davon geschwärmt, Bedingungen zu schaffen, unter denen überdurchschnittlich intelligente Menschen mit wünschenswerten Eigenschaften auch Familien mit überdurchschnittlich vielen Kinder haben.

Millionen Dollar investierte auch die "Ford Foundation" in Maßnahmen zur Beschränkung des Bevölkerungswachstums – während etwa die Erbin des Familienvermögens von Mellon gleich ihr Geld noch radikalere Gruppen wie "Zero Population Growth" spendeten.

In den 1960er Jahren waren die katholischen Bischöfe einerseits wie gelähmt und andererseits zu zerstritten, um gemeinsam zu handeln. Die Unsicherheit einzelner Oberhirten darüber, was Papst Paul VI. schließlich über die Antibaby-Pille sagen würde, potenzierte sich mit der Frage, wie es katholischen Krankenhäusern und anderen Einrichtungen ergeht, wenn die Regierung im Land Verhütung, Abtreibung und Sterilisation fördert und fordert.

So kamen laut Critchlow Kompromisse zustande, in der Absicht, in einer zunehmend säkularisierten Kultur weiter präsent zu sein und wirken zu können. Dazu gehörten etwa Treffen an der Universität Notre Dame in den Jahren 1963 bis 1967 zum Thema Bevölkerungskontrolle. Diese Veranstaltungen unter der Schirmherrschaft der Rockefeller Foundation und der Ford Foundation brachten ausgewählte katholische Persönlichkeiten unter anderem mit "Planned Parenthood Federation of America" und der Population Council zusammen.

Rockefeller sei es eben sehr klar gewesen, schreibt Critchlow in seinem Buch "Intended Consequences", dass eine Änderung der Position der Kirche zur Frage der Geburtenkontrolle auf dem Spiel stehen müsse. Treffen mit Vertretern der Kirche, die dabei helfen könnten, die Meinung innerhalb der Hierarchie zu ändern, waren dabei ein wichtiges Instrument.  

Laut Critchlow wurde so auch 1965 ein Treffen zwischen Rockefeller und Papst Paul VI. zum Thema Bevölkerungswachstum" organisiert.

"Am Ende waren die Bischöfe gezwungen, sich dem Dissens innerhalb der Kirche anzupassen. Die katholische Kirche wurde bis zum Aufkommen der Abtreibung in die Defensive gedrängt, bei der die öffentliche Meinung viel mehr gespalten war als bei der Frage der oralen Empfängnisverhütung", stellte Critchlow fest.

Die Umtriebe der Befürworter einer "Wachstumskontrolle" mündeten in eine Reihe internationaler Skandale, die nicht nur die USA, sondern auch die Vereinten Nationen erschütterten. Bekanntes Beispiel ist der Eklat um Zwangssterilisation von Frauen in Indien, aber auch in den USA kam es zu Fällen staatlich finanzierter Zwangssterilisation als Instrument von "Armutsbekämpfungsprogrammen".

Statt Sterilisationsprogrammen verfolgen Aktivisten nun eine andere Strategie: Die Hinauszögerung der Heirat für durch wirtschaftliche wie bildungspolitische Maßnahmen für Frauen. Professor Critchlow begrüßt den neuen Kurs:

"Diese Ziele der Förderung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit und der Hochschulbildung von Frauen in Entwicklungsländern sollten begrüßt werden, auch wenn solche Programme von feministischen Aktivisten und Befürwortern der Bevölkerungskontrolle unterstützt werden".

Während sich die Debatte um eine Kontrolle des Bevölkerungswachstums also verschoben hat, geht die Kontroverse um Humanae Vitae bis heute weiter.

Übersetzt und redigiert aus dem englischen Original

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