Ein starkes Stück: "Der Abschied" von Giuseppe Gracia

Ein Stein verzweifelter Liebe, durchs Fenster des Establishments? Giuseppe Gracias Roman "Der Abschied" gilt jetzt schon als "Skandalbuch".
Foto: Pixabay/gere
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23 May, 2017 / 11:15 PM

Ein Roman über die Angst vor - und den Umgang mit - dem Terror, über die Liebe und was einem Halt gibt, ach das ganze Leben der Kinder der 1968er: In einer besseren Welt wäre Giuseppe Gracias Roman "Der Abschied" einfach nur das - ein starker Lesestoff, an dem man sich auch reiben kann. Leider ist es nicht die Welt, in der wir leben. Und Gott sei Dank ist es nicht nur ein solcher Roman, den Giuseppe Gracia mit "Der Abschied" geschrieben hat. 

Dieses Buch ist geschrieben für die Wirklichkeit: In dieser Welt gibt es den Terror und sein islamistisches Fundament; diese Welt, die wirkliche, kennt Manchester und Mossul, Berlin und Baghdad, Ankara und Alexandria. Und sie kennt auch das europäische Establishment, dass damit oft nicht umgehen kann und will, das lieber andere Kämpfe führt; Kämpfe, die quixotisch wären, würden sie nicht gegen das eigene Fundament geführt werden.  

Mit einem islamistischen Massaker bei einer Kultur-Soirée in der deutschen Hauptstadt beginnt denn auch der Ich-Erzähler in Giuseppe Gracias Roman: "Wenigstens kann ich sagen, dass ich nicht feige gewesen bin, als man uns an dem Abend in Berlin, mit den hohen Gästen aus Politik und Kultur, hingerichtet hat", sagt er uns im ersten Satz.

Und dann geht es erst so richtig los.

Der Ich-Erzähler bringt, über geschickt geflochtene Ellipsen, seine Leser immer weiter hinein in das verzweifelte Ringen eines Mannes, der wütend die Verlogenheit von Politik und Medien, von Kunst und Kultur-Betrieb angreift. Und der gleichzeitig mit dem drohenden Scheitern seiner Ehe und schließlich dem Selbstmord seiner Frau ringt, der auch im leeren Relativismus der postmodernen Einsamkeit verortet wird - die auch die Bühnen längst erreicht hat, meint der Protagonist:

[U]m heute anzuecken, muss man die Leute wütend machen, so dass sie nach draußen stürmen und die Absetzung des Stücks fordern! Aber wie wäre das heute zu erreichen? Vielleicht mit der Inszenierung einer jungen hübschen Frau, die sich auf der Bühne in keiner einzigen Szene auszieht und sich die ganze Zeit anständig benimmt? Eine Frau, die in gebildeter Sprache verkündet, dass sie Politikwissenschaften studiert hat und sowohl Seitensprünge wie auch die gesamte Arbeitswelt banal findet und lieber eine glückliche Vollzeitmutter und Ehegattin ist.

Giuseppe Gracias Roman ist nicht nur starker Stoff in provozierenden Farben sondern ein insgesamt starkes Stück, ja, ein gewichtiges.  

Dabei liegt es kompakt in der Hand, mit seinen gut 100 Seiten, und liest sich leicht. Der Schweizer Schriftsteller (Satinis FrauKippzustand) und Medien-Berater - unter anderem des Bischofs von Chur - weiß, wie groß und schwer so ein Kunstwerk sein muss, damit es durch Establishment-Fensterscheiben fliegen kann, statt abzuprallen. Kein Pflasterstein, wohlgemerkt, sondern einer, über den man leicht stolpert, wenn man meint, ihn einfach ignorieren zu können.

Um diese kompakte Handlichkeit zu erreichen, und dabei nichts an intellektueller Gravitas einzubüßen, bedient sich Gracia geschickt seiner Werkzeuge, inhaltlicher wie stilistischer. Er verwebt die rauen Themen von Islamismus und der neuen Spießigkeit, vom Kulturkampf der Gegenwart und der Rolle des Glaubens darin so dicht und tief, dass daraus ein steinharter Stoff wird, der sich glatt und geschmeidig liest. Auch und gerade, wenn die Szenen so blutig werden wie ein Tarantino-Film.

Gefragt, ob die vehemente Kulturkritik des Ich-Erzählers die seine ist, antwortet Gracia, er sei zwar nicht so verloren wie sein Protagonist. 

Aber die intellektuellen Grundlinien seiner Kritik teile ich: die schleichende Degradierung des Menschen zur Ware durch Globalisierung und Digitalisierung / die intellektuelle und politische Ignoranz des Westens gegenüber dem einmaligen christlichen Fundament des säkularen Prinzips, ohne das es keinen modernen Rechtsstaat und damit keine freiheitliche Gesellschaft geben kann / damit zusammenhängend: das Verdunsten der Selbstvergewisserungs-Kräfte des Westens gegenüber totalitären Bedrohungen religiöser oder antireligiöser Färbung.

Dabei ist das Buch keine brutale Abrechnung oder ressentiments-beladene Litanei reaktionärer Befindlichkeiten: Verdichtet und potenziert ist das Anliegen des Autors - und deshalb ist die Gattung des Romans auch die richtige - in der modernen Figur des tragischen, kultur-pessimistischen Ich-Erzählers als Anti-Helden, der starke biographische Züge trägt. Oder?

Ich bin nicht diese Figur, weil ich glücklich verheiratet bin und Kinder habe, die mich zusätzlich glücklich machen. Aber ich habe der Figur einiges Biographisches gegeben: dass unter der politischen Korrektheit des medialen Establishments leidet, dass er vom Kulturbetrieb geschnitten wird, weil er öffentlich katholische Positionen vertritt und schliesslich: vor 10 Jahren hat sich mein jüngerer Bruder Fredi, dem das Buch gewidmet ist, das Leben genommen, indem er sich vor den Zug gelegt hat, wie Veronika im Roman.

Für den Leser steht zwischen der brutalen Geschichte des islamistischen Massakers und der zärtlichen Geschichte der verlorenen Liebe ein anderer Weg offen, der nur angedeutet wird, und dadurch die tragischen Züge gewinnt eines Wegs, den man vielleicht gehen sollte, aber es nicht tut.

Es ist der gleiche Weg, der am Ende zwischen Islamismus und Säkularismus dem Protagonisten als "dritter Weg" in Form des Katholischen Glaubens offen steht. Doch dieser schlägt ihn eben nicht ein - auch wenn der Weg des Christen als der plausible, richtige skizziert wird - und vom Protagonisten verteidigt. 

Diese Tragik mag sich Lesern, die vom Katholizismus noch nicht genug Ahnung haben, oder nur Vorurteile und Klischees kennen, nicht gleich erschließen. Sie ist jedoch für alle Leser ein Versprechen, und letztlich der Kern des Buchs - ein ermutigender Hinweis. Der Kern ist nicht Hass, sondern Hoffnung auf eine bessere Welt, in Freiheit und Liebe. Noch einmal der Autor:

Für mich ist der Erzähler die ganze Zeit auf der Suche nach dem rettenden Gott, nach der ewigen Gegenwart des Heiligen (in der Kirche das ewige Licht am Altar), deswegen auch die Begegnungen mit dem Bischofsvikar. Aber er schafft es letztlich nicht zu glauben oder hat die Gnade nicht. Eine typisch moderne zerrissene Figur. Und ich sehe Europa (nicht die USA) in etwa so wie die Gesellschaft im Kulturhaus in Berlin, mehr oder weniger ratlos gegenüber dem Terror der Freiheitsfeinde.

Giuseppe Gracia, "Der Abschied", ist im Bucher Verlag erschienen.

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Hinweis: Kommentare und Besprechungen spiegeln die Meinung des Verfassers wider, nicht unbedingt die der Redaktion von CNA Deutsch.