Freut euch! – Eine Betrachtung zum Sonntag "Laetare"

Referenzbild
Foto: Grace Shih / Pixabay (CC0)
Facebook Twitter Google+ Pinterest Addthis
31 March, 2019 / 7:20 AM

Einige Christen sehen dieser Tage schwarz und fürchten eine zweite Reformation. Andere sehen rot und würden am liebsten die katholische Kirche in Deutschland theologisch und organisatorisch neu aufbauen. Manche stöhnen, andere applaudieren. So ist die Welt von heute. Trotzdem, unsere Aussichten sind wirklich rosarot: Liturgisch sehen wir nämlich in der Fastenzeit meistens violett, an diesem Sonntag aber sind die Messgewänder aufgehellt, in der Vorfreude auf das Osterfest sehen wir in der Fastenzeit eine rosafarbene Verheißung – "Laetare!".

Hoffnungsvoll, nämlich: "Freue dich!", beginnt der Introitus des vierten Fastensonntags. Wie sehr bedürfen wir alle dieses Zuspruchs: Laetare! Das Graduale nimmt dies später auf: "Laetatus sum in his, quae dicta sunt mihi: in domum Domini ibimus." (= "Wie freute ich mich, da man mir sagte: Wir ziehen zum Hause des Herrn.") Trotzdem sehen wir so viele ernste, besorgte und traurige Gesichter um uns.

Laetare? Deuten die "Zeichen der Zeit" wirklich darauf hin? Mediales Aufsehen erregte in der vergangenen Woche – und das weit über das Bistum Münster hinaus – nicht eine froh machende Bekundung lauterer Glaubensfreude, sondern eine Predigt aus Visbek. Manche empfanden diese Rede als aufrüttelnd. Andere registrierten Zorn, Unmut und Empörung. Eine mitreißende Homilie? Oder ein verstörender Auftritt? Was einige als mutig ansehen, würde andere – die schweigende Mehrheit der Katholiken, so vermute ich – erschrecken. Dieser Predigt zeigt zumindest eines: Wir leben anscheinend eher in bekenntnis- als in bekehrungsfreudigen Zeiten. An freisinnigem Selbstbewusstsein mangelt es nicht. Das stimmt nachdenklich. Auch Kardinal Reinhard Marx hatte am 23. März 2019 verkündet: "Wir müssen jetzt nicht auf Rom warten, wir müssen unseren Weg gehen." Was mag das bedeuten? Soll Rom, soll die Weltkirche endlich belehrt werden – vielleicht besonders die Kirchen in Afrika und Asien, die das neueste Wehen des deutschkatholischen Zeitgeistes noch nicht bemerkt haben? Welches ist "unser Weg", wenn nicht der Weg der Kirche aller Zeiten und Orte? Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz meint den "synodalen Weg", der auf der Frühjahrsvollversammlung in Lingen beschlossen wurde. Ein "Laetare!" war dieser Erklärung nicht vorangestellt, ein Lob des Zentralkomitees der deutschen Katholiken erfolgte unmittelbar. Auf unzähligen Foren, in Gesprächsrunden mit Experten und in den Referaten vieler Ordinariate wird bald Weltoffenheit demonstriert werden. Aber wird sich auch neue Glaubensfreude einstellen? Oder droht ein neuer anti-römischer Affekt?

Der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff hatte beim Studientag der deutschen Bischofskonferenz für eine "erneuerte" Sexualmoral plädiert. Diese solle den "Erkenntnissen der Wissenschaft" entsprechen und von den Gläubigen verstanden werden. Welche bahnbrechenden wissenschaftlichen Einsichten sollten nun also moraltheologisch anerkannt und bestätigt werden? Dazu hat Schockenhoff nichts gesagt. Von der Würdigung homosexueller Partnerschaften ist oft die Rede, wie wir wissen. Eine genetische Disposition für diverse Formen der gleichgeschlechtlichen Zuneigung wurde zwar gelegentlich vermutet, ist aber zumindest seitens der neueren naturwissenschaftlichen Forschung nicht verlässlich nachweisbar.

Laetare? Die Kirche scheint manchmal ein freudloser, verweltlichter Debattierklub geworden zu sein. Diskurse, Erklärungen und Bekundungen jeglicher Art mögen medial, ob in Zeitungen, im Fernsehen oder im Internet, mögen auch auf Zuspruch stoßen und von vereinzelten Gläubigen, wortmächtigen Bekennern oder dezidiert kritisch sozialisierten Christen, mit Beifall bedacht werden. Die Lebens- und Glaubenswirklichkeit der überwiegenden Mehrheit der Katholiken in Deutschland, die nur einfach gläubig sind und bleiben möchten, bewegt das kaum. Sie freuen sich aber immer noch von innen her, dass ihnen das Licht des Glaubens geschenkt wurde, das ihren Weg erhellt, das ihnen Trost und Hoffnung schenkt. Darauf ruht ihr Leben, darauf gründet ihre Hoffnung.

Laetare! Gläubige Katholiken freuen sich, dass sie sonntags zum Haus des Herrn, zur Kirche, ziehen dürfen, um das Evangelium zu vernehmen und vielleicht auch das eine oder andere Wort der Predigt zu bedenken. Gläubige Katholiken sind dankbar dafür, wenn der Priester auf subjektive Mitteilungen darüber verzichtet, ob er wieder unter der Kirche leidet oder wie ihm persönlich zumute ist. Gläubige Katholiken freuen sich, wenn das Messbuch nicht nur als Dekoration auf dem Altar liegt. Sie sind dankbar dafür, wenn auf kirchen- oder gesellschaftspolitische Stellungnahmen jeglicher Art verzichtet wird. Gläubige Katholiken ziehen am Sonntag "Laetare" zum Hause des Herrn und nicht zum Presseklub in der ARD. Sie ziehen nicht zu einem Haus, in dem zeitgeistlich inspirierte Ansichten neben dem Altar, vor dem Tabernakel und im Schatten des Kreuzes dargeboten werden sollen. Gläubige Katholiken sind sich noch immer bewusst, dass sie nicht vom Herrn Pfarrer, sondern von unserem Herrn Jesus Christus eingeladen sind zur Feier der Eucharistie. Gläubige Katholiken wissen von innen her, dass sie sich sonntags auf den Weg zur heiligen Messe machen, weil sie das Geschenk der Taufe empfangen durften – und nicht, weil sie einer Gewerkschaft oder einer Partei der deutschen Christen oder einem gemeinnützigen Verband beigetreten sind.

Der Sonntag "Laetare" sagt, den Psalm 121 aufnehmend, dass wir – als Weg- und Pilgergemeinschaft der Gläubigen – zum Haus des Herrn ziehen möchten und dürfen. Wir begeben uns als Bettler vor Gott zu der Kirche, die ganz Ihm gehört und nicht unseren Ideen, Vorstellungen und Meinungen ausgeliefert sein sollte. Niemand von uns hat die Befugnis, dieses Haus nach unseren Wünschen und Vorstellungen zu modernisieren. Ein solcher Aufbruch führt ins Ungewisse. Wenn wir die Kirche selbst gestalten würden, dann zögen wir von unserem eigenen säkularen Haus zu einem anderen säkularen Haus. Dann könnten wir auch gleich zu Hause bleiben. Wenn wir die Kirche nach unseren Wünschen umgestalten wollten, würden wir uns dann nicht anmaßen, den Stifter zu enteignen und Ihn aus Seinem Haus zu vertreiben? Oder wollen Ihn auch noch bitten, unsere neue Hausordnung zu beglaubigen, modelliert nach unseren Vorstellungen, dekoriert mit einigen moraltheologisch inklusiv gemeinten wie unverbindlich klingenden Bibelzitaten, vielleicht: "Liebt einander!"? Dazu gäbe es noch etwas Weihrauch für spirituelle Bedürfnisse, bunte Gewänder, selbstgebastelte Gebete und gefühlvolle Lieder. Ganz ernsthaft: Eine von Menschen gemachte Kirche braucht kein Mensch. Bedenken mag der eine oder andere in diesen Tagen aber auch: Alle Wege, auch die synodalen, führen nach Rom. Wir wissen alle hoffentlich noch, wer über alle und in allem das letzte Wort sprechen wird. Dazu fällt mir nur eines ein: Deo gratias!

Vergessen wir also nicht: "Laetare!", das heißt: Freue dich, freut euch, wir ziehen zum Hause des Herrn. Wir dürfen auch einfach römisch-katholisch bleiben und alle jene engagiert diskutieren lassen, die unbedingt mit allen über alles diskutieren wollen. Viele gläubige Katholiken möchten auch gern im Dialog sein – mit Gott. Darum beten sie, darum bekennen sie ihre Sünden und knien nieder.

Noch immer übrigens ist auch die Konversion möglich und erlaubt – sogar in Deutschland. Und nicht nur das: Noch immer gibt es Menschen, die sich bekehren, die bewusst zu der römisch-katholischen Kirche gehören, Seiner Einladung, Seinem Ruf folgen möchten, um zu Seinem Haus ziehen, um das Sakrament der Buße und das Sakrament des Altares, den Leib Christi, zu empfangen. Das ist, am Sonntag Laetare, ein wahrer Grund zur Freude. Oder nicht? Das Schlussgebet der heiligen Messe des vierten Fastensonntages möge alle Pilger des Glaubens, ob sie synodale Wege beschreiten oder nicht, begleiten: "Allmächtiger Gott, dein ewiges Wort ist das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet. Heile die Blindheit unseres Herzens, damit wir erkennen, was vor dir recht ist und dich aufrichtig lieben."

Dr. Thorsten Paprotny lehrte von 1998 bis 2010 am Philosophischen Seminar und von 2010 bis 2017 am Institut für Theologie und Religionswissenschaft an der Leibniz Universität Hannover. Er publizierte zahlreiche Bücher im Verlag Herder. Gegenwärtig arbeitet er an einer Studie zum Verhältnis von Systematischer Theologie und Exegese im Werk von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. Er publiziert regelmäßig in den "Mitteilungen des Instituts Papst Benedikt XVI.".  

Das könnte Sie auch interessieren:  

Hinweis: Meinungsbeiträge spiegeln die Ansichten der Autoren wider, nicht unbedingt die der Redaktion von CNA Deutsch.