Gott sendet Zeichen zur Umkehr, doch wo bleibt unsere Antwort?

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Foto: Martin Sanchez / Unsplash (CC0)
23 March, 2020 / 9:38 AM

Ein Blitz schlug in den Petersdom ein, nachdem Benedikt XVI. seinen Rücktritt bekannt gab, Notre Dame de Paris brannte lichterloh und liegt noch immer in Trümmern, ein Kran stürzte in den Frankfurter Dom, als die Versammlung zum Synodalen Weg abgehalten wurde, der Markus-Dom in Venedig war vor nicht allzu langer Zeit Schauplatz mehrerer zerstörerischer Überflutungen und gestern fiel als Folge eines Erdbebens in der kroatischen Hauptstadt Zagreb eine der Turmspitzen der Kathedrale zu Boden. Zu allem Überfluss erlebt die Welt gerade eine Epidemie nie gekannten Ausmasses.

Wieviele Zeichen sind noch notwendig, damit wir als Menschen endlich erkennen, dass so zu leben, als ob es Gott nicht gäbe (etsi deus non daretur), einem Selbstbetrug gleicht, der unserem Schöpfer nicht gefallen kann?

Unser Schöpfer, das wissen wir vor allem aus dem Alten Testament, kann durchaus eifersüchtig sein, da er sicherlich möchte, dass wir zunächst IHN und dann erst uns, andere Menschen und die Welt lieben. Nun lässt sich wohl kaum bestreiten, dass Gott, der ohne Zweifel barmherzig ist, mit diesen Ereignissen auch etwas zulässt, das den Menschen bzw. ihrer Macht Grenzen setzen soll. Es wäre an dieser Stelle jedoch fahrlässig auszuschließen, dass Gott straft (um statt seiner von einer launischen Natur zu sprechen), genauso wie es defätistisch wäre, nicht auf seine Barmherzigkeit und Treue den Menschen gegenüber zu vertrauen. Für letzteres formuliert der Herr allerdings Bedingungen, die - so könnte man meinen - von seinen Geschöpfen nicht oder sagen wir besser: noch nicht erfüllt worden sind.

Zur aktuellen Situation der deutschen Kirche angesichts der Corona-Epidemie

Nicht wenige Katholiken in Deutschland und anderswo fühlen sich angesichts des Coronavirus und seiner Bekämpfung als Bürger zweier Welten: Einerseits halten sie sich brav an die durchaus vernünftigen Vorgaben, Richtlinien und Empfehlungen des Staates zum Schutz des eigenen und fremden Wohls  – Einhaltung von Hygienestandards, Kontaktverbote, Ausgangssperren und so weiter – andererseits versuchen sie ihr Glaubensleben, das gerade jetzt in der vorösterlichen Bußzeit einer neuen Prüfung unterzogen werden sollte, in Ordnung zu bringen bzw. zu intensivieren. Dabei ist jede Katholikin und jeder Katholik selbstverständlich und jederzeit auf die institutionelle Bereitstellung derjenigen Mittel angewiesen, die notwendig sind, damit sowohl natürliche als auch übernatürliche Grundbedürfnisse Berücksichtigung finden. Sicherlich setzt die Politik derzeit auch einiges daran, jene natürlichen Grundbedürfnisse bzw. den Rahmen, in dem sie normalerweise erfüllt werden können, zu schützen. Dabei kann und muss sie zu Methoden und Maßnahmen greifen, die um willen der Sicherung der Grundbedürfnisse (an welche auch etwaige Grundrechte gekoppelt sind) angewandt werden, aber dieselben Grundbedürfnisse in ihrer Realisierung zeitweise auch einschränken. Ob diese Maßnahmen letztlich ausreichen und es genügt, auf medizinische Forschungen und politische Lösungen zu setzen, wird sich zeigen. Die Uneinigkeit zwischen Europas Nationen, aber auch in Deutschland zwischen Bund und Ländern, welche Maßnahmen in welchem Umfang die richtige seien, lässt hierüber Zweifel aufkommen; zu groß ist die Unsicherheit im Hinblick auf den richtigen Umgang mit dem Virus und der Bekämpfung seiner Folgen.

Steht nun bei aller Irrtumswahrscheinlichkeit die Praxis, einschneidende politische, ökonomische, soziale und rechtliche Maßnahmen zu treffen, dem "Vater Staat" irgendwie zu Gebote, kann und muss man komplementär dazu von der "Mutter Kirche" etwas anderes erwarten, z.B. dass sie sich in dieser Zeit verstärkt der übernatürlichen Grundbedürfnisse ihrer Gläubigen annimmt, diese in besonderer Weise berücksichtigt und sich um deren Nährung eifrig bemüht zeigt. Doch was macht sie? Statt die Sehnsucht der Gläubigen nach den Sakramenten zu fördern oder zumindest nicht versiegen zu lassen, schneidet sie viele Wege zu den Quellen des ewigen Lebens ab. Indem sie glaubt, in vorauseilendem Gehorsam die staatlichen Maßnahmen auf den kirchlichen Bereich bis in den letzten Winkel hinein übernehmen (ja sogar übertreffen) zu müssen, ohne dabei zu bedenken, was sie damit (vielleicht sogar unwiederbringlich) verliert, schüttet sie letztlich das Kind mit dem Bade aus und erweist sich als die spirituell verarmte und hoffnungslos politisierte Kirche, von der wir nie geträumt hätten, dass sie wirklich existiert. Sind die Hüter des Glaubens zwischenzeitlich zu dessen Untergangsverwalter geworden? Was ist das für eine Kirche, die ihre Gotteshäuser mit einer erschreckenden Selbstverständlichkeit schließt, Gläubige mit virtuellen Angeboten bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag vertröstet und dabei keine Mühe darauf verwendet, die Dramatik der derzeitigen Situation wirklich zu verstehen und in kreative Impulse umzusetzen? Machen wir uns nichts vor: Die liturgisch-sakramentale Praxis ist im Coronagebiet, d.h. auf der ganzen Welt, am Boden und ich weiss nicht, wie und wann sie wieder auferstehen soll. Denke ich gerade an Ostern, dann sehe ich das Feuer, das die Finsternis erhellt, vor mir und niemanden, der auf den Ruf des Priesters "Lumen Christi" mit "Deo gratias" antwortet. Das Osterlicht, das von Person zu Person weitergegeben wird und den Raum in wunderbarer Weise erfüllt, woraufhin und wohinein auch das herrliche Exsultet angestimmt wird und erklingt - das alles wird ausbleiben!

Doch möchte ich nicht soweit vorgreifen: Wir befinden uns gerade inmitten der vorösterlichen Bußzeit und Dinge ändern sich gerade stündlich. Es gibt weiterhin mutige Priester und Bischöfe, die ermunternde Worte sagen und den Gläubigen versichern, dass diese Zeit des Entzuges ihren Sinn hat, d.h. nicht umsonst sein wird. Eines steht aber fest: Das Coronavirus, an dem ich wirklich nichts Gutes finden kann, hat den erbärmlichen spirituellen Zustand weiter Teile der Katholischen Kirche, gerade hier in Deutschland, offenbart. So muss in aller Deutlichkeit gesagt werden: Wenn sich die Kirche in ihrem Wesen und Tun nicht mehr von einer staatlichen Behörde unterscheiden kann und will, dann sollte sie konsequenterweise auch auf alle Äußerlichkeiten und Privilegien verzichten, die sie noch von einer staatlichen Behörde unterscheidet. Als gläubige Christen werden wir aber niemals den Staat anbeten, sondern allein Jesus Christus, der sich uns im Sakrament der Eucharistie immer wieder neu schenkt. Ich verlange daher, und damit stehe ich sicherlich nicht allein, von der Kirche weder zivilen Ungehorsam noch vorauseilenden Gehorsam, sondern - wie es im Taufritus so schön erfragt wird - den immer wieder neu zu hütenden Glauben.

Da ich hier nicht als nörgelnder Bittsteller erscheinen möchte: Ein paar Vorschläge, wie man versuchen kann die plötzlich entstandene Kluft zwischen Sakramentenspende und Sakramentenempfang notdürftig zu überbrücken.

Wie könnten absolute Kontaktverbote in verschiedene Formen geistiger und teilweise auch physischer Nähe zum Herrn und zu unseren Mitmenschen umgewandelt werden?

  1. Wäre es nicht denkbar, das Allerheiligste Altarsakrament, wo es praktischerweise geht (z.B. auf Kirchentürmen oder hohen Gebäuden) auszusetzen, davon ein Foto zu machen, welches dann auf der Internetseite (der Pfarrei oder des Bistums) präsentiert wird? Daraufhin könnten die von der Aussetzung in Kenntnis gesetzten Gläubigen stets ihren Blick auf den Turm oder das Gebäude richten, mit dem Wissen, dass genau dort DER HERR ist. Wer zudem ein Fernglas besitzt, kann die Monstranz mit der Hostie vielleicht sogar direkt sehen. Auf alle Fälle werden auf diese Weise Versammlungen unterbunden und eine direkte (d.h. nicht-virtuelle) Anbetung ist möglich (Ein Beispiel: Ich befinde mich gerade in Freiburg, wo man vom Schlossberg, d.h. im Grünen, einen wunderbaren Blick auf das Münster hat; wenn man also weiss, dass das Allerheiligste für den Zweck der Anbetung im Turm ausgesetzt würde, könnte man dort auf die Knie gehen und entsprechende Gebete verrichten - ich fände das eine große Bereicherung!)
  2. Zudem könnten die Kirchenglocken noch häufiger läuten - vor allem während der Wandlung! Wenn die Priester, die jetzt sicherlich weniger pastorale Verpflichtungen haben, jetzt mehr Messen feiern, würden damit automatisch auch öfters die Glocken läuten.
  3. Man muss die Kirchen nicht gleich schließen; es gibt sicherlich Möglichkeiten, den Kirchenraum für bestimmte Zwecke und unter Einhaltung der Hygiene- bzw. Nichtansteckungsregeln zu nutzen - hier ist vor allem Kreativität gefragt! So könnte man z.B. ein Online-Portal einrichten, wo sich Gläubige für einen Kirchenzutritt eintragen können und sich dabei auch verpflichten, die vor Ort notwendigen Regeln einzuhalten.
  4. Priester könnten, was auch schon passiert ist, durch die Strassen der Stadt ziehen, und die Häuser bzw. die Menschen, die in den Häusern wohnen, segnen, ihnen Kerzen und Gebetszettel vor die Tür legen. Dabei müssten Sie sich überlegen, wie sie spontane Gruppenansammlungen und Prozessionen präventiv vermeiden.
  5. Noch ein Wort zu den viel beschworenen Live-Messen, die man jetzt im Internet verfolgen kann: Ich gebe zu, dass ich vermutlich das von mir selbst wahrgenommene Niveau der Andächtigkeit ohne die gestrige Sonntagsmesse, welche ich mir 9:30 Uhr auf K-TV angeschaut habe, nicht erreicht hätte. Womöglich ist das aber typabhängig; anderen Gläubigen mag es da ganz anders gehen. Sicherlich liegt es auch an der Form der Messe und der Art und Weise, wie Priester, Kirchenraum und Gesang zusammenspielen. Das war durchaus gelungen und nicht vergleichbar mit den oft sehr verkrampft wirkenden, von grellem Scheinwerferlicht überzeichneten Fernsehweihnachtsgottesdiensten, die man so kennt. Gleichwohl habe ich auch gespürt, wie schmerzlich dieser Entzug ist und wie künstlich es doch bleibt, einem Ereignis beizuwohnen, das eine physische Präsenz erzwingt. Mögen wir daher inständig um ein Ende dieser unerträglichen Situation bitten:

Concede nos famulos tuos, quaesumus Domine Deus, perpetua mentis et corporis sanitate gaudere: et gloriosa beatae Mariae semper Virginis intercessione, a praesenti liberari tristitia et aeterna perfrui laetitia. Per Christum Dominum nostrum. Amen.

Gütiger Gott, du hast allen Menschen Maria zur Mutter gegeben; höre auf ihre Fürsprache; nimm von uns die Traurigkeit dieser Zeit, dereinst aber gibt uns die ewige Freude. Durch Christus, unsern Herrn. Amen.

Dr. Martin Hähnel ist Chefredakteur der Zeitschrift für Ethik und Moralphilosophie und arbeitet am Lehrstuhl für Bioethik der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

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