John Henry Newman als Vorbild theologischen Fortschritts

Dankesmesse zur Heiligsprechung von Kardinal John Henry Newman am London Oratory am 17. Oktober 2019
Foto: Mazur / Catholic Church of England and Wales (CC BY-NC-SA 2.0)
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26 November, 2019 / 8:22 AM
Benjamin Leven hat in der November-Ausgabe der "Herder-Korrespondenz" einen bedenkenswerten Aufsatz über die Frage geschrieben, wem John Henry Newman gehört. Er beobachtet, dass im heutigen Kirchenstreit beide Seiten, die Reformer und die Konservativen, Newman für sich reklamieren. Die einen etwa sehen Newman im Streit um die Weihe von viri probati auf Seiten der Befürworter, die anderen auf Seiten der Gegner dieser Idee. Andere Beispiele, die Leven anführt, drehen sich um die Frage, ob Newman eher der Anhänger eines engen Dogmatismus war oder sich für eine genügend große "Ellbogenfreiheit" der Theologie einsetzte.
 
Tatsächlich gehörte Newman zu seiner Zeit eher zu jenem Flügel in der Kirche, der unkonventionelle Wege in der Theologie beschritt. Sein Werk "Grammar of Assent" beispielsweise enthält eine Glaubensanalyse, die originell ist und den Rahmen der überkommenen scholastischen Schemata sprengt. Gott sei Dank gab und gibt es in der Theologie immer wieder solche originellen Genies! Sie sind es, die die Theologie voranbringen! Aber gerade das ist nicht das Spezifische unserer Zeit. Es geht nicht um eine fortschrittliche Theologie im Sinne Newmans, sondern um Sein oder Nichtsein von Kirche und Glaube.
 
Natürlich hängt von der Frage der Weihe von viri probati nicht das Katholischsein ab. Die Diskussion um diese und ähnliche Fragen könnte man viel gelassener führen, wenn auf beiden Seiten ein selbstverständlicher Konsens darüber bestehen würde, worin das katholische Priestertum besteht. Und sicherlich gibt es auch viele Befürworter dieser Weihe, die ein katholisches Verständnis des Priestertums besitzen. Aber sie befinden sich nolens volens in Allianz mit einer einflussreichen theologischen Strömung, die nicht mehr ans sakramentale Priestertum glaubt. Die Theologen Herbert Haag, Josef Blank und viele ihrer Kollegen lehrten und lehren, dass Jesus überhaupt kein Priestertum eingesetzt bzw. überhaupt keine Kirche gegründet habe. Hier steht nach katholischer Lehre der katholische Glaube selber auf dem Spiel.
 
Es geht, wie der Theologe Karl-Heinz Menke zurecht festgestellt hat, um das sakramentale Priesterverständnis. Oder schauen wir uns die Position von Magnus Striet an: Da geht es nicht um die rechte Balance zwischen theologischer Freiheit und Bindung ans Lehramt, sondern um die Existenz des Lehramts selber. Er stellt die Institution des Lehramts grundsätzlich in Frage. Das wäre im staatlichen Bereich vergleichbar dem Fall, wo jemand nicht bloß über die Korrektheit einzelner Gerichtsurteile diskutiert, sondern dem Bundesverfassungsgericht grundsätzlich die Kompetenz abspricht, juristische Streitfälle endgültig zu entscheiden und den Rechtsstreit (die "Diskussion") zu beenden. Jemand, der die Jurisdiktionsgewalt des Staats bekämpfen würde, wäre ein Verfassungsfeind.
 
Es geht also nicht um größere oder kleinere Reformfreudigkeit, um mehr oder weniger Freiheit in der Theologie, es geht um katholisch oder nicht katholisch. Newman würde sich im Grabe umdrehen, wenn man sich auf ihn berufen würde, um theologische Positionen zu vertreten, die dem Glauben widersprechen – diesem Glauben, um dessentwillen er gerade katholisch wurde. Leven benennt zurecht die bleibende Identität des Christentums als dasjenige Kriterium, das darüber entscheidet, ob eine Veränderung unter das Verdikt Newmans fällt: "Young birds do not grow into fishes" - "Aus einem Küken wird kein Fisch" (so der Titel seines Aufsatzes).
 
Und was die Originalität angeht, so ist das ein Punkt, in dem sich Newman noch schärfer von den heutigen "Reformern" unterscheidet: Man schaue sich doch einmal die Argumente von "Maria 2.0" oder mancher Theologen an, mit denen der Wunsch nach dem Frauenpriestertum, die Leugnung des sakramentalen Priestertums oder die Ablehnung der kirchlichen Lehrgewalt begründet wird: Das sind alte, seit Jahrhunderten abgenutzte Phrasen, deren Heterodoxie noch von ihrer intellektuellen Anspruchslosigkeit übertroffen wird. Sie bringen die Theologie nicht voran, sondern fahren sie auf das schon längst überwundene Niveau von Stammtischparolen herunter, die Reflexe dessen sind, was Hans Urs von Balthasar den antirömischen Affekt nannte.
 
Aber bleiben wir beim Positiven! Gibt es heute keinen Theologen, der mit Newman vergleichbar wäre? Mir fällt es nicht schwer, den Namen jenes Theologen zu finden, der heute am ehesten das Genie, die Seriosität und die Originalität Newmans verkörpert: Joseph Ratzinger.
 
Der Autor ist Priester der Petrusbruderschaft, auf deren Webseite der Kommentar zuerst veröffentlicht wurde.
 
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