Um eine Philosophie des Guten: 4. Zwei Arten des Guten und wie sie uns gegeben sind

Immanuel Kant, portraitiert von Johann Gottlieb Becker (1720-1782)
Foto: Wikimedia (CC0)
17 November, 2020 / 9:00 AM

Es kommt alles darauf an, die beiden Arten des "Guten", die wir in den bisherigen Ausführungen kennengelernt haben, klar zu erfassen. Das eine ist das Gute, das unserem naturhaften Streben nach Glück entgegenkommt, das andere das Gute, das ein Sollen an uns richtet. Das eine ist das Gute, das wir im Grunde bei jeder Handlung immer schon wollen, das andere das Gute, zu dem wir uns entscheiden müssen. Das erste Gute verspricht uns Glück, das zweite verlangt Gehorsam. Das erste Gute ist dasjenige, das Aristoteles an den Anfang seiner Ethik als dasjenige stellt, nach dem wir von Natur aus notwendigerweise streben, das zweite Gute ist dasjenige, das uns in der moralischen Erfahrung gegeben ist und an unser Gewissen appelliert. Das Streben nach dem aristotelischen Guten haben böse und gute Menschen gemeinsam, die Entscheidung zum Guten der zweiten Art ist das, was den moralischen Menschen vom unmoralischen unterscheidet.

Man hat demnach die beiden Typen von Ethiken, die sich daraus ergeben, auch Strebensethik und Sollensethik genannt. Während in der Sollensethik der sittliche Anspruch gerade als ein solcher erfahren wird, der unser gewohnheitsmäßiges Streben nach dem eigenen Glück unterbricht, versucht die Strebensethik das moralische Handeln als einen besonderen Fall solchen Strebens zu interpretieren.

Dementsprechend wird auch die Wirkung des moralischen Handelns auf den Handelnden selber verschieden gesehen: In der Strebensethik wird der moralische Akteur durch sein Handeln glücklich, in der Sollensethik wird er gut im Sinne von glückswürdig. Er wird zu einem Gerechten im biblischen Sinne, aber nicht unbedingt tatsächlich glücklich. Im ersten Fall wird er glücklich, weil er durch sein Handeln erreicht, was er sowieso erstrebt. Im zweiten Fall wird er glückswürdig, weil er dem sittlichen Anspruch gehorcht.

Schauen wir uns nun an, wie das Gute unserer Erkenntnis gegeben ist, einerseits das Gute, welches das Ziel eines naturhaften Strebens ist, andererseits das moralisch Gute, das uns im Gewissen zum moralischen Handeln auffordert.

Tatsächlich geht es uns in den allermeisten Handlungen unseres Alltags um irgendein Gut, von dem wir uns etwas versprechen. Das beginnt bei so primitiven Beispielen der Nahrungsaufnahme, in denen wir etwas essen, weil es uns schmeckt, bis hin zur Tätigkeit des Künstlers, der seine Geige spielt, weil das seine Passion ist. Darüber hinaus gibt es auch jene Handlungen, die uns zwar keine Freude bereiten, die aber notwendig sind, um ein Ziel zu erreichen, das uns begehrenswert erscheint. Das kann z.B. für unsere Berufstätigkeit gelten, die zwar anstrengend sein mag und uns Überwindung kostet, aber nötig ist, um den Lebensunterhalt zu verdienen, damit wir ein Leben führen können, das unseren Glücksvorstellungen entspricht. Wir gehen dann unserem Beruf nicht nach, weil er uns unmittelbar Freude bereitet, sondern weil er indirekt unserem Eigeninteresse dient und die Voraussetzung zur Erreichung jenes Zustandes ist, in Bezug auf welchen es unsinnig ist zu fragen: "Und was hast du schon davon?"

Worin das Glück, das wir im Letzten eigentlich anstreben, besteht, wissen wir nicht a priori. Oft denken wir: Wenn ich erst dieses oder jenes erreicht habe, bin ich glücklich. Und wie oft stellt sich dann heraus, dass wir uns geirrt haben! Ja, wir können an dieser Stelle unserer Untersuchung nicht einmal entscheiden, ob die Erkenntnis dessen, was uns wirklich glücklich macht, eine Frage der Erfahrung ist oder der philosophischen Spekulation oder der göttlichen Offenbarung. Wenn also das richtige moralische Handeln von der richtigen Antwort auf die Frage nach unserem Glück abhängen würde, stünde es auf sehr wackeligen Füßen. Wir könnten dann nicht sicher wissen, was moralisch gut ist.

Demgegenüber ist uns das Gute in der moralischen Erfahrung ganz anders gegeben, nämlich als unbedingte Gewissheit und strahlende Evidenz. Dass wir dem ertrinkenden Kind, sofern möglich, zu Hilfe eilen sollen, ist eine Erkenntnis, die uns spontan von selber erfasst, ohne dass wir komplizierte Überlegungen über unser Endziel anstellen müssen. Diese Evidenz ist nur ein besonderer Anwendungsfall jenes sittlichen Urprinzips, das die Scholastik unter dem Namen Synderesis kennt, den Josef Pieper mit "Urgewissen" übersetzt. Das Urgewissen befiehlt uns: "Tue das Gute, meide das Böse." Es gehört untrennbar zu unserem Menschsein dazu, es ist uns, wie die Scholastiker sagen, angeboren, innatus. Es handelt sich um einen kategorischen, moralischen Imperativ. "Tue das Gute!" In diesem Imperativ geht es um das moralisch Gute. Es ist kein leerer Begriff des Guten, der beliebig gefüllt werden könnte, sondern der Inbegriff des moralisch Guten, das sich in verschiedenen Handlungssituationen zur je konkreten Richtigkeit und moralischen Gutheit der geforderten Handlung verdichtet. Der Imperativ des Urgewissens aktualisiert sich in einer jeweils konkreten Situation zum Gewissensurteil: "Hilf diesem Kind!", "Bleib deiner Frau treu!", "Hau deinen Geschäftspartner nicht übers Ohr!"

Das moralisch Gute, das uns im Urgewissen befohlen wird, ist begrifflich nicht identisch mit dem Guten, welches das Ziel unseres Glücksstrebens darstellt. Wenn wir den Pudding essen, weil er uns schmeckt, den Beruf ausüben, weil er uns zu Wohlstand verhilft, nach Erkenntnis streben, weil sie uns intellektuelle Freude bereitet, gehorchen wir nicht einem moralischen Imperativ, sondern lediglich unserem niederen oder gehobenen Eigeninteresse. Der moralische Anspruch dagegen trifft uns in einer gegebenen Situation unabhängig davon, ob er uns schmeckt oder nicht. Wenn wir auch oft nicht wissen, was uns wirklich glücklich macht, so wissen wir doch oft genug ganz genau, was moralisch gut ist und was nicht.

Bei allen verbleibenden Unterschieden in der weiteren Interpretation des jeweiligen Phänomens dürfen wir im Kern die Synderesis der Scholastiker mit dem kategorischen Imperativ Immanuel Kants identifizieren. Dieser ist, wie Kant sagt, ein Faktum der Vernunft. Er ist uns untrüglich gegeben kraft unserer Vernunft. Das Gute, das er uns befiehlt, entdecken wir nicht in der äußeren Erfahrungswelt wie jene Güter, die unser Glücksstreben auf sich lenken. Wir entdecken es vielmehr als einen Anruf in uns selbst. Dieser Anruf mag durch einen äußeren Anruf geweckt sein, z.B. durch die Erfahrung einer konkreten, moralisch relevanten Situation etwa eines ertrinkenden Kindes. Dann aber erfahren wir ihn als etwas, das wir nicht mehr ausblenden können, als eine Gewissheit, die uns verfolgt unabhängig von allem zufälligen Wechselspiel der Erfahrung. Die Gewissheit, zum Guten verpflichtet zu sein, können wir nicht abschütteln, und in dem Maße, wie wir dem moralischen Imperativ gehorchen, wollen wir es auch nicht mehr, weil sie zur tragenden Gewissheit unseres Lebens wird. Sie ist keine bloß theoretische Gewissheit, sondern wird zu einer existentiellen im umfassendesten Sinne des Wortes. Sie ist nicht das Ergebnis einer philosophischen Spekulation, sondern ein viel zu selten genutzter Ausgangspunkt einer solchen.

Die Serie "Um eine Philosophie des Guten" erscheint alle 14 Tage am Dienstag um 9 Uhr bei CNA Deutsch. 

Das könnte Sie auch interessieren: 

;

;

Hinweis: Meinungsbeiträge wie dieser spiegeln die Ansichten der jeweiligen Autoren wider, nicht unbedingt die der Redaktion von CNA Deutsch.