Verstandesmenschen

Geistliche Betrachtungen zu den Gedichten des hl. Johannes Pauls II. – Teil 2

Der heilige Papst in den frühen 1990er Jahren.
Foto: Vatican Media
05 September, 2020 / 7:11 AM

Dass Vernunft und Glaube zueinander gehören, ist ein wesentlicher Aspekt des theologischen Vermächtnisses von Karol Józef Wojtyła – Johannes Paul II.  Die Enzyklika "Fides et ratio" vom 14. September 1998 beginnt so: "Glaube und Vernunft sind wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt." Ein Philosoph, der im Credo der Kirche verwurzelt ist, weiß um den Wert und die Bedeutung der Vernunft, aber zugleich kennt er ihre Grenzen. Nachdem die "Gefühlsmenschen" betrachtet und gewürdigt sind, konzentriert sich der junge Wojtyła auf den "Verstandesmenschen". Er kennzeichnet ihn auf folgende Weise:

 

"Das, was dem Leben die Vielfalt nimmt und den Reiz,

Abenteuer, Spontanes, Atem –

Wie eng ist’s in deinem Formblatt, dem Urteil, der Meinung bereits,

die den Inhalt erpressen, dessen zugleich entraten.

Brich nicht die Sperre in mir, wir brauchen sie, ich wie du.

Die Menschenwege führen auf den Gedanken zu."

(vgl. Der Gedanke ist eine seltsame Weite, Freiburg 1979, 22)

 

Der Verstandesmensch strukturiert, sortiert und ordnet. Er arbeitet diszipliniert, gewissenhaft, denkt in Modellen und macht Pläne. Mit einem festen Schema des Denkens schaut er sich die Phänomene dieser Welt an. Der Verstandesmensch geht akkurat, sorgfältig und penibel vor, möchte kontrollieren und die Übersicht behalten. Seine Vorurteile sind ihm zur Gewohnheit geworden. Nichts kann ihn mehr überraschen. Der Verstandesmensch glaubt an die Kausalität. Er sieht vielleicht auch dort Notwendigkeiten, wo gar keine bestehen. Scharf analytisch erkennt Wojtyła die Enge des "Formblattes". Kann alles schriftlich fixiert, eingetragen und abgeheftet werden? Vielleicht trennt der Verstandesmensch auch Amt und Person. Er arbeitet systematisch und gehorcht bestehenden Vorgaben wie Denkgewohnheiten. Vielleicht behauptet er, ihm seien die Hände gefunden. Oder ist einfach alles logisch? Vielleicht glaubt er an die absolute Sinnhaftigkeit der Logik, die er zu erkennen meint. Hat nicht alles Geschehen eine Ursache, alles Handeln eine unausweichliche Konsequenz? Kann nicht vernünftig erklärt werden, was uns widerfährt? Theologisch engherzig gedacht: Wer leidet, muss schwere Schuld auf sich geladen haben. Leistungsethisch formuliert: Wer durch eine Prüfung fällt, hat sich nicht genug angestrengt und hätte mehr lernen müssen.

Das "Formblatt" ordnet die Phänomene, aber der Verstandesmensch versteht nicht, was geschieht. Er arbeitet schematisch, wie ein Automat. Alles lässt sich erklären. Oder nicht? Am liebsten würde er das Phänomen Spontaneität auch zuordnen und anhand seiner Modelle formen. Im Grunde gibt es keine Spontaneität. Es darf sie nicht geben. Alles muss systematisch erfasst werden. Doch es gelingt ihm nicht, also hat er kein Kästchen für eine Notiz übrig. Der Verstandesmensch kapituliert vor Gefühlen, vor Einfällen, vor Schönheit. Lässt sich das nicht berechnen und verlässlich vorhersagen? Der Verstandesmensch kennt auch nicht die Schönheit und Freiheit in der katholischen Kirche. Für den Glanz der Wahrheit ist er blind. Das passt nicht in sein vorgefertigtes Ordnungsschema. Auch der Herr passte nicht in die Ordnungsmodelle der Menschen, die eigentlich auf den verheißenen Messias warteten. Kennt der Verstandesmensch eine Sehnsucht, die über seine Pläne hinausreicht? Die Wege des Menschen führen auf den Gedanken zu, aber sie enden nicht in einem abschließenden System, das Verstandesmenschen sich ausgedacht haben. Wir ordnen, was wir sehen und was wir erwarten. Wir glauben an die Kausalität mehr als an Gott. Der Verstandesmensch denkt, dass er alles Nötige weiß. Er fertigt darum Landkarten an, damit wir uns an feststehenden Vorgaben orientieren – und die Formblätter unseres Lebens ausfüllen können. In Abschnitt 10 der ersten Enzyklika "Redemptor hominis" schreibt der heilige Johannes Paul II.: "Der Mensch kann nicht ohne Liebe leben. Er bleibt für sich selbst ein unbegreifliches Wesen; sein Leben ist ohne Sinn, wenn ihm nicht die Liebe geoffenbart wird, wenn er nicht der Liebe begegnet, wenn er sie nicht erfährt und sich zu eigen macht, wenn er nicht lebendigen Anteil an ihr erhält." Der Verstandesmensch sucht in seinem Formblatt vergeblich nach der Stelle, so dass er nichts Passendes dazu eintragen kann. Er bleibt ratlos und schüttelt den Kopf. Ja, der Mensch kann nicht ohne Liebe leben – ohne scheinbar perfekte, passgenaue Formblätter vielleicht schon. Die Liebe lässt sich auch nicht abhaken. Wir Christen haben der Liebe geglaubt.

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