Warum ich an der Kirche leide

Der Hildesheimer Dom
Foto: Roland Struwe / Wikimedia (CC BY-SA 4.0)
30 May, 2021 / 11:32 AM

Viele einfach gläubige Christen leiden an der Kirche in dieser Zeit – Sie auch? Dann haben wir etwas gemeinsam. Der Skandal des sexuellen Missbrauchs ist und bleibt erschütternd. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat viele dieser Phänomene in seinem ebenso ungeschmeidigen wie hellsichtigen Aufsatz präzise sichtbar gemacht. Und er hat mit seiner Analyse nach meiner unmaßgeblichen Meinung völlig recht. Dass er dafür massiv angefeindet wurde, spricht für die Qualität seiner Darlegungen.

Wichtig und maßgeblich für die Reflexion des Missbrauchsskandals – in der Kirche und weit über die Kirche hinaus – ist auch die Studie von Dr. Teresa Nentwig über den „Fall Helmut Kentler". Das ist alles ist öffentlich einsehbar. Werden solche wichtigen, wertvollen Beiträge auch rezipiert? Folgen daraus Konsequenzen? Oder berücksichtigen einige Personen im Raum der Kirche schon Handreichungen, die eine scheinbar „aufgeklärte Sexualpädagogik“ fordern? Mir hat das kirchliche Positionspapier zur Prävention sehr zu denken gegeben. Berücksichtigt werden dort etwa Positionen von Michel Foucault und Uwe Sielert. Letzterer äußerte sich im „Deutschlandfunk“ zu Helmut Kentler: „Ich würde betonen, dass die sexualitätsfreundlichen und die Homosexualität befreienden Intentionen von Kentler, dass die durchaus Würdigung vertragen und dass auf der anderen Seite genauso gesagt wird, Kentler war auch jemand, der auch Pädophilie legitimiert hat, und dass Kentler Segensreiches und sehr Problematisches mit sich gebracht hat.“

Die Morallehre der Kirche scheint indessen teilweise bis in die Kirche hinein nicht einmal diskussionsfähig und -würdig zu sein. Ein besseres Präventionskonzept gegen Missbrauch, einen besseren Schutz für die Würde des Menschen als die Morallehre der katholischen Kirche kenne ich nicht. Aber ich mag naiv sein. Beim digitalen „Synodalen Tag“ in Hildesheim war am 29. Mai 2021 zu dem Thema „frauenfragen“ auch die bekannte Professorin Elisabeth Tuider zu Gast. Aufgrund welcher Expertise wurde die Soziologin, die mit der Kentler-Pädagogik vertraut ist – wie das Magazin „Emma“ berichtet –, dort eingeladen? Schauen Sie sich das alles ruhig einmal an, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, und bilden Sie sich Ihr eigenes Urteil. 

Meine Dialogoffenheit hat hier Grenzen. Das mag mein Fehler sein. Doch ich frage mich: Wem bieten wir als Kirche ein Forum? Mit welchen Positionen setzen wir uns auseinander? Worüber diskutieren wir? Wem hören wir zu? Fragt niemand mehr: Wie gelingt uns als Kirche in Deutschland eine Erneuerung in Christus? Ich hätte zu der Thematik „frauenfragen“ vermutlich die Theologin Katharina Westerhorstmann gerne sprechen gehört – und auch eine berufstätige katholische Mutter, die die Lebenswirklichkeit und die realen Frauenfragen kennt. So aber frage ich mich: Wohin gehst du, Kirche? 

Ich frage mich das nicht allein, ich weiß. Als ich ein kleiner Junge war – und das ist schon eine Weile her –, habe ich mir manchmal gewünscht, dass der Herr doch dreinschlagen möge, so dass Seine Macht und Herrlichkeit in dieser Welt für alle sichtbar werden könnte. Das ist ein kindlicher Wunsch. Aber damals hat mich der Gedanke getröstet, dass der Herr in allem und über alle das letzte Wort haben wird. Der Gedanke tröstet mich noch heute. Auch wenn mich vieles in der Kirche sehr traurig macht. Und ja, ich leide an der Kirche, sehr sogar. Aber ich bleibe ich ihr treu, im Leben und im Sterben, denn es ist die Kirche unseres Herrn Jesus Christus. Das genügt mir. Auch wenn viele Vorgänge in der Kirchenprovinz Deutschland nur verstörend sind.

Benedikt XVI. schrieb vor zwei Jahren in dem genannten Aufsatz: „Die Idee einer von uns selbst besser gemachten Kirche ist in Wirklichkeit ein Vorschlag des Teufels, mit dem er uns vom lebendigen Gott abbringen will durch eine lügnerische Logik, auf die wir zu leicht hereinfallen. Nein, die Kirche besteht auch heute nicht nur aus bösen Fischen und aus Unkraut. Die Kirche Gottes gibt es auch heute, und sie ist gerade auch heute das Werkzeug, durch das Gott uns rettet. Es ist sehr wichtig, den Lügen und Halbwahrheiten des Teufels die ganze Wahrheit entgegenzustellen: Ja, es gibt Sünde in der Kirche und Böses. Aber es gibt auch heute die heilige Kirche, die unzerstörbar ist. Es gibt auch heute viele demütig glaubende, leidende und liebende Menschen, in denen der wirkliche Gott, der liebende Gott sich uns zeigt. Gott hat auch heute seine Zeugen ("martyres") in der Welt. Wir müssen nur wach sein, um sie zu sehen und zu hören.“ Das sehe ich auch so, so und nicht anders – und Sie? Die einfach gläubigen Christen sind der größte Schatz und die Zukunft der Kirche in Deutschland.

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