Negativrekord in Deutschland: Über 500.000 Katholiken haben 2022 die Kirche verlassen

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Die Kirchenkrise in Deutschland sprengt alle Negativ-Rekorde. Im Jahr 2022 haben heute veröffentlichten Zahlen zufolge erstmals über eine halbe Million getaufte Katholiken der Kirche im Land den Rücken gekehrt: 522.821 Menschen entschieden sich, den Austritt zu erklären. 

Das sind so viele Menschen wie noch nie, wie die am 28. Juni vorgelegten Zahlen der deutschen Bischofskonferenz belegen.

Zusammen mit den Sterbefällen wächst die Zahl sogar auf über 708.000 Menschen, so die offizielle Kirchenstatistik.

Zum Vergleich: Die Zahl der Taufen dagegen lag deutschlandweit bei 155.173 im gleichen Zeitraum, und die Zahl der Eintritte liegt bei gerade mal 1.447 Personen.

Der Negativrekord ist historisch, aber nicht der erste, wie ein Blick auf die Vorjahre zeigt. Im Jahr 2021 waren 359.338 Menschen ausgetreten — damals ein Rekordwert. Im Jahr 2020 waren es über 270.000 Austritte — damals noch ein Rekord, zwei Jahre später waren es rund doppelt so viele. 

Die Kirchenstatistik für das Jahr 2022 zeigt, dass Ende des Jahres noch knapp unter 21 Millionen Menschen in Deutschland offiziell katholisch waren. Bei einer Wohnbevölkerung von 84,4 Millionen ist das ein Anteil von 24,8 Prozent. 

Mehrere deutsche Bischöfe zeigten sich bestürzt angesichts des Negativ-Rekords.

"Die Zahlen sind erschreckend hoch", stellte Bischof Stefan Oster  fest. "Wir merken, dass es uns immer weniger gelingt, zu zeigen und vorzuleben, dass die Kirche — trotz allem — ein Ort ist, in dem der Lebenssinn zu finden und in dem das Heil wirklich da ist."

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Der Augsburger Bischof Bertram Meier sagte, dass die Kirche viel Vertrauen verspielt habe: "Unsere Aufgabe ist es, dies Vertrauen mit Geduld und Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen."

Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing von Limburg, erklärte auf der Webseite seiner Diözese, für ihn zeigten die “alarmierenden” Zahlen, dass der “Kulturwandel” weitergehen müsse, und die Beschlüsse des deutschen Synodalen Wegs weiter umgesetzt “und mit Leben gefüllt” werden.  

Prognosen noch negativer 

So katastrophal die Zahlen sind: Völlig überraschend ist die Statistik nicht. Wie CNA Deutsch bereits 2021 berichtete, erwägte jeder dritte Katholik in Deutschland den Austritt. 

Nicht der umstrittene Synodale Weg, der Gläubige skandalisiert und irritiert hat, ist notwendigerweise das wichtigste Motiv für einen Austritt — die kontroverse Veranstaltung war für einen Großteil der Katholiken einer Umfrage zufolge uninteressant

Was treibt die Menschen dann zum Austritt? Laut einer früheren Studie des Bistums Osnabrück geben vor allem ältere Menschen den Umgang der Kirche mit der Missbrauchskrise als Grund für den Austritt an. Bei jüngeren Menschen sei vor allem die Zahlung der Kirchensteuer der entscheidende Anlass, um der Kirche den Rücken zu kehren.

Bislang ist in einem verbindlichen Dekret der deutschen Bischofskonferenz festgelegt, dass ein Kirchenaustritt automatisch die Tatstrafe der Exkommunikation nach sich zieht. Diese Regelung ist nicht nur theologisch, sondern auch bei bei Kirchenrechtlern höchst umstritten.

Bis zum Jahr 2060 soll sich die Zahl der Kirchensteuer zahlenden Christen in Deutschland halbieren, laut einer 2019 vorgestellten Prognose eines Projekts von Wissenschaftlern der Universität Freiburg

Nicht alle Sakramente verzeichnet

Nachdem im Jahr 2021 die Coronavirus-Krise die Feier vieler Sakramente verhinderte, stiegen die Zahlen etwa beim Besuch der heiligen Messe leicht an, von 4,3 Prozent im Jahr 2021 auf 5,7 Prozent. 

Dabei kommt es regional zu großen Unterschieden: Gehen im Bistum Regensburg laut Statistik sonntags 9,6 Prozent der Katholiken in die Kirche, sind es in Diözesen wie Trier (3.8%) oder Aachen (3.9%) deutlich weniger. 

Nachdem besonders die Hochzeiten in der Pandemie verschoben wurden, stieg die Zahl der kirchlichen Trauungen im Jahr 2022 auf 35.467, von knapp über 20.000 im Jahr davor .  

Wie es um die Beichte bestellt ist, zeigen die Zahlen nicht: Das Sakrament wird von der Bischofskonferenz in der Statistik nicht aufgeführt.