"Menschen zu töten ist kein Mitleid" – Religionen gemeinsam gegen Beihilfe zum Suizid

Auch in Kanada wird die Einführung des assistierten Selbstmords diskutiert – Christen, Juden und Muslime gehen gemeinsam dagegen an

Der Südfriedhof in München im Oktober 2015.
CNA/Wimmer

Während sich Kanada in Richtung Legalisierung der Sterbehilfe bewegt, haben sich katholische Bischöfe, ein großes protestantisches Bündnis sowie jüdische und muslimische Führer zusammengeschlossen, um auf die Notwendigkeit hinzuweisen, Leidenden zu helfen, ohne sie zu töten.

„Auf Grundlage unserer jeweiligen Traditionen und Überzeugungen bestehen wir darauf, dass jede Handlung, durch die menschliches Leben beendet wird, moralisch und ethisch falsch ist. Gemeinsam sind wir entschlossen, dafür zu sorgen, dass menschliches Leiden auf jede denkbare Art gelindert wird, niemals aber dadurch, dass derjenige, der leidet, absichtlich eliminiert wird“, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme.

Die Erklärung zu Euthanasie und Beihilfe zum Selbstmord ist ein gemeinsames Dokument der kanadischen Bischofskonferenz und der Evangelischen Allianz in Kanada, einer Koalition von mehr als 40 assoziierten Konfessionen. Mehr als 30 weitere christliche Denominationen sowie 20 jüdische und muslimische Führer unterstützen die Erklärung, die am 29. Oktober veröffentlicht wurde.  

„Die moralische Stärke der Menschheit basiert auf Solidarität, Gemeinschaft und Kommunikation – insbesondere mit denen, die leiden“, heißt es in Erklärung weiter. „Persönliche Zuwendung und Palliativpflege und nicht assistierter Suizid können den Wert des Menschen am besten bewahren.“

„Wenn wir bereit sind, selbst unter den schwierigsten Umständen und trotz Unannehmlichkeiten füreinander zu sorgen und da zu sein, werden Menschenwürde und das grundsätzlich Gute der Gesellschaft am besten ausgedrückt und erhalten.“

Die Erklärung ist eine Antwort auf die einstimmige Entscheidung des Obersten Gerichtshof von Kanada, der beschlossen hat, dass Ärzte ihren Patienten mit schweren und unheilbaren Leiden bei der Selbsttötung helfen dürfen. Das Nationalparlament hat nun ein Jahr Zeit, eine gesetzliche Antwort auf dieses Urteil zu erarbeiten.

Dazu kündigten kanadische Behörden im Juli die Gründung eines dreiköpfigen Panels an, woraufhin Befürworter des assistierten Suizids beanstandeten, dass sich zwei Mitglieder hiervon gegen die Legalisierung von Sterbehilfe ausgesprochen hätten.

Nach kanadischem Recht wurden Beratung, Beihilfe und Mittäterschaft bei einem Selbstmord bisher  mit bis zu 14 Jahren Gefängnis bestraft.

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Als Reaktion auf die Gerichtsentscheidung bekräftigten die religiösen Führer in ihrer gemeinsamen Erklärung die „Heiligkeit allen menschlichen Lebens“ und betonten die Verpflichtung, für alle zu sorgen, die Schmerzen leiden.

„Euthanasie und Beihilfe zum Suizid gehen mit dem Leben von benachteiligten, kranken, behinderten oder sterbenden Menschen um, als wäre es weniger wert als das Leben anderer. Eine solche Botschaft achtet hingegen nicht die gleiche Würde unserer verwundbaren Brüder und Schwestern.“

Infolge der Gerichtsentscheidung sollten die Kanadier ihre persönlichen und gesellschaftlichen Reaktionen auf die, ,,die unser Mitgefühl und unsere Fürsorge brauchen“, reflektieren, heißt es im Dokument.

Darüber hinaus wird die Tendenz kritisiert, Menschenwürde emotional und subjektiv zu definieren.

„Wir verstehen unter der Würde des Menschen hauptsächlich den Wert des Lebens eines Menschen vor dem Schöpfer und innerhalb eines sozialen Netzwerks bestehend aus familiären und gesellschaftlichen Beziehungen.“

Die Unterzeichner wiesen darauf hin, dass einem Menschen in Würde leben und in Würde sterben zu helfen, bedeute, sicherzustellen, dass er mit Liebe und Fürsorge unterstützt würde; durch qualitative Schmerzkontrolle, durch psychologischen, geistlichen und emotionalen Beistand und durch verbesserte Palliativmedizin sowie Heimpflege.

Zudem wird in der Erklärung unterschieden zwischen der vorsätzlichen Tötung eines Menschen und einer Vorenthaltung beschwerlicher Behandlungen.

„Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Töten einer Person und ihn oder sie einen natürlichen Tod sterben zu lassen.“

Die religiösen Führer forderten außerdem von den Gesundheitssystemen einen „lebensbejahenden Ethos“.

„Medizinische Fachleute sind dazu ausgebildet, Leben zu erhalten und zu verbessern. Sie sind nicht darauf geschult und es wird nicht von ihnen erwartet, den Tod zu verabreichen“, schreiben sie und warnen davor, dass assistierter Suizid auch die Beziehung zwischen Ärzten und Patienten verzerre.