Emeritierter Tübinger Theologe hält Teile der Heiligen Schrift für „toxisch“ und „inhuman“

Bibel
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Ottmar Fuchs, der bis 2014 in Tübingen Praktische Theologie lehrte, hält Teile der Bibel für „toxisch“, weil sie „bereits im Text anderen Schlimmes antun“ und eine Gottesbegegnung inszenieren würden, die „in sich und für andere inhuman ist“.

In seinem Beitrag auf dem Portal feinschwarz.net zur angekündigten „Kritischen Hermeneutik der Heiligen Schrift“ – das Buch soll im Frühjahr erscheinen – begründet der emeritierte Theologe diese Zuspitzung mit Freiheit und Liebe als Maßstab und warnt vor der „Befolgung“ inhumaner Passagen.

Fuchs knüpfte seine „existentielle Auseinandersetzung mit der Bibel“ an eine jahrzehntelange Arbeit und kündigte an: „Es hat nun 22 Jahre gedauert, bis auf den ersten der zweite Band der Praktischen Bibelhermeneutik folgt.“

Aus der „praktischen“ sei dabei „eine kritische Hermeneutik der Bibel“ geworden, und er benannte die Leitfrage: „Dominante Quelle der Kritik ist die Frage nach der Freiheit.“ Inhaltlich motivierten ihn die „Perspektiven der Freiheit und der Liebe bzw. der Gnade und Gerechtigkeit im Gottesbild ebenso wie im zwischenmenschlichen Bereich“.

Dazu setzte er eine Grundformel: „Ohne Freiheit wird jede Liebe zur Klammerung.“ Religionskritisch verschärft er: „Die dicke Blutspur, die Religionen in der Geschichte bis heute hinter sich gelassen haben und neu verursachen, wurzelt immer in der gleichen Strategie, die Außenwelt zu verteufeln, weil den Anderen die Freiheit, nicht an Gott zu glauben, nicht in der Liebe Gottes selbst zugedacht wird.“

Religionen, so Fuchs, befeuerten „die Befeindungen unterschiedlicher Glaubens- und Kulturwelten“ und legitimierten sie „bis zum Äußersten, nämlich bis in den Willen Gottes hinein“.

Sein Gegenentwurf sei ein Gottesbild, das Liebe und Freiheit unauflöslich zusammendenkt: „Was Menschen aber immer fehlt, ist, geliebt zu werden ohne Freiheit zu verlieren, und Freiheit zu erfahren, ohne mit Liebesentzug bestraft zu werden.“ Diese Sehnsucht könne „nur mit diesem Inhalt ‚Gott‘ genannt werden“, und zugleich gelte: „Es ist tatsächlich nicht gleichgültig, an welchen Gott man glaubt.“

Fuchs forderte Glaubensgemeinschaften, die „in sich selbst die Kopernikanische Wende vollzogen haben“, und beschrieb einen Glauben, der „niemals mit Liebesentzug bestraft und deshalb seine Liebe mit unendlicher Freiheit verbindet“.

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Einen exklusiven Mehrwert des Christentums wies er zurück: „Der Mehrwert besteht auf keinen Fall im Mehrwert der Gnade, also des Geliebtwerdens von Gott her, sondern im diesseitigen Erleben dieser unendlich geschenkten Liebe und Freiheit, in der Möglichkeit, sie zu feiern, sich gegenseitig und anderen davon zu erzählen.“

Von dort aus wandte er sich gegen eine pauschal positive Bibelbehauptung, die er selbst früher vertreten habe. Er zitierte den damaligen Covertext: „Die Bibel bezeugt es: Gott liebt alle Menschen, und zwar voraussetzungslos.“ Diesen Satz kassierte er ausdrücklich: „Dies, dass die Bibel solche Liebe rundum bezeugte, kann man sicher nicht behaupten!“

Genau hier setzte seine schärfste Behauptung an: „Es geht mir dabei nicht nur darum, dass fast alle Bibelstellen in der Rezeption missbraucht werden können, sondern dass es biblische Passagen zuhauf gibt, die selbst ‚toxisch‘ sind, weil sie bereits im Text anderen Schlimmes antun und eine Gottesbegegnung inszenieren, die in sich und für andere inhuman ist, die also die anderen für die eigenen Zwecke missbraucht.“

Den entscheidenden Unterschied markierte er mit einem Warnsatz: „Sie nachzuahmen wäre dann nicht ein Missbrauch der Texte, sondern ihre Befolgung.“ Eine bloß pragmatische Ausweichstrategie lehnt er ab: Eine „‚großzügige‘ Nichtbeachtung der inhumanen biblischen Texte wäre zu wenig“, denn „sowohl in den Texten wie mit ihnen wird anderen Menschen Schaden zugefügt“.

Diese kritische Linie verbindet Fuchs mit pastoralem Interesse und einem innerkirchlichen Befund: „Menschen sind unglaublich erleichtert, wenn es gelingt, ihren Glauben an einen barmherzigen Gott zu stärken.“

Zugleich formulierte er, was seiner Ansicht nach tatsächlich entbehrlich sei: „Eine im Kern patriarchale Beziehung mit einem ‚Gott‘, der als, wenn auch nur subkutane, Bedrohung erfahren wird, darf dem Menschen wahrhaftig fehlen.“

Im Kern geht es Fuchs um eine theologische Entdrohung: Er geißelte als „schlimmste Häresie“, „wenn Erwachsene den Kindern sagen: Sei brav, sonst liebt dich der Liebe Gott nicht mehr.“ Dem setzt er die These entgegen: „Gottes unendliche Liebe ist zugleich unendliche Freiheit. Gott liebt die Menschen noch bevor sie Bedingungen erfüllt, bevor sie sich verändert haben. Und das gilt immer!“

Seine Hermeneutik verlangt daher eine Auswahlentscheidung im Inneren der Schrift: „Die heilsbegrenzenden Texte sind von den heilsentgrenzenden Texten her der Kritik auszusetzen“, und erstere seien „eben nicht zur Nachahmung, sondern zu unserem eigenen Erschrecken davor geschrieben, wie schlimm der Mensch sein und wie terroristisch sich Religion ausarten kann“.

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