Inzwischen auch in Deutschland selbstverständlich: Priester mit Migrationshintergrund

Luís Aquino
Martin Grünewald

Mittlerweile gehören sie zum kirchlichen Leben selbstverständlich dazu: katholische Priester mit Migrationshintergrund. Ihre Lebenswege sind vielfältig. Luís Aquino aus der Dominikanischen Republik kam durch den Weltjugendtag zum ersten Mal ins Erzbistum Köln, wo er jetzt als Priester tätig ist.

Wer mag schon aus einem Land wegziehen, das als begehrtes Urlaubsparadies gilt, weil dort das ganze Jahr über Sommer herrscht? Noch dazu, wenn gerade die berufliche Karriere steil nach oben zeigt? Luís Aquino hatte bereits im Alter von 22 Jahren sein Studium der Betriebswirtschaft abgeschlossen und einen attraktiven Arbeitsplatz bei einer Bank gefunden. Der Gedanke, Priester zu werden, war genauso weit entfernt von ihm, wie die Bundesrepublik Deutschland von seiner Heimat.

„Damals wollte ich viel Geld verdienen, deshalb habe ich Betriebswirtschaft studiert“, sagt er heute selbstkritisch. Er hatte alles, was er sich damals gewünscht hatte. Aber das stellte ihn nicht wirklich zufrieden. Sollte in der Befriedigung materieller Bedürfnisse wirklich der Sinn des Lebens zu finden sein?

Als ihn diese Gedanken bewegen, wird er zu einer kirchlichen Glaubensverkündigung durch den Neokatechumenalen Weg eingeladen. Dort hörte er, dass Gott ihn liebt, so wie er ist, und dass Gott einen großen Plan für sein Leben hat – jenseits von Geld und Karriere. Zu bieten hatte dieser Weg etwas ganz anderes – etwas, dem er bislang kaum Beachtung geschenkt hatte. „Es war ein größeres Ziel: das ewige Leben“, berichtet er heute.

Nach der totalen Fokussierung auf das Sichtbare und Irdische erreichte ihn nun eine Botschaft, die sein Leben von Innen her umkrempelte. „Jesus Christus hat mir den Sinn des Lebens zurückgegeben, und damit auch die Freude“, sagt Aquino heute. Und er zitiert Augustinus, jenen Kirchenlehrer, der im vierten Jahrhundert nach einem ausschweifenden Lebensstil zu dem Bekenntnis fand: „Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir“. Diese Entdeckung bilde seine Glaubenserfahrung, „die mich heute trägt“.

Er entscheidet sich zur Teilnahme am Weltjugendtag 2005 in Köln. Gemeinsam mit drei weiteren Teilnehmern aus der Dominikanischen Republik wird er in Wermelskirchen im Bergischen Land untergebracht. Die Liebe und Herzlichkeit, mit der sich die Gastgeber um die Gäste aus dem fernen Land kümmern, beeindruckt, ja berührt ihn tief. Es wird noch sieben lange Jahre dauern, bis er ins Priesterseminar eintreten wird. Aber die Begegnung in Wermelskirchen bildet für ihn ein Schlüsselerlebnis.

Im Jahr 2012 betet Aquino vor dem eucharistischen Herrn, ausgestellt in einer Monstranz, um die Führung seines weiteren Lebensweges. Er stellt sich und sein ganzes Leben Gott zur Verfügung – in der sicheren Überzeugung, dass er geführt wird. Unter mehreren hundert Bewerbern wird er ausgewählt und nach Deutschland entsandt, genauer ins Erzbistum Köln, in das Priesterseminar in Bonn-Endenich. Es ist einer von damals rund hundert möglichen Standorten. Heute gibt es weltweit 115 Priesterseminare dieser Art, die vom Neokatechumenalen Weg geführt werden.

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In Bonn lernt er die deutsche Sprache, absolviert das theologische Studium und wird zum Priester geweiht. Er hat den Wunsch, etwas von der Liebe wiederzugeben, die er damals in Wermelskirchen erlebt hat und die ihn nun selbst erfüllt.

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Nach der Priesterweihe folgt die Kaplanszeit. Wohin führt ihn nun der weitere Lebensweg? Ausgerechnet nach Wermelskirchen – dorthin, wo man ihn beim Weltjugendtag so herzlich aufgenommen hat. Dort, im Herzen des Bergischen Landes, ist seine erste Kaplanstelle. Als er von einem Journalisten gefragt wird, wie er den kulturellen Wechsel verarbeitet hat, antwortet er: „Ich bin ein glücklicher Priester!“

Was unterscheidet ihn von anderen? Nicht nur seine kulturelle Herkunft: „Ich möchte missionarisch sein!“ – Missionarisch? – „Natürlich unterscheidet sich heutiges missionarisches Wirken von der Epoche der Kolonialisierung. Evangelisieren bedeutet für mich heute, den Menschen und ihren konkreten Situationen nahe zu sein und sie zu begleiten.“

Wichtig sei nicht nur die Phase, in der die Sakramente gespendet würden, sondern gerade die anschließende Zeit, in der sich der Glaube bewähren müsse: „Begleitung benötigen die Ehepartner nicht nur zur Vorbereitung der Eheschließung, sondern gerade auch danach.“ Ebenso die Eltern der Erstkommunionkinder, wenn es schwierig werde, den Glauben an die Kinder weiterzugeben.

Was kann die Kirche in Deutschland aus anderen Horizonten der Weltkirche lernen? „Eine neue Art der Spiritualität“, ist sich Aquino sicher. „Eine neue Rückkopplung an die Person Jesu!“ Damit meine er keine Rückkehr zu alten Zeiten, im Gegenteil: „Wir brauchen eine zeitgerechte Verkündigung, aber eine existenzielle!“ Die verändernde Kraft einer solchen Spiritualität hat er selbst erlebt.

Sind Priester nicht eher Einzelkämpfer und fühlen sich auf verlorenem Posten? Diesen Eindruck bestätigt Luís Aquino überhaupt nicht. Natürlich gebe es im Alltag auch ein Auf und Ab. Aber Einsamkeit ist ihm fremd. Regelmäßig trifft er sich mit seinen früheren Studienkollegen im Priesterseminar. Dort beten sie nicht nur gemeinsam, sondern tauschen sich aus und haben Spaß in der Freizeit. „Ich verfüge über eine geistliche Gemeinschaft, die mich begleitet und trägt“, sagt er.

Und wie blickt er in die Zukunft? – „Ich lasse mich überraschen!“ Dann grinst oder lächelt er und fügt hinzu: „Was Gott für mich bereitet, ist besser als das, was ich mir selbst ausdenken kann!“