Vatikanstadt - Mittwoch, 14. Januar 2026, 9:00 Uhr.
In einem sehr deutlichen zweiseitigen Schreiben hat sich Kardinal Arthur Roche, der Präfekt des Dikasteriums für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, gegen die traditionelle Liturgie ausgesprochen. Stattdessen verteidigte er die nachkonziliare neue Form der Liturgie, die Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre von Papst Paul VI. eingeführt wurde.
„Der Gebrauch der liturgischen Bücher, deren Reform das Konzil angestrebt hatte, war von Johannes Paul II. bis Franziskus ein Zugeständnis, das keineswegs ihre Förderung vorsah“, behauptete Roche in dem Text, der auf Anweisung von Papst Leo XIV. als Diskussionsgrundlage für die Auseinandersetzung mit der Liturgie beim Konsistorium in der vergangenen Woche dienen sollte.
Letztlich kam es zu einer solchen Diskussion nicht, weil statt vier Themen nur zwei debattiert wurden. In einer Abstimmung entschieden sich die Kardinäle beim Konsistorium für die eher abstrakten Themen Synodalität und Evangelisierung, während die vor Ort mehr relevanten Themen Liturgie und Verhältnis zwischen Rom und den Teilkirchen ausgespart wurden.
Roche schrieb in seinem Text, der am Dienstag von der Vatikanistin Diane Montagna veröffentlicht wurde: „Papst Franziskus hat zwar gemäß Traditionis Custodes die Verwendung des Missale Romanum von 1962 gestattet, aber gleichzeitig den Weg zur Einheit in der Verwendung der liturgischen Bücher gewiesen, die von den heiligen Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. gemäß den Dekreten des Zweiten Vatikanischen Konzils promulgiert wurden – der einzige Ausdruck der lex orandi des römischen Ritus.“
Tatsächlich hatte schon Papst Paul VI., der die neue Liturgie selbst eingeführt hatte, erste Zugeständnisse an die überlieferte Liturgie gemacht, die im Kern auf die Zeit von Papst Gregor dem Großen zurückgeht, teilweise jedoch noch älter ist. Die nachfolgenden Päpste hatten dies ausgeweitet. Papst Benedikt XVI. gestattete allen Priestern, die traditionellen liturgischen Bücher zu benutzen. Dadurch entdeckten viele Geistliche, aber auch zahllose Gläubige, innerhalb regulärer pfarrlicher Strukturen die überlieferte Liturgie, mit der sie nicht aufgewachsen waren, und bereicherten so ihr eigenes geistliches Leben.
Papst Franziskus setzte dem ein Ende, als er in Zusammenarbeit mit Roche im Jahr 2021 das Motuproprio Traditionis custodes veröffentlichte, wodurch gerade auch in den USA viele blühende Gemeinden, in denen die klassische römische Liturgie beheimatet war, zerstört wurden.
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In seinem Dokument zum Konsistorium argumentierte Roche unter Verweis auf Papst Benedikt XVI.: „Da ‚Tradition nicht die Weitergabe von Dingen oder Worten, eine Sammlung toter Dinge‘ ist, sondern ‚der lebendige Fluss, der uns mit den Ursprüngen verbindet, der lebendige Fluss, in dem die Ursprünge immer gegenwärtig sind‘ (Benedikt XVI., Generalaudienz, 26. April 2006), können wir mit Sicherheit sagen, dass die vom Zweiten Vatikanischen Konzil gewünschte Liturgiereform nicht nur in voller Übereinstimmung mit der wahren Bedeutung der Tradition steht, sondern auch eine einzigartige Möglichkeit darstellt, sich in den Dienst der Tradition zu stellen, denn diese ist wie ein großer Fluss, der uns zu den Toren der Ewigkeit führt (ebenda).“
Die Erklärung, wie aus der Prämisse, also dem Zitat von Papst Benedikt, die Schlussfolgerung, die Liturgiereform stehe in voller Übereinstimmung mit der so definierten Tradition, logisch folgt, blieb Roche schuldig. Ohnehin hatte Benedikt die Situation der überlieferten Liturgie gänzlich anders bewertet als Roche und Franziskus.
„Die Liturgiereform wurde auf der Grundlage einer ‚genauen theologischen, historischen und pastoralen Untersuchung‘ (SC 23) ausgearbeitet“, argumentierte der Kardinal außerdem. Damit versuchte er auf Grundlage eines Zitats von vor der Liturgiereform – das Konzilsdokument Sacrosanctum Concilium ist von 1963 – zu beweisen, dass die Liturgiereform nach dem Konzil auch tatsächlich so ausgeführt wurde. Tatsächlich haben weitere Forschungen in der Zeit seit dem Konzil gezeigt, dass viele Annahmen von Liturgiewissenschaftlern der damaligen Zeit falsch waren.
Das Ziel der Reform „war es, die Teilnahme an der Feier des Ostergeheimnisses für eine Erneuerung der Kirche, des Volkes Gottes, des mystischen Leibes Christi (siehe LG Kapitel I–II), zu vervollständigen und die Gläubigen in der Einheit mit Gott und untereinander zu vervollkommnen (vgl. SC 48)“, so Roche weiter. Allein in Deutschland hat sich die „Teilnahme“ der Katholiken an sonntäglichen Gottesdiensten von mehr als 50 Prozent im Jahr 1950 und noch 46 Prozent im Jahr 1960 nach der Einführung der neuen Liturgie massiv reduziert – auf nur noch 6,6 Prozent im Jahr 2024. In absoluten Zahlen nahmen bis 1965 weit mehr als 11 Millionen Menschen an sonntäglichen Messfeiern teil. 2024 waren es 1,3 Millionen.
Auch in Ländern, in denen die Kirche tatsächlich wächst – etwa in Afrika –, hält dieses Wachstum nur Schritt mit dem allgemeinen Bevölkerungswachstum. Ein statistisch relevanter missionarischer Aufbruch, der sich in einem deutlich größer werdenden Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung niederschlagen würde, lässt sich generell nicht belegen.
Papst Leo hatte angekündigt, dass die beim Konsistorium in diesem Monat nicht behandelten Themen – die Liturgie und das Verhältnis von Rom zu den Ortskirchen – beim nächsten Konsistorium im Juni auf der Tagesordnung stehen. Selbst Kardinäle, die für Änderungen an der überlieferten kirchlichen Lehre eintreten – etwa Kardinal Jean-Claude Hollerich SJ von Luxemburg – haben sich für einen erleichterten Zugang zur klassischen römischen Liturgie ausgesprochen. Somit ist unklar, wie viele Kardinäle den radikalen Kurs von Roche tatsächlich teilen.





