Auf ein Wort mit den Kirchenvätern

Ein Sammelband fasst fiktive, jedoch erstaunlich aktuelle Interviews mit Kirchenvätern zusammen

Der heilige Augustinus: Ausschnitt des Gemäldes von Philippe de Champaigne
Wikimedia (CC0)

Wer sich einmal länger mit der Alten Kirchengeschichte beschäftigt, wird feststellen, wie viele Parallelen es zwischen der antiken Kirche und jener unserer Tage gibt: Heute, da wir die Konstantinische Wende fast schon rückwärts erleben, stellt sich ebenso wie damals die Frage, wie wir als häufig zu einer Minderheit geratenen Christen in der Welt und mit der Welt leben sollen.

Das Verhältnis von Staat und Religion wandelt sich. Die Kirche selbst wird von der Frage zerrieben, ob sie sich der Moderne einfach nur anpassen oder gerade jetzt ihr ureigenstes Glaubensgut bewahren und gleichsam wie Athanasius gegen den Mainstream verkünden müsse. Auch die Frage, ob die Kirche nun vor allem Caritas oder Askese, Aktion oder Kontemplation sein müsse oder letztlich nicht doch alles umfasst, scheint von einer Zeitlosigkeit bestimmt, die Vätertexte heute wieder hochgradig aktuell werden lässt.

Nur zu gerne würde man zu einigen praktischen und theologischen Fragen einmal wissen wollen, was Clemens, Cyrill und Chrysostomus, Hilarius und Irenäus wohl dazu gesagt hätten. Der kürzlich im Fe-Medienverlag erschienene, von Regina Einig herausgegebene Sammelband "…und ich lechzte nach der unsterblichen Weisheit. Exklusive Gespräche mit Kirchenvätern" lässt 16 prominente Kirchenväter zu Wort kommen, die in Interviews namhaften Autoren wie Philippe Kardinal Barbarin, Michael Fiedrowicz, Bischof Franz Jung, Marianne Schlosser, Andreas Wollbold und vielen mehr Rede und Antwort stehen.

Die Publikation geht auf eine im vergangenen Jahr erschienene Reihe in der Katholischen Wochenzeitung "Die Tagespost" zurück, in der sich die Kirchenväter auch zu aktuellen Themen äußern durften. Die sie befragenden Autoren bewegen sich dabei nah an Originaltexten, greifen auf überlieferte Zitate zurück und versuchen den Anfragen des 21. Jahrhunderts zu begegnen, ohne dabei das theologisch-geistliche Erbe der Interviewpartner zu vereinseitigen.

So äußerst etwa Maximus Confessor seine Sorgen hinsichtlich einer politischen Instrumentalisierung des Glaubens und beklagt die Indifferenz gegenüber bedeutsamen theologischen Fragen, die im Sinne einer wie auch immer gearteten Einheit verdrängt werden:

"Die Sünde meiner Zeit war es darum, im Glauben alles nicht mehr so genau nehmen zu wollen. An einem Punkt kam dem Kaiser etwa die glorreiche Idee, einfach ein allgemeines Schweigen über die Person Christi zu verhängen."

Dass es der Kirche nicht nur um die Stabilisierung gesellschaftlicher Verhältnisse gehen kann, sondern ihr Bekennermut weit mehr erfordert, fordert auch Caesarius von Arles, wobei Ambrosius von Mailand und Gregor von Nazianz ihm beipflichten. Papst Gregor der Große mahnt dazu, die Kirche weniger als Institution und wieder mehr als Leib Christi, Tempel und Stadt Gottes, Weinberg usw. anzusehen und kritisiert, dass "Ordinariate und Generalvikariate zum Tummelplatz hochbezahlter Systemtheoretiker geworden sind, die mit komplizierten Organigrammen Steuerungsprozesse […] und alle möglichen Pastoralpläne erstellen", während die Krise der Kirche einfach schöngeredet werde.

Die Kritik dieser Verkürzungen verbindet ihn mit seinem heute amtierenden Nachfolger Papst Franziskus, der in seinem Brief an Kardinal Marx "Soziologismen und Psychologismen" als wenig hilfreich anprangerte und vielmehr zu einer Erneuerung aus dem österlichen Glauben auffordert. Einen Beitrag zur geistlichen Erneuerung leisten freilich auch die Kirchenväter: "Geh nicht nach außen, zu dir selbst kehre zurück; im inneren Menschen wohnt die Wahrheit", rät etwa Augustinus.

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Daneben raten Basilius und Hieronymus zu strenger Askese, während Benedikt von Nursia vor allem jungen Christen Mut machen will:

"Wage Entscheidung und Bindung, bleibe treu auf dem eingeschlagenen Weg. Wer im christlichen Leben und im Glauben voranschreitet, dem wird das Herz weit, und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Weisungen Gottes."

Trost und Hoffnung verbindet Ephraim der Syrer: "Einzig das Kreuz ist die Brücke, auf der unsere Seelen sicher hinüberwandern ins Paradies."

Zwischen geistlicher Erneuerung und Kirchenpolitik, Bekennermut und seelsorglichem Eifer ist es den Autoren gelungen, dem Leser des kleinen Sammelbandes nicht nur einen kleinen Eindruck von den Zielen und Beweggründen der einzelnen Kirchenväter zu vermitteln, sondern ihm auch anregende und ermutigende Worte mitzugeben. Mit der Veröffentlichung folgt die Herausgeberin der Fährte des Caesarius von Arles, der bereits im 6. Jahrhundert Kompendien von Väterhomilien zusammenstellte – "um meinen Seelsorgern dogmatisch verlässliche und geistlich tiefgehende Predigten an die Hand zu geben". 

Regina Einig (Hrsg.): "... und ich lechzte nach der unsterblichen Weisheit". Exklusive Gespräche mit Kirchenvätern, Fe-Medienverlag 2021, 120 Seiten, 8,95 Euro.

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