Analyse: Der Kirche in Deutschland droht nach Corona ein Verteilungskampf

Die Kirchensteuer ist ein Hauptgrund für Kirchenaustritte – und gleichzeitig die Einnahmequelle, mit der Bistümer ihre Millionenbudgets am Laufen halten.

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Foto: Jason Leung / Unsplash (CC0)

Es ist ein Teufelskreis: Die Kirchensteuer ist ein Hauptgrund für die wachsende Zahl der Kirchenaustritte – und gleichzeitig die Einnahmequelle, mit der die Kirche in Deutschland ihre Millionenbudgets finanziert.

Nun hat mit den Einnahme-Einbrüchen der Coronaviruskrise dieser Teufelskreis gefährlich an Fahrt aufgenommen.

Der Kirche in Deutschland droht ein Verteilungskampf, dessen Ausmaß und Konsequenzen noch kaum absehbar sind.

Wie stark wird der Einbruch an Kirchensteuer-Einnahmen für die deutschen Diözesen sein? Und welche weiteren Konsequenzen bringt die Pandemie für die Kirche, die (zusammen mit den Geschwistern der lutherischen EKD) als zweitgrößter Arbeitgeber in Deutschand gilt? 

Kommt eine "Kirchensteuer 2.0"?


Diese Frage stellen sich nicht nur Bischöfe vor dem Hintergrund neuer Brandmeldungen wie der von einem Minus in "zweistelliger Millionenhöhe" im Bistum Würzburg: Dessen Finanzdirektor kündigte am gestrigen Donnerstag gegenüber dem Bayerischen Rundfunk "weitere Sparmaßnahmen" an. Bischof Franz Jung spricht von "dramatischen" Steuerausfällen.

Würzburg ist kein Einzelfall. Alle Bistümer sind betroffen, und auch die Verantwortlichen der zahlreichen Gremien, Institutionen und Strukturen, die dank der Kirchensteuer möglich sind, zerbrechen sich zum Teil öffentlich die Köpfe, wie es nun weiter geht.

Allein mit finanziellen Sparmaßnahmen, etwa Haushaltssperren und Einstellungsstopps, ist nach Einschätzung der meisten Beobachter diese Krise langfristig nicht lösbar.

Auch eine "Kirchensteuer 2.0", in welcher Form auch immer, macht nur Sinn, wenn wachsende Austrittszahlen und eine Debatte über zunehmende gesellschaftliche Irrelevanz der Kirche zu konkreten, mutigen Konesequenzen führen.

Zauderei ist angesichts der Prognosen, dass bis 2060 die Zahl der Katholiken im Land um die Hälfte reduziert wird, fehl am Platz. Nicht erst heute steht die Kirche vor einer monumentalen wie grundsätzlichen Herausforderung in der Bundesrepublik: Reicht Reduzierung, oder muss nicht die Reissleine gezogen werden und ein "Pivot"  gelingen, ein Befreiungsschlag hin zu einer schlanken, auf das Kerngeschäft reduzierten Kirche? 

Dazu gehört auch auch und gerade das Verhältnis zum Staat dringend auf den Prüfstand.

Konzentration auf das absolut Wesentliche – wie es etwa ein Erfolgsmodell aus Indien tut – werden sich viele Bischöfe in Deutschland vorerst nicht leisten können, beziehungsweise leisten wollen.

Über das völlig schiefe Bild von "Häuptlingen ohne Indianer" wird gerne in unter Seelsorgern vor Ort geschmunzelt. 

Wer aber will – wer kann – die Verwaltungsapparate abbauen, die über Jahrzehnte gewachsen sind, während die Zahl der Gläubigen und die Relevanz der Kirche dramatisch schrumpfte? Was also tun?

Weniger Personal in Bistümern?


Neben der entscheidenden Frage, wie Strukturen, die Kritikern zufolge vor allem sich selbst verwalten, den "Pivot" hin zu einer missionarischen Kirche schaffen werden, stellen sich nüchtern ein paar ganz pragmatische.  

Thomas Sternberg, Präsident des "Zentralkomitees der deutschen Katholiken", erklärte gegenüber der "Katholischen Akademie" der Diözese Dresden-Meißen, die Einbrüche führten "natürlich" zu einer Verteilungsdiskussion. 

Die größten Einsparpotenziale sieht er freilich nicht beim ZdK, sondern den Diözesen, genauer: Den – im internationalen Vergleich tatsächlich großen – Verwaltungsapparaten der deutschen Bistümer. Diese betreiben zudem eine Reihe von zentralen Einrichtungen, die Sternberg als erstes von Sparmaßnahmen betroffen sieht.

Ob und wie auch das Zentralkomitee sparen wird, das von der deutschen Bischofskonferenz – und somit der Kirchensteuer – finanziell getragen wird, sagte der Spitzenfunktionär nicht. Aber: Die Kirchensteuer sollte auf jeden Fall mehr direkt an Pfarreien gehen, statt in den Verwaltung zu landen, so Sternberg.

Zudem rechnet der CDU-Politiker, der auch den vom Vatikan kritisch beobachteten "Synodalen Prozess" mitverantwortet, nach eigenen Angaben mit weiteren Kirchenaustritten im Zug der Coronaviruskrise. 

Einen neuen Rekord an Austritten verbuchte indessen bereits vergangenes Jahr das Erzbistum München und Freising: Erstmals traten allein in München über 10.000 Katholiken aus der Kirche aus. Laut einer Umfrage des Bayerischen Rundfunks ist es vor allem die umstrittene Kirchensteuer, die Menschen in Bayern zum Austritt bewegt.

Noch sind mutige Vorschläge wie der von Bischof Hanke ohne Reaktion geblieben. Beim "Synodalen Weg" spielt das Thema auch offiziell keine Rolle. Kann sich die Kirche das leisten? Fest steht: Je schneller sich die Bischöfe offen einer redlichen Diskussion über diese schmerzhafte Realität stellen, desto besser. Dazu gehört freilich auch die Frage, ob und wie der - emotional und ideologisch aufgeladene - "Synodale Weg" dabei überhaupt helfen kann. Von einer "Kirchensteuer 2.0" ganz zu schweigen.

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