Analyse: Wie sich die Regierung des Staates Vatikanstadt unter Papst Franziskus verändert

Raffaella Petrini bei einem Treffen mit Papst Franziskus
Foto: Vatican Media

Die jüngste Ernennung neuer Führungskräfte im Staat Vatikanstadt zeigt die Entschlossenheit von Papst Franziskus, einige Machtkreise zu durchbrechen, aber gleichzeitig die schwer geprüften Finanzen des kleinsten Staates der Welt zu bewahren.

Am 4. November wählte der Papst überraschend die Franziskanerin Schwester Raffaella Petrini zur Generalsekretärin des vatikanischen Verwaltung, dem "Governatorat". Außerdem ernannte er zum ersten Mal einen stellvertretenden Sekretär, Giuseppe Puglisi-Alibrandi.

Die Wahl von Petrini ist ein Zeichen. Papst Franziskus hat eine Person außerhalb der Dynamik dieser Strukturen auserkoren, um einen durch die Pandemie belasteten Staatsapparat zu verwalten.

Der Haushalt der Verwaltung des Staates Vatikanstadt ist seit 2016 nicht mehr veröffentlicht worden. Die Verwaltung der Finanzen bleibt ein Rätsel. Es wurde auch von der Notwendigkeit gesprochen, die Konten in Ordnung zu bringen und zu rationalisieren.

Mit der Wahl von Petrini zeigt Papst Franziskus den Willen, wieder einmal zu reformieren und dabei mit persönlichen Beziehungen zu arbeiten.

Das hat er auch mit der Verwaltung des Staatssekretariats des Vatikans getan. Nach 12 Jahren unter der Leitung von Msgr. Alberto Perlasca berief Papst Franziskus den Litauer Msgr. Rolandas Makrickas, der vor kurzem ins Staatssekretariat gekommen war, nachdem er an der Nuntiatur in Washington, D.C., gearbeitet hatte.

Auch andere Entscheidungen im vatikanischen Finanzsektor gingen in diese Richtung: von der Ernennung Fabio Gasperinis zum Sekretär der Verwaltung des Vermögens des Apostolischen Stuhls (APSA) bis zur Ernennung von Maximino Caballero Ledo zum Sekretär des Wirtschaftssekretariats. In beiden Fällen wählte der Papst nicht Kleriker, sondern Laien mit beträchtlicher Erfahrung außerhalb des Vatikans aus, um kritische Fragen im Zusammenhang mit der Finanzreform anzugehen.

Die Ernennung von Petrini passt in diesen Zusammenhang. Die Entscheidung des Papstes wurde jedoch von anderen auch so interpretiert, dass Frauen mehr Führungsaufgaben übertragen werden.

Diese Vorgehensweise hat sich in einer Reihe von Ernennungen katholischer Ordensfrauen in Führungspositionen niedergeschlagen, darunter die von Sr. Nathalie Becquart als Untersekretärin der Bischofssynode, Sr. Alessandra Smerilli als Interimssekretärin des Dikasteriums zur Förderung der ganzheitlichen Entwicklung der Menschheit  -- sowie der Kunstexpertin Barbara Jatta als Direktorin der Vatikanischen Museen.

Petrinis Ernennung sollte jedoch nicht nur in diesem Licht gesehen werden. Sie ist in der Tat eine Frau in einem Amt, das bisher ein Erzbischof ausübte. Aber es stimmt auch, dass das Gouverneursamt keine so ausgeprägte Tradition hat: Der erste Gouverneur war ein Laie namens Camillo Serafini, ein italienischer Adliger, der von der Gründung des Staates Vatikanstadt im Jahr 1929 bis zu seinem Tod im Jahr 1953 im Amt blieb.

Das Amt des Gouverneurs blieb bis zum Jahr 2000 unbesetzt, als Johannes Paul II. die Päpstliche Kommission für den Staat Vatikanstadt einsetzte und dem Präsidenten die Aufgaben übertrug, die zuvor dem Gouverneur oblagen.

Der Präsident war immer ein Kardinal und der Sekretär folglich ein Erzbischof. Aber nichts hinderte den Sekretär daran, ein Laie oder ein Mitglied eines religiösen Ordens zu sein.

Interessant ist vor allem festzustellen, dass der Sekretär nun erstmals von einem stellvertretenden Sekretär unterstützt wird.

Bis zu seiner neuen Ernennung war Puglisi-Alibrandi als erster Berater des juristischen Dienstes des Apparats tätig, der den Staat Vatikanstadt verwaltet. In dieser Funktion arbeitete er eng mit Bischof Fernando Vérgez Alzaga, dem damaligen Sekretär des Gouverneursamtes, zusammen. Vérgez, inzwischen Erzbischof, wurde im September zum Präsidenten der Verwaltung des Staates Vatikanstadt ernannt.

Die Ernennung Petrinis dient dazu, alte Netzwerke zu durchbrechen und dem Gouvernement einen neuen Modus Operandi zu geben. Auf Neudeutsch: Es geht um Change Management. Die Ernennung von Puglisi-Alibrandi zielt jedoch auch gerade darauf ab, die Kontinuität in der Verwaltung zu gewährleisten.

Das Gouverneursamt ist mit zwei Hauptproblemen konfrontiert. Das erste ist das Finanzmanagement, denn das Gouvernement ist – dank der Vatikanischen Museen – die einzige Einrichtung des Vatikans, die beträchtliche Gewinne erzielt. Der Haushalt des Gouvernements wurde im Allgemeinen dazu verwendet, den so genannten "Missionshaushalt" der römischen Kurie abzuschreiben, der keine Gewinne abwirft.

Der Haushalt des Gouvernements wird seit Jahren nicht veröffentlicht, obwohl beabsichtigt ist, einen konsolidierten Haushalt zu erstellen, der alle vatikanischen Einrichtungen umfasst.

Fabio Gasperini, der als Berater bei Ernst & Young tätig war, schlug ebenfalls ein unabhängiges Buchhaltungsmodell für das Gouvernement vor. Die Verwaltung beschloss jedoch, die Erstellung der internen Finanzberichte in ihren Händen zu behalten und entwickelte ad hoc ein Computerprogramm namens "Project One".

Nun aber ist Gasperini die Nummer zwei bei der APSA, der Schatzkammer des Heiligen Stuhls, und damit betraut, die Verwaltung zu rationalisieren und die APSA zunehmend zur "Zentralbank" des Vatikans zu machen. Bei dieser Arbeit wird er von Puglisi-Alibrandi unterstützt. 

Das zweite Thema ist die Mitarbeiterversicherung. So wie in Deutschland, wo die Bistümer vor der Frage stehen, wie sie tausenden Mitarbeitern den Ruhestand finanzieren und gleichzeitig die einstürzenden Einnahmen ausgleichen können, muss der Vatikan für die Zukunft planen. 

Dazu gehört auch das Szenario, dass einmal die Geldströme aus Deutschland geringer werden oder gar versiegen könnten.

Unter den Laienmitgliedern des vatikanischen Wirtschaftsrates befindet sich Alberto Minali, der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Unternehmens Cattolica, der zuvor bei Generali, einem großen italienischen Versicherungsunternehmen, tätig war. Minali gilt als mögliche Brücke zwischen Cattolica und Generali.

Das Gouvernement hat einen Versicherungsvertrag für seine Angestellten mit Cattolica abgeschlossen, das mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat. Cattolica hat mit Hilfe von Generali eine Rekapitalisierung finanziert. Der Vatikan hat diese Rekapitalisierung aufmerksam verfolgt, da Cattolica alle Policen der Gouvernemente verwaltet.

Innerhalb von Cattolica gibt es eine von Piero Fusco gegründete Geschäftseinheit für religiöse Einrichtungen, die als Bindeglied zwischen dem Vatikan und der Versicherung fungiert und eng mit Puglisi-Alibrandi verbunden ist, die die Policen über das Rechtsbüro verwaltet.

Puglisi-Alibrandi, der Vérgez nahesteht, soll die Finanzen des Gouvernements auf eine neue Art und Weise darstellen, so dass sie in die konsolidierte Bilanz der Kurie einfließen. Er soll auch ein Auge auf die Vatikanischen Museen haben, die von der Coronavirus-Krise betroffen sind und sich nun in der schwierigen Situation befinden, die Klagen der Mitarbeiter verwalten zu müssen.

Puglisi-Alibrandi wird dies jedoch nicht in völliger Autonomie tun können. Er wird mit Petrini zusammenarbeiten und eingehende Erklärungen abgeben müssen. Auf diese Weise hat Papst Franziskus eine Art externe Kontrolle bei der Bewältigung potenziell heikler Situationen gewährleistet.

Schließlich hat sich der Papst mit diesen Entscheidungen von seiner bisherigen Finanzreform verabschiedet: Wenn Franziskus mit Problemen konfrontiert wird, wechselt er zunächst die Personen aus, versucht, enge Freundschaftskreise zu durchbrechen, indem er Leute von außen holt, und bedient sich vor allem der Personen, denen er vertraut oder von denen er sicher ist, dass er sich auf sie verlassen kann. All diese Personalpolitik kommt vor etwaigen strukturellen Reformen. Und das ist es, was jetzt mit dem Governatorat des Zwergstaates geschieht.

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Übersetzt, ergänzt und redigiert aus dem Original der CNA Deutsch-Schwesteragentur.