Der Glaube siegt: Die Wiener Pestsäule als Ort der Hoffnung

Kerzen, Zeichnungen und Nachrichten an der Pestsäule in Wien
Foto: Joanna Łukaszuk-Ritter

In der schwierigen Zeit der Coronavirus-Epidemie erinnern sich die Wiener an eines der wichtigsten Denkmäler der Hauptstadt – die Pestsäule. Die Dreifaltigkeitssäule ruft dramatische Ereignisse in der Geschichte der Stadt in Erinnerung.

Dieses imposante Denkmal der Barockkunst, umgeben von eleganten Gebäuden und exklusiven Geschäften, befindet sich am Graben, der Flanierstraße im Zentrum der Wiener Altstadt, und ist in die Landschaft der von Leben pulsierenden Stadt so hineingewachsen, dass es von ihren Bewohnern fast unbemerkt schien. Die Virus-Epidemie, die sich seit mehreren Wochen mit unglaublicher Geschwindigkeit verbreitet, hat jedoch die Welt und das Denken der Menschen stark verändert. Angesichts der Gefahr wird nach Hoffnung und Beistand gesucht, weshalb besorgte Wiener zur Dreifaltigkeitssäule kommen, um offen ihre Besorgnise über die aktuelle Situation auszudrücken und Trost zu finden.

So begann die Pilgerreise zur Pestsäule: Seit zwei Wochen halten hier viele Personen inne, selbstverständlich den vorgeschriebenen Abstand respektierend, um für das baldige Ende der Pandemie zu beten. Rund um die Säule werden Kerzen angezündet. Auf dem Sockel, zwischen den Kerzen, werden Heiligenbilder, Stoßgebete und Blumen hingelegt. Auf der Balustrade hängen berührende Kinderzeichnungen. "Rette uns vor dem Coronavirus", "Bitte, lieber Gott, hilf mir!", "Lieber Gott, bitte schütze meine Liebsten vor dem Coronavirus" – lesen wir auf den bunten Bildern. "Hoffentlich hilft das ..." – hört man immer wieder von bewegten Wienern an der Pestsäule.

Hinter der Balustrade hingegen, am Fuße des Sockels, befindet sich eine ausdrucksvolle Szene: "Der Glaube gewinnt über die Pest." Sie zeigt eine Allegorie des Glaubens als kreuztragende Frauengestalt, die mit Hilfe eines Engels, der eine Fackel in der Hand hält, die Pest in den Abgrund stürzt. Darüber findet sich eine Gebetsszene mit der knienden Figur des Kaisers Leopold I., der für das glückliche Ende der vom "Schwarzen Tod" verursachten Epidemie dankt.

Dir, der heiligsten und unteilbaren Dreifaltigkeit: Ich Leopold, dein demütiger Diener, ich danke dir, so sehr ich nur kann, dafür, dass im Jahr 1679 durch deine höchste Güte die unheilvolle Pestseuche von dieser Stadt und dem Land Österreich abgewendet wurde: und als ständiges Zeichen der gebührenden Dankbarkeit widme ich dir untertänigst dieses Denkmal.

Nimm an, gütigster Gott, die Gelübde deines Dieners, der dich demütig anbetet: Und mich, meine Gattin, meine Kinder und mein Haus, meine Völker und Heere, Reiche und Provinzen: Lenke, bewache, verteidige im immerwährenden Schutz deiner Barmherzigkeit! So habe ich gelobt im Jahre [1679] des Herrn, unseres Erlösers Jesu Christi.

Dir, dem unsterblichen König der Zeiten, einer im Wesen und drei in der Person, dem Gott: dem unendlich Guten, dem Ewigen und Unermesslichen, für dessen rechte Hand alles möglich ist, dessen Weisheit nichts verborgen bleibt, dessen Vorsehung in ihren Anordnungen nicht irrt, durch dessen Erhabenheit das Universum erfüllt wird, dessen Barmherzigkeit über allem Handeln ist.

So die Inschriften auf der Nord-, Ost- und Südseite der Dreifaltigkeitssäule.

Die Pestsäule erinnert an die Pestepidemie des 17. Jahrhunderts – die schwerste der frühen Neuzeit in Wien. Innerhalb weniger Monate forderte die Pest etwa 80.000 Opfer. Das Denkmal zu Ehren der Heiligen Dreifaltigkeit wurde von Kaiser Leopold I. als Dankesvotum an Gott für die Beendigung der Pest gestiftet, die im Herbst 1679 zu Ende ging. Im selben Jahr wurde eine Holzsäule mit neun Engeln an der Basis und der Heiligen Dreifaltigkeit an der Spitze des Hofbildhauers Josef Frühwirth geschaffen. Acht Jahre später, am 30. Juni 1687, wurde der Grundstein für die bis heute bestehende Gnadensäule gelegt. Während des Dreifaltigkeitsfestes 1693 wurde ein neues, 18 Meter hohes Marmordenkmal mit aussagekräftiger Symbolik eingeweiht. Viele herausragende Barockkünstler (darunter Johann Bernhard Fischer von Erlach, Paul Strudel, Lodovico Ottavio Burnacini und Matthias Rauchmiller) haben daran gearbeitet. Das ikonografische Konzept stammt von Franciscus Menegatti, einem Jesuitenpriester, dem späteren Beichtvater Kaiser Leopolds I.

Angesicht der gegenwärtigen Pandemie, die bereits die ganze Welt ergriffen hat, kehren die Wiener zum barocken Wahrzeichen der Stadt, zu ihrer Pestsäule, zurück, die die hoffnungsvolle Botschaft vermittelt: "Der Glaube wird die Pest überwinden".

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