Der Papst im Baltikum: Begegnung mit den Jugendlichen und Besuch im Ghetto von Vilnius

Die Kirche des heiligen Bernhardin in Vilnius, in der sich die Jugendlichen treffen
Foto: Andrea Gagliarducci / CNA
Facebook Twitter Google+ Pinterest Addthis

Die politische Brisanz und Bedeutung des Besuchs von Papst Franziskus im Baltikum zeigt ein kleines, aber feines Detail: Das "Museum der Opfer des Völkermords" in Litauen erscheint mit seinem offiziellen Namen "Museum der Besatzung und der Freiheitskämpfe" im offiziellen Programm.

Neu ist zudem ein Gebetsmoment beim Denkmal für die Opfer des jüdischen Ghettos im neuen Reiseprogramm, dass der Vatikan am 5. September veröffentlichte, wie CNA Deutsch berichtete.

Die kleine Änderung im Programm ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass in Litauen das sogenannte "Museum der Opfer des Völkermords" das Wort Völkermord auf die stalinistischen Säuberungen bezieht, bei denen 20.000 Menschen getötet wurden, sowie auf die kommunistische Herrschaft der Sowjetzeit.

Das Museum ist in einem ehemaligen Gebäude des KGB untergebracht, in dem auch der selige Theofilius Matulionis inhaftiert gewesen war.

Gleichzeitig gab es in Vilnius aber auch eine blühende jüdische Gemeinde, die in einem großen Viertel zusammengeschlossen war und vom Vernichtungsfeldzug der Nazis und ihren Verbündeten betroffen war. Somit war der Begriff "Genozid" umstritten; es müssten dabei auch die Anschuldigungen der antisemitischen Beihilfe während des Holocausts in Betracht gezogen werden, die ab und zu gegen das lituanische Volk erhoben wurden, so Kritiker.

So oder so: Die Programmänderung zeigt, wie sehr die Wunden der Geschichte in den baltischen Ländern noch schmerzhaft brennen und dass es notwendig ist, in die Zukunft zu blicken.

Die Hoffnung der baltischen Nationen sind die jungen Menschen. Und es ist kein Zufall, dass die Reise von Papst Franziskus gerade mit der Begegenung mit den Jugendlichen auf dem Platz vor der Kathedrale in Vilnius beginnt. So soll der Puls der Gesellschaft der Zukunft gefühlt werden.

Jugendliche aus dem gesamten ehemaligen Livland werden präsent sein: Sie kommen mit Bussen aus Weißrussland, aber auch aus Polen - alles Gebiete, die ein Stück Geschichte mit Litauen teilen. Und dann natürlich Letten und Esten, die schon sehnsüchtig darauf warten, den Papst in diesen drei Tagen zu treffen.

Kristina Zaldokaite, Mitglied der Kommission für die Papstreise nach Litauen, betont, dass "die jungen Menschen insgesamt fünf Stunden lang auf dem Platz sein werden. Es wird ein umfangreiches Programm geben, bevor der Papst ankommt, ein fröhliches und kreatives Programm, junge Leute werden zusammen tanzen, beten und singen und an vielen verschiedenen Aktivitäten teilnehmen."

Zwischen 15.000 und 20.000 Menschen werden zum Treffen auf dem Vorplatz der Kathedrale erwartet. Das Wort, das man am häufigsten hört ist "Hoffnung". Pater Gabrielius Satkauskas, ein neugeweihter Priester der Erzdiözese Vilnius, wünscht sich, dass der Besuch des Papstes mehr Hoffnung bringe und den Glauben der Bevölkerung an Jesus Christus erneuere.

Don Wodzislaw Szcepanik, der für die Jugendpastoral in Tallinn zuständig ist, hofft seinerseits, dass der Besuch "bedeutsame Auswirkungen habe, da er eine ausgezeichnete Gelegenheit bietet, den junge Menschen mehr über den Papst und über die Rolle der Kirche beizubringen."

Und er fügt hinzu: "Ich habe von einigen Jugendlichen gehört, dass ihr Traum ist, den Papst zu treffen und die Möglichkeit zu bekommen, ihm nahe zu sein. Ein Junge hat mir gesagt, dass es sein Traum sei, bei der heiligen Messe mit dem Papst zu ministrieren."
Auch Toma Bruzaite, eine junge Frau, die Mitglied der Catholic Voices Lithuania ist, glaubt, dass dieser Besuch "eine Inspiration und eine Ermutigung" sein wird. Und die Ermutigung ist jene, mit lauter Stimme zu sprechen, weil "der Katholizismus in der Öffentlichkeit oft nicht ausgedrückt wird – so als würde man sich fast schämen, zu sagen, dass man Katholik ist. Die Katholiken reden nicht in der Öffentlichkeit. Vielleicht aufgrund des sowjetischen Regimes. In dieser Zeit haben wir uns abgewöhnt, über den Glauben zu sprechen und unsere Meinung zu äußern" fügt sie hinzu.

Aber "es ist auch ein Problem der Säkularisierung, der man nichts entgegensetzen kann", weil wir "nicht auf dem Boden unserer Wurzeln erzogen worden sind; wir wissen nicht, wie wir uns ihrer bewusst sein sollen."

Sicherlich gibt es ein stärkeres Bewusstsein in vielen Jugendlichen, die sich am Abend in der Kirche des heiligen Bernhardin in Vilnius treffen. Das ist eine livländische gotische Kirche, oder besser eine Kirche mit roten Backsteinen auf gotischem Grundriss. 
Dort kann man eine geistliche Erfahrung machen, es gibt eine Art gestaltete Anbetung, und alle Jugendlichen kommen mit Enthusiasmus.

Maria ist 15 Jahre alt und besitzt den Enthusiasmus derer, die plötzlich Jesus entdecken. "Ich war ganz anders als ich es jetzt bin. Ich habe eine dunkle Zeit in meinem Leben durchgemacht und dann hat man mich zu einem dieser Gebetstreffen eingeladen. Ich war hingerissen. Ich habe mein Leben geändert. Alles, was ich jetzt will, ist Jesus lieben." Als junges Paar geht sie mittlerweile dort gemeinsam mit ihrem Mann einen Glaubensweg: "Er hat eine charismatische Erfahrung dieser Art gesucht" erzählt sie. "Dann hat er mich verlassen; er dachte, Priester werden zu wollen. Dann hat er eine andere Berufung entdeckt. Er reißt mich mit, er bringt mich zum Gebet."

Die Jugendlichen suchen - wie überall - eine echte, starke Identität. Genau diese Identität wollen die baltischen Länder stärken. Und auch das wird eines der Ziele der Papstreise sein.

Übersetzt von Susanne Finner.

Das könnte Sie auch interessieren: