Dokumentiert: Was Franziskus den Häftlingen von Cereso sagte

Dieses selbstgemachte Kreuz bekam Papst Franziskus von einem Häftling geschenkt.
Foto: L'Osservatore Romano
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"Die göttliche Barmherzigkeit erinnert uns daran, dass die Gefängnisse ein Anzeichen für den Zustand unserer Gesellschaft sind": Papst Franziskus hat zum Auftakt seines letzten Tages in Mexiko die Strafvollzugsanstalt Cereso Nr. 3 in Ciudad Juarez besucht.

CNA dokumentiert den Wortlaut der Ansprache, wie sie das Presse-Amt des Heiligen Stuhls veröffentlicht hat.

Liebe Brüder und Schwestern,

 mein Besuch in Mexiko geht zu Ende, und ich wollte nicht abreisen, ohne zu euch zu kommen, ohne mit euch das Jubiläum der Barmherzigkeit zu feiern.

 Ich danke von Herzen für die Worte, die ihr zur Begrüßung an mich gerichtet habt und in denen ihr viele Hoffnungen und Bestrebungen wie auch viele Leiden, Ängste und Fragen zum Ausdruck bringt.  Bei der Reise in Afrika konnte ich in der Stadt Bangui die erste Pforte der Barmherzigkeit für die ganze Welt öffnen. Heute möchte ich bei euch und mit euch einmal mehr das Vertrauen bekräftigen, zu dem Jesus uns veranlasst: die Barmherzigkeit, die alle in jedem Winkel der Erde umfasst. Es gibt keinen Ort, zu dem seine Barmherzigkeit nicht gelangen könnte, keinen Ort und keinen Menschen, den sie nicht berühren könnte. 

Das Jubiläum der Barmherzigkeit mit euch zu feiern bedeutet, an den Weg zu erinnern, den wir dringend einschlagen müssen, um die Teufelskreise der Gewalt und der Kriminalität zu durchbrechen. Wir haben schon mehrere Jahrzehnte verloren, weil wir dachten und glaubten, dass sich alles durch Isolierung, Abschiebung, Inhaftierung löst. Und so haben wir die Probleme abgeschüttelt in der Meinung, diese Mittel seien eine wirkliche Abhilfe. Wir haben vergessen, uns auf das zu konzentrieren, was wirklich unsere Sorge sein muss: Das Leben der Menschen; ihr Leben, das ihrer Familien und das von denen, die ebenfalls aufgrund dieses Kreislaufs der Gewalt gelitten haben.

Die göttliche Barmherzigkeit erinnert uns daran, dass die Gefängnisse ein Anzeichen für den Zustand unserer Gesellschaft sind, dass sie in vielen Fällen ein Anzeichen für ein Schweigen und für Unterlassungen sind, die eine Wegwerfkultur hervorgebracht haben. Dass sie ein Anzeichen sind für eine Kultur, die aufgehört hat, auf das Leben zu setzen; für eine Gesellschaft, die ihre Söhne und Töchter Schritt für Schritt verlassen hat.

Die Barmherzigkeit erinnert uns daran, dass die Wiedereingliederung nicht hier zwischen diesen Wänden beginnt, sondern dass sie vorher beginnt, „draußen“, auf den Straßen der Stadt. Die Wiedereingliederung oder Rehabilitierung beginnt, indem man ein System schafft, das man als ein System sozialer Gesundheit bezeichnen könnte, das heißt eine Gesellschaft, die versucht, die Beziehungen in den Stadtvierteln, in den Schulen, auf den Plätzen, auf den Straßen, in den Familien, im gesamten gesellschaftlichen Spektrum nicht durch Ansteckung krank zu machen. Ein System sozialer Gesundheit, das sich bemüht, eine Kultur hervorzubringen, die handelt und versucht, jenen Situationen, jenen Wegen vorzubeugen, die am Ende das soziale Gefüge verletzen und verderben. 

Manchmal könnte es scheinen, als seien die Gefängnisse mehr darauf bedacht, die Menschen außerstande zu setzen, weiter Straftaten zu begehen, als darauf, die Prozesse der Rehabilitierung zu fördern, die gestatten, die sozialen, psychologischen und familiären Probleme zu berücksichtigen, die einen Menschen zu einem bestimmten Verhalten geführt haben. Das Problem der Sicherheit erledigt sich nicht allein durch Inhaftierung, sondern es ist ein Aufruf zum Eingreifen, indem man die strukturellen und kulturellen Ursachen der Unsicherheit bekämpft, die das gesamte soziale Gefüge schädigen.

Die Sorge Jesu, sich um die Hungrigen, die Dürstenden, die Obdachlosen und die Gefangenen zu kümmern (vgl. Mt 25,34-50) sollte das tiefe Gefühl der Barmherzigkeit des Vaters ausdrücken. Und diese Barmherzigkeit wird zu einem moralischen Imperativ für die gesamte Gesellschaft, die die Voraussetzungen erfüllen möchte, die für ein besseres Zusammenleben notwendig sind. In der Fähigkeit einer Gesellschaft, ihre Armen, ihre Kranken und ihre Gefangenen einzubeziehen, liegt die Möglichkeit, dass diese ihre Wunden heilen und ein gutes Zusammenleben aufbauen können. Die gesellschaftliche Wiedereingliederung beginnt damit, dass alle unsere Kinder in die Schulen aufgenommen und ihre Familien in würdige Arbeiten eingeführt werden; dass öffentliche Zonen für Freizeit und Erholung sowie Einrichtungen der Bürgerbeteiligung geschaffen werden, dass Gesundheitsdienste und Zugang zu den wichtigsten Serviceleistungen gewährt werden, um nur einige Mittel zu nennen.

Das Jubiläum der Barmherzigkeit mit euch zu feiern, bedeutet zu lernen, nicht der Vergangenheit, dem Gestern verhaftet zu bleiben. Es bedeutet zu lernen, der Zukunft, dem Morgen die Tür zu öffnen; zu glauben, dass die Dinge sich ändern können. Das Jubiläum der Barmherzigkeit mit euch zu feiern bedeutet, euch aufzufordern, das Haupt zu erheben und dafür zu arbeiten, diesen ersehnten Raum der Freiheit zu gewinnen.

Wir wissen, dass man das Rad nicht zurückdrehen kann, wir wissen, dass das Geschehene geschehen bleibt. Darum wollte ich mit euch das Jubiläum der Barmherzigkeit feiern, denn das will nicht heißen, dass es keine Möglichkeit gibt, von jetzt an eine neue Geschichte zu schreiben. Ihr leidet darunter, gefallen zu sein, und bereut eure Taten, und ich weiß, dass ihr in vielen Fällen – im Rahmen starker Bedingtheiten – versucht, aus der Einsamkeit heraus einen neuen Anfang zu machen. Ihr habt die Kraft des Schmerzes und der Sünde kennen gelernt; vergesst nicht, dass euch auch die Kraft der Auferstehung zur Verfügung steht, die Kraft der göttlichen Barmherzigkeit, die alles neu macht. Jetzt kommt vielleicht der härteste, der schwierigste Teil auf euch zu, doch damit es der sei, der am meisten Frucht bringt, ringt von hier drinnen aus, um die Situationen umzukehren, die weitere Ausschließung erzeugen. Sprecht mit euren Lieben, erzählt ihnen eure Erfahrung, helft, den Teufelskreis der Gewalt und der Ausschließung zu stoppen! Wer den Schmerz bis zum Äußersten erlitten hat und – wir könnten sagen – „die Hölle durchgemacht hat“, kann ein Prophet in der Gesellschaft werden. Arbeitet dafür, dass diese Gesellschaft, die gebraucht und wegwirft, nicht weiter Opfer fordert!

Ich möchte auch das Personal ermutigen, das hier und in anderen ähnlichen Zentren arbeitet: die Leiter, die Beamten der Gefängnispolizei und alle, die irgendeine Art von Service in diesem Zentrum leisten. Und ich danke für den Einsatz der Seelsorger, der geweihten Personen und der Laien, die sich der Aufgabe widmen, die Hoffnung des Evangeliums der Barmherzigkeit in der Haftanstalt aufrecht zu erhalten. Vergessen Sie nicht, dass Sie alle Zeichen des erbarmungsvollen Herzens des himmlischen Vaters sein können. Wir brauchen uns gegenseitig, um vorwärts zu kommen.

Bevor ich euch den Segen gebe, hätte ich gerne, dass wir einen Augenblick schweigend beten.

Dass jeder Gott aus tiefstem Herzen bittet, uns zu helfen, an seine Barmherzigkeit zu glauben.  Und ich bitte euch, nicht zu vergessen, für mich zu beten.

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