"Er hat nie Illusionen": Interview mit Peter Seewald über sein Papstbuch und Benedikt XVI.

Papst Benedikt XVI. im Jahr 2010
Foto: Mazur / Catholic Church England and Wales (CC BY-NC-SA 2.0)
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Mit seiner neuen Mammut-Biographie "Benedikt XVI. Ein Leben"(*) hat Peter Seewald die "Jahrhundertbiografie" des Menschen Joseph Ratzinger nachgezeichnet. Edward Pentin, der Romkorrespondent des National Catholic Register, hat den Autor interviewt.

CNA Deutsch veröffentlicht das deutschsprachige Original mit freundlicher Genehmigung.

EDWARD PENTIN: Herr Seewald, wie ist dieses Buch entstanden?

PETER SEEWALD: Na ja, wie Biografien halt entstehen. Mit viel Recherche, Gesprächen mit Zeitzeugen, Auswertung von Archivmaterial etc. In diesem Fall gab es den Vorteil, auch ausführlich mit dem Protagonisten selbst zu sprechen. Bei einem Werk wie diesem darf aber auch die Unterstützung durch Menschen nicht fehlen, die das Projekt im Gebet begleiten. 

Das Buch enthält viele neue Interviews mit dem emeritierten Papst - wann fanden diese statt?

Ich begann damit Laufe des Jahres 2012, als Papst Benedikt noch im Amt war. Wir führten die Gespräche bis 2018 weiter, zuletzt im seinem kleinen Kloster in den Vatikanischen Gärten. 

Sie kennen Benedikt gut und seit vielen Jahren, aber als Sie dieses Buch schrieben und aus den Interviews, die Sie mit dem emeritierten Papst führten, was haben Sie über ihn erfahren, was Sie vorher nicht wussten?

Ach, da gibt es unzählige Dinge. Das Leben Joseph Ratzingers ist eine Jahrhundertbiografie. Man hatte dabei immer gedacht, der Aufstieg des früheren Theologie-Professors sei ein glatter Durchmarsch gewesen, eine Karriere ohne Brüche. Doch es gibt darin unzählige Auf und Abs, mit Dramen, die an den Rand des Scheiterns führten. Da waren die Erfahrungen in der Nazizeit, als es hieß, katholische Priester würden nach dem "Endsieg" entweder Berufsverbot bekommen oder im KZ landen. Als Student hatte er sich in ein Mädchen verliebt ­– eine Geschichte, die seine Entscheidung für den Priesterberuf existentiell machte. Ein kritischer Aufsatz hätte ihm Ende der 50er-Jahre beinahe die Berufung auf einen Lehrstuhl gekostet. In Bonn wiederum wurde er gefeiert als neuer Star am Himmel der Theologie – und gleichzeitig als gefährlicher Modernist oder gar Freimaurer verdächtigt.

Auffallend ist seine Nähe zu unbequemen, eigenständig denkenden Persönlichkeiten. Mir war auch nicht bewusst, dass Ratzingers Anteil am Konzil nicht marginal, sondern riesig ist. Er selbst hat das immer heruntergespielt. Aber an der Seite von Kardinal Frings war er im Grunde der maßgebliche Spin-Doctor des Vatikanums. Eine reine Legende hingegen ist die Erzählung von seinem "Trauma" während der Studentenrevolte in Tübingen. Oder die Geschichte von seiner Wende vom Revolutionär zum reaktionären Bremser. Ich habe alle diese Dinge gründlich untersucht, auch die sogenannten Skandale wie die Williamson-Affäre oder "Vatileaks", und komme zu ganz anderen Ergebnissen als jenen, die nur ein Klischee wiedergeben.

Ratzinger ist nicht ohne Fehler. Er hat auch als Pontifex nicht alles richtiggemacht. Aber es kommt ja nicht von ungefähr, dass er weltweit als einer der großen Denker unserer Zeit gilt. Sein Werk ist bedeutend, und sein Leben spannend, so dass es sich allemal lohnt, sich damit zu beschäftigen. Zudem ist die Biografie mit ihren zeitgeschichtlichen Hintergründen nicht nur eine spirituelle und historische Reise durch ein aufregendes, dramatisches Jahrhundert, sie zeigt auch die Lehren aus all den Jahrzehnten, die brandaktuell sind und Antworten geben gerade auch auf die aktuelle Glaubens- und Kirchenkrise des Westens.

Nach dem, was wir von Ihrem Buch bereits wissen, behauptet Benedikt, dass die moderne Gesellschaft dabei ist, diejenigen "sozial zu exkommunizieren", die mit Abtreibung oder der gleichgeschlechtlichen Agenda, die er dem Geist des Antichristen zuschreibt, nicht einverstanden sind. Was rät er den Gläubigen angesichts dieser Bedrohungen zu tun?

Beten und arbeiten. Einfach standzuhalten. Sich vom Relativismus nicht anstecken zu lassen und nicht zu verzweifeln. Denn letztendlich wird Christus immer Sieger bleiben. Die Gesellschaft ist auf die Quellen angewiesen, durch die sie aus dem religiösen Raum gespeist wird. Wir sehen aus den grausamen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, was drohen würde, sollten christliche Weltanschauung und christliche Ethik ganz aus der öffentlichen Debatte verbannt werden.

Gleichzeitig hat sich Ratzinger nie Illusionen über die grundsätzliche Widersprüchlichkeit zwischen einer säkularen Gesellschaft und dem Denken und Leben von Christen gemacht. Die Situation einer kleiner werden Glaubensgemeinschaft sah er schon früh auf uns zukommen. In seiner Schrift "Die neuen Heiden und die Kirche" aus dem Jahr 1958 heißt es: "Es wird der Kirche auf die Dauer nicht erspart bleiben, Stück um Stück von dem Schein ihrer Deckung mit der Welt abbauen zu müssen und wieder das zu werden, was sie ist: Gemeinschaft der Glaubenden." Ratzinger sah im "Heilsweg Gottes" eine Kirche der Kleinen entstehen. Das heißt eine Kirche von relativ wenigen Bekennern, denen dann die Vertretung der Vielen aufgetragen ist. Nur wenn die Kirche aufhöre, "eine billige Selbstverständlichkeit zu sein, nur wenn sie anfängt, sich selber wieder als das darzustellen, was sie ist", mahnte er "wird sie das Ohr der neuen Heiden mit ihrer Botschaft wieder zu erreichen vermögen". 

Sie erwähnen, dass er ein spirituelles Testament verfasst, das nach seinem Tod veröffentlicht werden soll. Warum hat er das Bedürfnis verspürt, dieses zu schreiben, und haben Sie eine allgemeine Vorstellung davon, was es enthalten könnte?

Zunächst wollte der emeritierte Papst kein geistliches Testament verfassen, er hat sich aber nun eines anderen besonnen. Ich denke, Benedikt XVI. will damit seiner Kirche und der Gesellschaft noch einmal mit einem Wort dienen, das über die Zeit hinausreicht. Es gibt eine gute Tradition in diesen nachgelassenen päpstlichen Texten. Denken wir an das schöne Testament von Paul VI. Ich bin kein Hellseher, aber ich kann mir vorstellen, dass in dem Papier Benedikts die Sorge um die Zukunft des Glaubens zum Ausdruck kommt, aber gleichzeitig auch eine Hilfe, um in wirren Zeiten Menschen zu stärken, und zwar nicht nur die gläubigen.

 

Sie erwähnen, dass die Beziehungen zu Papst Franziskus gut sind, aber häufig hört man von Gläubigen, die sich wünschen, dass Benedikt nicht zurückgetreten wäre, und dass sie glauben, dass er mit einigen Entscheidungen dieses Pontifikats niemals einverstanden wäre. Was sagen Sie zu dieser Ansicht? 

Der frühere und der amtierende Papst haben ein unterschiedliches Temperament, ein unterschiedliches Charisma, und sie haben jeweils eine eigene Art, das Amt auszuüben. Wir sehen an den Päpsten des letzten Jahrhunderts, dass auf einen eher intellektuellen Pontifex zumeist ein eher emotionalerer folgt. Das war nie ein Nachteil. Zweifellos kann es zwischen Benedikt XVI. und Papst Franziskus unterschiedliche Betrachtungsweisen geben. Aber das spielt keine Rolle. Der Papst ist der Papst. Ratzinger hat seinem Nachfolger Gehorsam versprochen, noch ehe er überhaupt wusste, wer in seine Fußstapfen treten würde, und er hat in all den Jahren peinlichst darauf geachtet, dass ein Vorwurf der Einmischung erst gar nicht entstehen kann. Bei vielen der letzten Fragen zum Beispiel, die ich ihm stellte, lehnte er es ab, zu antworten. Eine Beantwortung, so sein Kommentar, würde "unweigerlich eine Einmischung in das Wirken des jetzigen Papstes darstellen. Alles, was in diese Richtung ginge, musste ich und will ich vermeiden." Zudem sagt er in meinem Buch wörtlich: "Die persönliche Freundschaft mit Papst Franziskus ist nicht nur geblieben, sondern weiter gewachsen."

 

Eine Gruppe von Gläubigen, die vom gegenwärtigen Pontifikat enttäuscht ist, argumentiert, dass Benedikt Papst bleibt. Hat er diese Frage in dem Buch überhaupt angesprochen, und vielleicht auch die Bedenken, die diese Leute haben, dass er das Bild "zweier Päpste" zu fördern scheint, indem er einige der Insignien des Papsttums beibehält?

Wie schon gesagt: Der Papst ist der Papst. Es gibt neben ihm keinen zweiten Pontifex, jedenfalls nicht in unserer Zeit. Die Rede von Ratzinger als "Schattenpapst" ist genauso unsinnig wie die Mär, Bergoglio würde von den "Wölfen" im Vatikan an die Wand gedrückt werden. Als erster wirklich regierender Papst der Geschichte, der sein Amt niederlegte, musste Ratzinger gewissermaßen eine neue Tradition in der katholischen Kirche begründen. Niemand wusste ja, wie ein demissionierter Papst sich nennen sollte, wie er sich kleiden und welche Dinge er nach seinem Rücktritt tun oder nicht tun sollte. Benedikt XVI. ist einerseits Emeritus, wie es auch emeritierte Bischöfe gibt, andererseits unterscheidet er sich als früherer Papst von gewöhnlichen Bischöfen. Dazu gehört, dass er die Insignien eines regierenden Papstes ablegte, aber weiterhin weiß trägt. Ich glaube nicht, dass die Menschen so einfältig sind, dass sie deshalb nicht zu unterscheiden wüssten, wer der amtierende Papst ist und wer nicht. Sollte auch Franziskus sein Amt niederlegen und Benedikt XVI. da noch leben, wird es sogar drei lebende Päpste geben, aber nur einen, der als Vicarius Christi auf dem Stuhl Petri sitzt.

 

Bietet das Buch ein vollständigeres Bild von Benedikts Gründen für seinen Rücktritt, und wenn ja, wie?

Die ganzen Umstände des Rücktritts werden in meiner Biografie bis ins Detail ausführlich dargelegt. Zudem nimmt Benedikt XVI. hierzu noch einmal deutlich Stellung. Ich denke, damit ist dann wirklich alles gesagt. Im Grunde ist das ja auch eine sehr simple Geschichte. Sie wirkt nur so geheimnisvoll, weil gewisse Leute nicht müde werden, noch immer irgendwelche Spinnereien hineinzugeheimnissen.

Der ganze Akt war ohnehin ein Rücktritt mit Ankündigung. Er hat weder mit "Vatilieaks", wie immer noch behauptet wird, noch mit Erpressung oder anderen Dinge zu tun. Wie die Päpste vor ihm hatte auch Benedikt XVI. schon bald nach seiner Wahl eine Rücktrittserklärung für den Fall unterschrieben, er könnte aufgrund einer schweren Krankheit, etwa von Demenz, sein Amt nicht mehr ausüben. In unserem Interviewbuch "Licht der Welt" erklärte er bereits 2010, dass ein Papst nicht nur das Recht, sondern mitunter auch die Pflicht habe, sein Amt niederzulegen, sollte er physisch und/oder psychisch nicht mehr in der Lage sein, es wirklich auszuüben. Johannes Paul II. ist hier ein Sonderfall. Es hatte ein eigenes Charisma, und sein Leidensweg, den es bedurfte, um der Kirche neue Kräfte zuzuführen, ist nicht wiederholbar. In den letzten Jahren Wojtylas war dabei freilich auch ein Vakuum entstanden, das nicht ohne Probleme war.

Benedikt XVI. sah für sich eine andere Berufung. Er war kein junger Mann mehr, als er in das Amt gewählt wurde. Er hat sich auch in den vielen Jahrzehnten davor, in denen er als Verteidiger des Glaubens an vorderster Front kämpfte, nie geschont. In seinem immerhin acht Jahre dauernden Pontifikat hatte er sich ganz ausgeschöpft. Dass er in seinem hohen Alter und bei seinen gesundheitlichen Handicaps, von denen die Öffentlichkeit nichts ahnte, dann auch noch eine Jesus-Trilogie hinlegte, grenzte fast schon ans Übermenschliche. Am Ende war er kraftlos und sah die Notwendigkeit, den Hirtenstab in jüngere, frischere Hände zu geben. Vor allem wollte er seinem potentiellen Nachfolger nicht die Chance nehmen, mit der Schubkraft des Weltjugendtages von Rio de Janeiro ins Amt zu starten, so wie er selbst es zu Beginn seines Pontifikats mit dem Weltjugendtag in Köln tun konnte.

Benedikt XVI. wusste, was er mit dem Akt seiner Demission lostritt. Er hat diesen Schritt in vielen Monaten durchdacht und im Gebet durchlitten. Man kann ihm glauben, wenn er sagt, er befindet sich damit im Reinen, gerade auch mit seinem Herrn, dem alleine gegenüber er letztlich verantwortlich ist.

 

Kritiker werden sagen, das Buch sei ein weiterer Bruch des Eides, den er selbst geschworen hat, im stillen Gebet fernab der Welt zu bleiben. Warum, glauben Sie, hat er sich bereit erklärt, nicht nur in diesem Buch, sondern auch schon in den "Letzten Gesprächen" und in sporadischen Aussagen und Essays das Wort zu ergreifen?  

Stopp: Meine Biografie ist ja keine Veröffentlichung von Papst Benedikt, sondern die Arbeit eines Journalisten. Und unsere "Letzten Gespräche" (in der englischen Ausgabe "Last Testament") enthalten Interviews, die im Rahmen meiner Arbeit für die Biografie bereits 2012 begonnen wurden, also noch im Pontifikat Benedikt XVI. Ratzinger wollte ursprünglich nicht, dass sie in einer eigenen Schrift veröffentlicht werden. Ich konnte ihn aber überzeugen, das Werk herauszugeben, als die Spekulationen über seinen Rücktritt nicht verstummen wollten. Das Erscheinen des Buches machte er aber von der Zustimmung durch Papst Franziskus abhängig, der diese auch bereitwillig gab. Im Übrigen hat Benedikt bei seinem Rücktritt kein Schweigegelöbnis abgelegt. Seine letzten Worte als amtierender Pontifex waren: "Ich möchte weiterhin, mit meinem Herzen, mit meiner Liebe, mit meinem Gebet, mit meinem Denken, mit allen meinen geistigen Kräften für das allgemeine Wohl, für das Wohl der Kirche und der Menschheit weiterarbeiten."

 

Wie geht es Benedikt in diesen Tagen, besonders in diesen Tagen der Quarantäne. Stehen Sie in regelmäßigem Kontakt mit ihm?

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie hält man sich in "Mater Ecclesiae" an die allgemeinen Vorschriften für Italien. Das hieß für die erste Zeit: niemand geht hinaus, niemand kommt herein. Körperlich ist der Papa emeritus inzwischen sehr gebrechlich. Seine Stimme ist so schwach geworden, dass man ihn kaum noch versteht. Geistig jedoch ist er noch immer fit. Er führt nach wie vor eine umfangreiche Korrespondenz und seine Briefe sind wie eh und je geistvoll und geschliffen formuliert.

Ich sehe ihn nur von Zeit zu Zeit. Papst Benedikt hatte mir all die Jahre über alle möglichen Fragen beantwortet, und natürlich hätte ich noch immer einiges nachzufragen. Aber irgendwann ist es genug. Ich bin froh, dass die vielen Begegnungen möglich waren und blicke mit Dankbarkeit auf unsere Interviews, die helfen, die Falschbilder von Benedikt XVI. zu korrigieren und die vielen Menschen die Möglichkeit geben, über das Leben und das Werk Joseph Ratzingers tiefer in den christlichen Glauben eindringen oder Christus auch ganz neu entdecken zu können.

Die Biographie "Benedikt XVI.: Ein Leben" von Peter Seewald ist bei Droemer erschienen und hat über 1000 Seiten.

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