Franziskus: 'Europa ist in Sachen Migration an einem kritischen Punkt'

Papst Franziskus auf dem Flug von Rom nach Quito (Ecuador) am 5. Juli 2015
Foto: CNA/Alan Holdren
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Mit Blick auf Lösungen der globalen Migrationskrisen hat Papst Franziskus am heutigen Freitag die Medien erneut aufgefordert, nicht weiter "negative Klischees" zu verbreiten. Europa bescheinigt der Pontifex indessen, an einem "kritischen Punkt" der Migrationskrise angelangt zu sein.

Die Presse solle die Zusammenhänge erklären und die Gründe für die Migration schildern, so der Pontifex in einem neuen Interview, das am heutigen Freitag veröffentlich wurde. 

"Die Massenmedien sollten darum bemüht sein, die verschiedenen Aspekte der Migration zu erklären, und auch die Öffentlichkeit auf die Gründe für dieses Phänomen aufmerksam machen", so der Papst.

Er nennt die "Menschenrechtsverletzungen, der gewaltsame Konflikt sozialer Unruhen, die mangelnde Grundversorgung, Naturkatastrophen und solche, die von Menschen gemacht sind: Das muss alles klar erzählt werden, damit das rechte Wissen und damit auch die rechte Herangehensweise möglich ist", fordert Franziskus. 

In seinem Interview mit "LibertàCivili" – ein Magazin des italienischen Innenministeriums – übt der Pontifex weitere scharfe Kritik an den Massenmedien. So wirft er ihnen vor, negative Vorurteile zu verbreiten. Mehr noch:

"Wie oft hört man von 'Illegalen' als Synonym für Migranten. Das ist inkorrekt; es ist Information, die von einer inkorrekten Annahme ausgeht und die Öffentlichkeit bewegt, eine negative Meinung zu entwickeln".

Dies sei ein Hinweis auf die Besessenheit der Medien mit Sensationalismus und negativen Geschichten, welche Aufmerksamkeit erregen, so der Papst weiter.

Ähnliche scharfe Vorwürfe hat Franziskus in der Vergangenheit bereits erhoben.

"Friedliche Integration der Kulturen"

So sei immer von den schlechten Dingen zu hören, die ein Einwanderer oder Flüchtling anrichte, aber es sei "eine selte Nachricht", die sich auf gute Geschichten über sie konzentriere, kritisiert der Papst. 

Gute Informationen seien dagegen solche, die "die Wände der Angst und Gleichgültigkeit niederreissen", so Franziskus weiter. Nur wenn die Medien, durch Bilder und Geschichten, den menschlichen Aspekt darstellen, würden die Klischees und Angst überwunden, komme es zu echter Begegnung und einem Willkommen gegenüber anderen Menschen.

Für Christen sei "die friedliche Integration Menschen verschiedener Kulturen" eine Reflektion der Katholizität der Kirche, ihrer Universalität, denn "ethnische und kulturelle Vielfalt ist eine Dimension des Lebens der Kirche, die im Geiste Pfingstens für alle offen ist", sagte er weiter. 

Menschlich gehandhabt stelle Migration eine Gelegenheit für Begegnungen und Wachstum für alle dar, fährt Franziskus fort. 

"Wir dürfen nicht das Gespür für brüderliche Verantwortung verlieren. Die Verteidigung von Menschen kennt keine Barrieren; wir sind alle vereint in unserem Verlangen nach einem würdevollen Leben für jeden Mann, jede Frau, jedes Kind das gezwungen wurde, seine Heimat zu verlassen. Es gibt in der Tat keinen Glaubensunterschied, der diesem Willen entgegenstehen kann."

Europa und andere Teile der Welt seien an einem "kritischen Punkt" angelangt, was Migration und das Management der Migrationspolitik angehe, so der Papst im Interview. Die politischen Entscheider bräuchten "Vorausschau und Zusammenhalt" sowie eine "wachsame Achtung für grundlegende Menschenrechte", um eine Politik zu machen, welche die Gründe für Zwangsmigration beseitige, so der Papst.

Einwanderer sollen Kultur der neuen Heimat achten

Dabei fordert der Papst – auch dies eine bereits oft wiederholte Aussage – eine internationale Zusammenarbeit anstreben, die ermögtlicht, dass sowohl Migranten die Gesetze, Traditionen und Kultur ihres neuen Aufenthaltsortes achten, als auch willkommen geheißen werden.

Europa habe in seiner Geschichte bereits Einwanderung wie Auswanderung erlebt, und solle sich dessen erinnern, so Franziskus weiter. 

"Wie schwierig war es nach dem Krieg für Millionen Europäer, die oft mit der ganzen Familie weggingen, und über das Meer nach Südamerika oder in die Vereinigten Staaten kamen!"

Auch für diese Nachkriegsmigranten sei es nicht leicht gewesen. "Die litten daran, als Fremde betrachtet zu werden, sie kamen von weit weg und sprachen die Sprache nicht. Es war kein einfacher Integrationsprozess", so Franziskus.

Neue Behörde mit neuer Abteilung

Seit dem 1. Januar 2017 ist im Vatikan eine neue Abteilung, die "Sektion für Migranten und Flüchtlinge" in dem ebenfalls neuen "Dikasterium für die Förderung der Ganzheitlichen Entwicklung des Menschen" tätig. Er habe diese Sektion geschaffen, weil "die Millionen Migranten, Flüchtlinge, Vertriebe und Opfer von Menschenhandel besonderer Pflege bedürfen", erklärt Franziskus. 

Er selber habe sich – "zumindest für einen Zeitraum" – zum Sektionschef gemacht, weil das Thema Migration so wichtig sei, betont der Papst im Interview. 

Wie bereits in der Vergangenheit seien Migranten eine "Bereicherung für unsere Gesellschaft", so Franziskus. "Von der Vergangenheit müssen wir viel lernen; es ist wichtig, behutsam zu handeln, ohne Angst vor Fremden zu schüren".

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